{"id":4966,"date":"2022-05-04T10:49:47","date_gmt":"2022-05-04T10:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4966"},"modified":"2022-09-29T18:04:40","modified_gmt":"2022-09-29T18:04:40","slug":"scheisszeitenwende-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/scheisszeitenwende-4\/","title":{"rendered":"ABSTURZ"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>scheisszeitenwende 5<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><\/p>\n\n\n\n<p>Der April geht zu Neige.<\/p>\n\n\n\n<p>In London steigt Boris Becker, 54, aus einem Taxi, er wird begleitet von seiner jungen Freundin, die Zwei nehmen sich an den H\u00e4nden. Seit einem Jahr leben sie Erster Klasse zusammen. Sie sind gut herum gekommen in der teuren Welt, man hat Rote Teppiche f\u00fcr sie ausgerollt, Champagner kalt gestellt. Wo sie waren, war Party.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem sp\u00e4ten Freitagvormittag balgen sich die Fotografen wieder um Bilder von der Frau und von Boris Becker. Das Paar geht auf die Meute vor einem Londoner Gericht zu; Boris Becker hat Schmerzen in den Knien und im R\u00fccken, er humpelt ein wenig, ein m\u00fcder Mann mit traurigen Augen und einem von Alkohol, Tabletten und Angst ramponierten Gesicht ist er, bem\u00fcht um den aufrechten Gang.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Begleiterin war wohl schon einmal beim Sch\u00f6nheitschirurgen, der ihr die Lippen gemacht hat; sie ist f\u00fcr den Gerichtsauftritt sorgf\u00e4ltig hergerichtet. Riesige schwarze Sonnenbrille, ein cremewei\u00dfer Business-Look f\u00fcr reiche Anw\u00e4ltinnen, eine Handtasche f\u00fcr 20000 Pfund. Sie verachtet den Augenblick und die Presse-Untermenschen, die sich zusammen gerottet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Boris Becker und die hochgemute Frau biegen vom B\u00fcrgersteig nach links ab und nehmen die drei geklinkerten Stufen zum Court Yard. Sie verschwinden im Geb\u00e4ude. Der Ma\u00dfanzug des Mannes ist zerknittert, er hat einen krummen R\u00fccken, der wohl nie wieder gerade werden wird. Ihre schwarzen Stilettos klackern, einszweidrei, die Treppe hoch. Die zwei Menschen verschwinden, es ist halb eins, schwere Wolken schieben sich \u00fcber London, aber die Meteorologen haben f\u00fcr den Mai Fr\u00fchjahrs-Erwachen angek\u00fcndigt. Bald werden die Menschen vor den Stra\u00dfencaf\u00e9s sitzen, sie werden in ihren Cabrios durch die City fahren und sich den warmen Wind durchs Haar wirbeln lassen, bald werden sie beim Tennisturnier von Wimbledon s\u00fcndteure Erdbeeren essen und Champagner s\u00fcffeln, sie werden den Fr\u00fchling und den Sommer genie\u00dfen und Corona und Kriege vergessen. Das Leben kann doch sch\u00f6n sein, nicht wahr?<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor sechs Uhr abends verl\u00e4sst an diesem Abend die elegante Frau das Gerichtsgeb\u00e4ude ohne Boris Becker. Der wartet auf einen vergitterten Bus, der ihn ins Gef\u00e4ngnis bringt. Zweieinhalb Jahre muss Boris Becker in den Knast. \u201eInsolvenzverschleppung\u201c hei\u00dft das Vergehen \u2013 und die Richterin meinte, dass Becker so ein schlimmer Mensch sei, dass es f\u00fcr ihn keine Bew\u00e4hrungsstrafe geben d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, ab ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist der beste Tennisspieler der Welt gewesen. Zum \u201eHelden\u201c ist er mit seinen Siegen und Niederlagen geworden. Er war ein Unverletzbarer. Das Wort \u201eNein\u201c galt f\u00fcr ihn nicht. Boris Becker gew\u00f6hnte sich daran, der K\u00f6nig der Welt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tennis machte er als Held weiter. Warf sein Geld unter die Leute. Verf\u00fchrte und lie\u00df sich verf\u00fchren. Richtete den K\u00f6rper zugrunde, den er schon als Tennisspieler geschunden hatte. Alles war ein gro\u00dfes gef\u00e4hrliches Spiel \u2013 und Boris Becker machte sich selbst zum