{"id":5004,"date":"2022-08-14T19:41:57","date_gmt":"2022-08-14T19:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=5004"},"modified":"2022-09-29T18:07:40","modified_gmt":"2022-09-29T18:07:40","slug":"tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/tot\/","title":{"rendered":"TOT"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>scheisszeitenwende 8<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Tage m\u00fcssen wir Zeugen eines ganz besonderen Artensterbens werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rolf Eden, Berlin, ist tot.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00f6chste Zeit!, werden bewusste Mensch:innen sagen. H\u00f6chste Zeit, dass es solche wie den Eden nicht mehr gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Typ war ein \u201ePlayboy\u201c.<strong> <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Igitt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was der alles gesagt hat! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Igittigitt! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin einfach nur wirklich potent, wenn ich viele verschiedene junge Damen habe; das ist f\u00fcr mich immer wieder interessant: Die kleinen s\u00fc\u00dfen Geschichten, die sie mir so erz\u00e4hlen, und was sie bedr\u00fcckt, was sie f\u00fcr kleine Sorgen haben. Und der Riesenspa\u00df, den wir immer haben: Wir verreisen zusammen, wir gehen aus. Ich versuche, die Damen zufriedenzustellen, ich meine jetzt nicht nur sexuell, sondern auch sonst. Ich verw\u00f6hne sie gerne mit kleinen Schmuckst\u00fccken. Ich glaube, Frauen muss man von oben bis unten jeden Tag verw\u00f6hnen und sie wirklich sehr happy machen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs war einfach ein Gl\u00fccksfall, dass ich immer Gl\u00fcck hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs geht mir gut, und ich bin einer der gl\u00fccklichsten Menschen. Ich bin Rolf Eden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDori war ein wenig \u00e4lter als ich. Die hatte ja schon im Weltkrieg f\u00fcr die Engl\u00e4nder gek\u00e4mpft. Sie war Krankenschwester, mit ihr habe ich im Camp mein erstes Kind gemacht. Das habe ich bis heute \u2013 es ist \u00fcber 60. Bin ja auch schon 80 \u2013 oder so.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWenn ich morgens aufstehe, dann ist die erste Frage: Mit welcher Frau gehe ich heute Abend essen? Und die zweite: Welches Auto nehme ich?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Brigitte, die <em>Brischit<\/em>, ist 30, die ist eigentlich zu alt. Aber sie ist so s\u00fc\u00df, sie kann bleiben. Fantastisch ist sie. Wenn ich ein M\u00e4del nach Hause bringe, hilft mir <em>Brischit<\/em> noch, das Girl auszuziehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAbschleppen \u2013 das Wort habe ich erfunden. Und dazu den Abschlepp-Twist: <em>Geld ist nicht wichtig, aber geil muss sie sein, sch\u00f6n muss sie sein, sch\u00f6n muss sie sein, sch\u00f6n muss sie sein nur f\u00fcr mich. Und wenn sie k\u00fcssen kann, wuhaha, so r-r-richtich k\u00fcssen kann, dann schaff ich alles an, was dieser Frau gef\u00e4llt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Frau, auf der ich mal sterbe, bekommt 250000 Euro. Es muss aber w\u00e4hrend dem Sex sein. Das hat sich herumgesprochen &#8211; die Frauen strengen sich noch mehr an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bl\u00f6d gelaufen \u2013 die Viertelmillion ist nicht ausbezahlt worden. Die <em>taz <\/em>berichtet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der fr\u00fchere Berliner Playboy Rolf Eden ist tot. Er sei im Alter von 92 Jahren gestorben, teilte seine Familie mit. \u201eMit Rolf Eden verliert auch Berlin eine Ikone seiner Zeit, er liebte und ver\u00e4nderte diese Stadt wie kein anderer.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1930 in Berlin-Tempelhof geboren, 1933 mit der j\u00fcdischen Familie vor den Nazis nach Pal\u00e4stina geflohen, sp\u00e4ter f\u00fchrten seine Eltern ein Hotel in Haifa, der 14-j\u00e4hrige Eden verlie\u00df die Schule und wollte Musiker werden. 1948 k\u00e4mpfte er zun\u00e4chst als Elite-Soldat der israelischen Armee und ging in den 50ern dann nach Paris. Dort versuchte er es als Musiker, als Kellner, Chauffeur, Autoh\u00e4ndler. <em>Mit 26 Jahren las er in der Zeitung, dass jeder im Ausland lebende Berliner f\u00fcr eine R\u00fcckkehr 6000 Mark bekomme und reiste nach Berlin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBerlin ist die s\u00fc\u00dfeste, sch\u00f6nste Stadt, die ich kenne, da kann keine andere mithalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Liza Minelli feiert bei Eden, Louis Armstrong, Barbara Valentin und Jack Lemmon. Er veranstaltet die erste Miss-Wahl, engagiert erste DJs, \u00fcbernimmt erste Filmrollen, einmal sogar neben Klaus Kinski. In seiner Gro\u00dfdisco Big Eden versacken die Rolling Stones\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Playboy!