{"id":4920,"date":"2022-04-09T18:36:44","date_gmt":"2022-04-09T18:36:44","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4920"},"modified":"2022-09-29T18:03:14","modified_gmt":"2022-09-29T18:03:14","slug":"scheisszeitenwende-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/scheisszeitenwende-3\/","title":{"rendered":"ARME SAU"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>scheisszeitenwende 4<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Maxim Biller tut kund, er werde nie mehr einen Roman schreiben, weil er so verzweifelt sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit hat \u2013 so er sich an seinen Schwur halten sollte \u2013 dieser Biller \u00f6ffentlich seine \u201eZeitenwende\u201c definiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das evoziert eine recht verhaltene Bambule unter den Feuilleton-Schwuletten. Ansonsten ist der Biller-Zorn-Seufzer so interessant wie das in Zentralchina umfallende Rad.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist gerade mal einen Tag in Berlin. Axel Kerr sitzt im \u201eEinstein\u201c, wo er ein Fr\u00fchst\u00fcck bestellt hat. Ein bisschen irritiert ist er, weil er das \u201eEinstein\u201c anders in Erinnerung hat. Die haben wohl w\u00e4hrend des Lockdowns ein paar Mauern weggerissen \u2013 zumindest scheint es ihm jetzt, als sitze er in einem Erster-Klasse-Wartesaal der Kaiserlich- und K\u00f6niglichen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kann sich das Fr\u00fchst\u00fcck hier nur schwer leisten. Zwei Eier im Glas, Marillenmarmelade, zwei Semmeln, ein Kaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>Luxus f\u00fcr Axel Kerr, der auf Besuch in der Stadt ist. Er hat sich am Eingang zwei Tageszeitungen gegriffen, die wird er studieren, vielleicht wird er Notizen machen und \u00fcber eine neue Erz\u00e4hlung nachdenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist ordentlich in Form, sauber rasiert, riecht nach Gu\u00e9rlain, sein zerwetzter hellblauer Pullover ist aus feinem hundertprozentigem Kaschmir, ausgetretene 15 Jahre alte ma\u00dfgeschneiderte Leichtbergschuhe tr\u00e4gt er. Das T-Shirt h\u00e4ngt locker \u00fcber der Jeans, der Typ sieht nicht uninteressant aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er nimmt einen L\u00f6ffel Ei und beschlie\u00dft, vor den Tageszeitungen und den Notaten durchs Netz zu strolchen. Er guckt auch nach, was sich auf \u201eFacebook\u201c tut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort hat Maxim Biller einen Aufsatz platziert. Da steht nun:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eAlles war umsonst\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es folgen viele Zeilen. Maxim Biller erkl\u00e4rt, er werde nicht mehr schreiben, weil er durch den Krieg in der Ukraine in seine private Schockstarre getreidelt worden sei. Jetzt sei es soweit: Keine Zeile mehr von Maxim.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gast vom \u201eEinstein\u201c l\u00f6ffelt sein zweites Ei und l\u00e4chelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich l\u00e4sst er es sein, dieser Biller. Behelligt niemanden mehr mit seiner Betroffenheits-Suada. Endlich ist er still, dieser Mensch, der sich auf das J\u00fcdische und das Emigrantenschicksal beruft, um dann zu behaupten, er sei ein Wortakrobat.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich verzieht er sich in den Ruhestand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Axel sieht den Frauen und M\u00e4nnern im &#8220;Einstein&#8221; zu, wie sie so leben. Sp\u00e4ter setzt sich ein Kumpel zu ihm. \u201eDu in Berlin?\u201c, fragt er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch, bin nur ein paar Tage da.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerstehe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kumpel bestellt ein Bier \u2013 seiner Lebtag hat er den ersten Alkohol vor Mittag gehabt, betrunken hat man ihn noch nie geeshen -, der alte Mann ordert eine Milchkaffee.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd? Was machst Du in der Stadt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNoja, ausspannen vom Land.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd. Wie isses in der Stadt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWei\u00df noch nicht. Im Augenblick \u00e4rgere ich mich. Aber das hat mit Berlin nix zu tun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie? \u00c4rgern? Wie meinst das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00dcber den Schei\u00df-Biller.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er schiebt das Handy \u00fcber den Tisch. Der Freund liest:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kurz vor dem Ukrainekrieg habe ich ein Buch zu Ende geschrieben \u2013 mein letztes. Denn ich h\u00f6re auf, zu schreiben. Ich will kein Schriftsteller mehr sein, ich will nie wieder einen Roman oder ein Buch mit Erz\u00e4hlungen ver\u00f6ffentlichen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Freund sieht von der Lekt\u00fcre hoch und grinst. \u201eAch, der Biller. Was st\u00f6rt Dich denn da dran?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Mensch macht sich wichtig. Er ist\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRed nur weiter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u201eEinstein\u201c ist es ein wenig zugig, der Kaffee schmeckt pr\u00e4chtig, der Freund bestellt sich ein zweites Bier, er ist ein freundlicher konzentrierter kluger und kontrollierter Alkoholiker.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRed nur weiter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Biller ist ein jammernder Poseur mit kleiner Courage. Der Mut in seinen B\u00fcchern, den holt er sich doch aus dem Elend anderer Menschen. Empathie hat der Biller doch nur, wenn er seine eigene Empathie besingt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSing doch weiter, Du Empathiker.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Freund l\u00e4chelt so bezwingend, dass sich jeder Zorn verfl\u00fcchtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast recht. Ich muss nicht neidisch sein. Ist doch okay, wenn er nicht mehr schreiben will. Und wenn er jetzt laut furzt, ist es auch okay.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Friedfertigkeit des Freundes w\u00e4chst und w\u00e4chst. Schlie\u00dflich sagt er:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch erz\u00e4hl\u2018 Dir jetzt mal eine Geschichte aus meinem Kiez. Da bin ich im Supermarkt und mach\u2018 so mein Ding. Ich komm\u2018 um die Ecke und schau in die Reihe mit den Nudeln. Da steht einer, der es nicht mehr halten kann und pisst in die Spaghetti. Und was soll ich Dir sagen: War ein ziemlich bekannter Schriftsteller. Ich habe meine Karre weiter geschoben und gedacht:<\/p>\n\n\n\n<p>Arme Sau!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 4 Maxim Biller tut kund, er werde nie mehr einen Roman schreiben, weil er so verzweifelt sei. Damit hat \u2013 so er sich an seinen Schwur halten sollte \u2013 dieser Biller \u00f6ffentlich seine \u201eZeitenwende\u201c definiert. Das evoziert eine recht verhaltene Bambule unter den Feuilleton-Schwuletten. 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