Einsatz. Er war \u00fcberzeugt, dass er am Ende doch wieder der Held sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Nein akzeptierte er nicht. Er kannte doch aus den fr\u00fchen Zeiten das St\u00fcck, in dem er die Hauptrolle spielt:<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn er mit dem R\u00fccken zur Wand steht, auch wenn er schon gestrauchelt ist \u2013 am Ende rappelt sich Boris Becker hoch, gewinnt mit blutenden Knien den Kampf und steht als der Triumphator vor den jubelnden Massen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun erlebt er seine ganz pers\u00f6nliche Zeitenwende.<\/p>\n\n\n\n<p>Axel Kerr sitzt im \u201eNostalgie\u201c, als der RTL-Reporter live aus London berichtet, dass \u201ef\u00fcr den Boris in diesem Augenblick die Handschellen klicken.\u201c Kerr hat Magenschmerzen. Was f\u00fcr ein schlimmer Tag. Weg gesperrt! Der Boris! Darf so etwas sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Einer im \u201eNostalgie\u201c sagt: \u201eDit hat er nich vadient. Wat jetz f\u00fcr den kommt, kann er nich ab. Jetz wird der Boris pl\u00f6tzlich inne Realit\u00e4t jeschmissen. Da kann einer dran varrecken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fernsehen sagt eine Moderatorin mit dicken Lippen, dass \u201ees ein Schock ist. Boris muss ins Gef\u00e4ngnis\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt muss er in den Knast. Den Anzug ausziehen. Den teuren Binder in Wimbledon-Design ablegen. Sich in den Arsch gucken lassen. Die Kluft anlegen \u2013 Boris ist sehr gro\u00df und hat eine Wampe, er braucht weite Sachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Scheisse sieht er aus nach der Prozedur, einfach scheisse. Er schlurft hinter einem Beamten her, und da sind die Knast-Ger\u00e4usche.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen, die laut atmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen, die da sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geb\u00e4ude, das rumpelt und st\u00f6hnt, es ist kalt und faucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schl\u00fcssel, die am Bund des Beamten klirren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ende des Gehens das Aufsperren einer T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00f6rt er keine Ger\u00e4usche mehr, dann tut er einen Schritt in die Zelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist durchschrocken in diesem Moment.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nachdem er den Schritt in die Zelle gemacht hat, wird es echt schlimm.<\/p>\n\n\n\n<p>Axel wacht schreckt aus seinen Phantasien \u00fcber Boris Becker hoch. Am Tresen reden sie nicht mehr \u00fcber den Tennisspieler von einst, am Tresen reden sie \u00fcber einen aus dem Kiez, der gestorben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Axel blickt auf seinen Hund, der unterm Tisch d\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSputnik \u2013 wir m\u00fcssen.\u201c Der Hund streckt sich und ist bereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Stra\u00dfe ist es noch hell. Sie werden einen langen Spaziergang zum Hotel machen. Dann bekommt der Hund Fressen, Kerr hat noch kalte Pizza. Er wird den Fernseher einschalten und Zeitung lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgen Vormittag besuchen sie den Rolf, dann geht es zur\u00fcck nach Bayern.<\/p>\n\n\n\n<p>Axel Kerr ist ganz froh. Berlin \u2013 da hat er sich mal so wohl gef\u00fchlt \u2013 ist nicht mehr seins. Nirgendwo ist mehr seines. Dann ist es besser, er f\u00e4hrt zur\u00fcck aufs Land, dort f\u00fchlt sich wenigstens der Hund zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 5 Der April geht zu Neige. In London steigt Boris Becker, 54, aus einem Taxi, er wird begleitet von seiner jungen Freundin, die Zwei nehmen sich an den H\u00e4nden. Seit einem Jahr leben sie Erster Klasse zusammen. 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