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war so ein Macho, der den Damen die T\u00fcren auf- und sie beim Hummer-Knacken freigehalten hat. Einer f\u00fcr Gespr\u00e4che, gekonnt und ohne Kant. Glatt rasiert. Befl\u00fcgelt gelebt. Eden hat sieben Kinder gezeugt, mindestens \u2013 tausend Frauen flachgelegt, mindestens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Playboy ebent. Einer wie Gunter Sachs. Der ehelichte mal die Franz\u00f6sin Brigitte (<em>Brischitt<\/em>) Bardot, schon bald langweilte man sich und lie\u00df die Ehe ins Leere laufen. Danach sagte die Bardot:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch hatte nicht einen Mann allein geheiratet, sondern eine Sippschaft herumscharwenzelnder Playboys, die durch Komplizenschaft enger zusammengeschmiedet waren, als es eine Ehe je vermochte. In ihrem Leben fungierten die Frauen gewiss nicht als \u201aFrau\u2018 im positivsten Sinne. Sie suchten sich sch\u00f6ne, junge und vorzugsweise dumme Gef\u00e4hrtinnen. Pech f\u00fcr Gunter! Da ich die letztgenannte Qualifikation nicht besa\u00df, fiel ich ihm zunehmend l\u00e4stig. Er playboyte herum, und ich stand ihm dabei im Wege!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u201ePlayboy\u201c steht erstmals 1828 im <em>Oxford English Dictionary<\/em> seinen Mann. Da hei\u00dft es, er sei \u201eein Mensch, besonders ein wohlhabender, der darauf aus ist, sich zu erfreuen, ein selbsts\u00fcchtiger Genusssucher\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Porfirio Rubirosa, Diplomat aus der Dominikanischen Republik, erkl\u00e4rte seine Playboy-Philosophie so: \u201eArbeit? Ich habe keine Zeit f\u00fcr Arbeit. Die meisten M\u00e4nner w\u00fcnschen sich nichts sehnlicher, als Verm\u00f6gen zu verdienen, ich will nur Verm\u00f6gen ausgeben.\u201c Rubirosa war immer auf der \u00dcberholspur. Am 5. Juli 1965 crashte er seinen Ferrari und kam dabei dummerweise ums Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Vertreter der Spezies:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Charles Baudelaire. Lord Byron. F\u00fcrst Hermann von P\u00fcckler-Muskau. Der Prince of Wales, sp\u00e4terer Herzog von Windsor. Arndt von Bohlen und Halbach. Alfonso Prinz zu Hohenlohe. Gunter Sachs (der sich selbst <em>homo ludens<\/em>, einen spielenden Menschen, nannte und sich die Kugel gab, als ihm nicht mehr nach Spielen war)\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rolf Eden ist gl\u00fccklich gewesen und hinter den Frauen her. Doof war er auf keinen Fall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben Nachtclubs waren Immobilien in Berlin sein Ding. Um die 30 Mietsh\u00e4user mit mehreren hundert Wohnungen besitze er, sagte er vor zehn Jahren: \u201eBeste Altersvorsorge\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer ihn in seiner Bauhaus-Villa in Dahlem besuchte, wurde hereingebeten und \u2013 egal zu welcher Tageszeit \u2013 gefragt \u201eEin Gl\u00e4schen Champagner?\u201c Er selbst mixte sich einen Smoothie. Er stopfte Wassermelone, \u00c4pfel, Orangen, Kopfsalat, M\u00f6hren in den Mixer, \u201eder trennt das. Mache ich jeden Tag.\u201c Dann setzte er sich ans Klavier, spielte Udo J\u00fcrgens, stand mittendrin auf, das Klavier spielte weiter (\u201eist elektrisch, da werden die Frauen schwach\u201c), trank seinen Smoothie. \u201eFantastico\u201c, sagte er. \u201eUnd gesund\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein zufriedener, gastfreundlicher Mann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der kluge Bernd Mathies hat \u00fcber Rolf Eden mal geschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGew\u00f6hnen wir uns also an den Gedanken, dass da einer stinkreich, treulos, verschwenderisch und erkl\u00e4rterma\u00dfen total oberfl\u00e4chlich sein kann, ohne dass irgendein m\u00fcrrischer Gott ihm jemals in die Parade f\u00e4hrt. M\u00f6glicherweise sind sein Charme, seine Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, sein ganzes von Boshaftigkeit und Neid offenbar freies Wesen straferleichternd in die Waagschale gefallen, oder es gibt eben wirklich so etwas wie ein autonomes, gl\u00fcckliches Leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt ist Schluss mit Genuss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder, mit den Worten von Meister Eden:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDann ist man eben weg wie eine Fliege, Wiedersehen, ciao\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Foto: Barbara Volkmer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 8 Dieser Tage m\u00fcssen wir Zeugen eines ganz besonderen Artensterbens werden. Rolf Eden, Berlin, ist tot. H\u00f6chste Zeit!, werden bewusste Mensch:innen sagen. H\u00f6chste Zeit, dass es solche wie den Eden nicht mehr gibt. Der Typ war ein \u201ePlayboy\u201c. Igitt! Was der alles gesagt hat! 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