{"id":4892,"date":"2022-03-07T16:36:13","date_gmt":"2022-03-07T16:36:13","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4892"},"modified":"2022-09-29T17:56:35","modified_gmt":"2022-09-29T17:56:35","slug":"scheiss-zeitenwende-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/scheiss-zeitenwende-i\/","title":{"rendered":"STOP PUTIN"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>scheisszeitenwende 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am Tag, als die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking endeten \u2013 es war der 20. Februar, eine glei\u00dfende Sonne beschien die frostigen Wettkampfst\u00e4tten -, hatten Journalisten in aller Welt Schiss:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eKrise: Die Angst vor einem russischen Milit\u00e4rschlag w\u00e4chst\u201c <\/em>(Le Monde<em>)&nbsp;&nbsp;&nbsp; xxx&nbsp;&nbsp; \u201eIn der n\u00e4chsten Woche droht das<\/em><em> Worst Case Szenario\u201c <\/em>(The Guardian)&nbsp;&nbsp; <em>xxx&nbsp;&nbsp; \u201eWie man Putin stoppt\u201c <\/em>(FAZ am Sonntag) <em>&nbsp;&nbsp;xxx&nbsp; \u201eSelensky: Die Architektur des Friedens br\u00f6ckelt\u201c <\/em>(Istvetja)<em>&nbsp;&nbsp; xxx&nbsp;&nbsp; \u201eD\u00fcstere Prognose von Nato-Chef Stoltenberg: Alles spricht f\u00fcr Russlands vollst\u00e4ndigen Angriff auf die Ukraine\u201c <\/em>(Bild)&nbsp;&nbsp; <em>xxx&nbsp;&nbsp; \u201e<\/em><em>Bangen um den Frieden\u201c <\/em>(S\u00fcddeutsche Zeitung)&nbsp;&nbsp; <em>xxx&nbsp; \u201eKeine falsche Bewegung\u201c<\/em> (Der Spiegel)<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein Sonntag. Am Donnerstag drauf war Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle reden seither von der \u201eZeitenwende\u201c. Ukrainische Sportler, die bei den Spielen noch am Start waren, k\u00e4mpfen jetzt an der Front um die Freiheit ihres Landes oder machen sich als Reservisten bereit, in einen Krieg zu ziehen, den der russische \u201ePr\u00e4sident\u201c Putin vom Zaun gebrochen hat. Ein junger Biathlet ist gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Olympische Spiele scheinen wie aus einer anderen Zeit. Momentan, Anfang M\u00e4rz, wetteifern in Peking die Paralympier \u2013 das interessiert im Augenblick niemanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sport ist in diesen Tagen nicht die \u201esch\u00f6nste Nebensache der Welt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keine sch\u00f6nen Nebensachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gerade wenn das stimmt mit der \u201eZeitenwende\u201c, d\u00fcrfen die \u201eSpiele\u201c von 2022 nicht vergessen werden. Sie sind ein Event gewesen, aus dem der Sport die Lehren ziehen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Olympia ist nun endg\u00fcltig am Scheideweg.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblende.<\/p>\n\n\n\n<p>Der oberste Olympier hei\u00dft Thomas Bach und ist ein umstrittener Pr\u00e4sident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Bei der Er\u00f6ffnungsfeier in Peking gab er sich salbungsvoll und v\u00e4terlich:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLiebe Athleten hier: Nun ist Euer Moment gekommen. Jetzt wird Euer Traum vom friedfertigen Olympia wahr. In unserer heiklen Welt zeigen wir: Ja, es ist m\u00f6glich, dass Menschen erbittert miteinander ringen und doch in gegenseitiger Achtung zusammen leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bach erinnerte an die \u201eolympische Waffenruhe\u201c und an den \u201eolympischen Geist des Friedens\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erkl\u00e4rte Chinas Pr\u00e4sident Chi die Spiele f\u00fcr er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Olympische Fahne wurde hochgezogen, das Olympische Feuer angez\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sport konnte beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Er\u00f6ffnungsfeier sa\u00dfen, die meiste Zeit schweigend und wie eingefroren, 35000 Menschen im Stadion. Es waren geladene G\u00e4ste \u2013 vielfach-getestet, mehrfach-geimpft, die meisten haben sich als Funktion\u00e4re um China verdient gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie jubelten und schwenkten F\u00e4hnchen im Dreivierteltakt, als die chinesischen Sportler ins Stadion kamen. Sie jubelten ein wenig, als die Russen einmarschierten. Der Fernsehregisseur zeigte in diesem Moment freundliche Athleten, schwenkte ins applaudierende Publikum, kurz waren IOC-Boss Thomas Bach und der chinesische Pr\u00e4sident Xi Jinping zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht gezeigt wurde Wladimir Putin. Der hatte tags\u00fcber noch im staatlichen G\u00e4stehaus Diaoyutai mit Xi Tee getrunken, auf die USA geschimpft und \u00fcber die \u201enoch dagewesenen engen Beziehung zwischen China und Russland\u201c geschw\u00e4rmt &#8211; und sollte wohl im Stadion sein. Im Fernsehen war er nicht zu sehen. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei dachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurden die perfektesten Winterspiele aller Zeiten. 109 S\u00e4tze Edelmetall wurden an die Besten der 2900 Athleten vergeben. Alles lief wie am Schn\u00fcrchen. Corona blieb au\u00dfen vor \u2013 geschlossene Veranstaltung. Wer hustete, flog. Olympia war eine perfekte Blase.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Spiele waren ein Milliardengrab. Offiziell nennt die chinesische Regierung Gesamtkosten von 3,9 Milliarden Dollar. Ernsthafte Experten sch\u00e4tzen die Summe auf das Zehnfache, zumal China offenbar Kosten f\u00fcr Infrastruktur aus der Gleichung nimmt und nur einige der neuen Sportst\u00e4tten durchkalkuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Milliarden hatte es gekostet, einen Biathlon-Park und zwei Monsterschanzen in die Mondlandschaft von Zhangjiakou zu betonieren. Die Bobfahrer und Rodler starrten ungl\u00e4ubig auf eine vom ersten bis zum letzten Meter \u00fcberdachte und teils mit einem gigantischen Hotel \u00fcberbaute Bahn, die ihresgleichen nicht auf der Welt hat und deren Erbauer \u2013 ein verschmitzter Schwabe \u2013 sich immer eins grienen muss, weil ihm mit dieser Halb-Milliarden-Anlage ein einzigartiger Coup gelungen ist. Solche Dinge lassen sich nur planen und bauen, wenn die Auftraggeber sich komplett dem Gr\u00f6\u00dfenwahn hingegeben haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spiele hatten ihre Helden. Freestyle-Ski-Girl Eileen Gu &#8211; eine Amerikanerin, die zur chinesischen B\u00fcrgerin geworden ist \u2013 verz\u00fcckte mit ihren Spr\u00fcngen, und ihrem L\u00e4cheln alle, gewann zweimal Gold und einmal Silber und wurde zum \u201eGesicht der Spiele\u201c. Die deutsche Rodlerin Natalie Geisenberger siegte in Peking gleich dreimal (mehr ging nicht) und ist seither Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spiele hatten ihr menschliches Drama. Nach tagelangem Wirbel um ein Dopingvergehen durfte die russische Eiskunstl\u00e4uferin&nbsp;Kamila Valijeva&nbsp;im olympischen Damen-Einzel starten. Das Hickhack und der Trubel hatten die 15-J\u00e4hrige \u201eEisprinzessin\u201c v\u00f6llig aus dem Tritt gebracht. In der K\u00fcr strauchelte sie von Sturz zu Sturz, weinte schon vor der letzten Pirouette, wurde nur Vierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Trainerin Eteri Tutberidse empfing die aufgel\u00f6ste L\u00e4uferin mit Vorw\u00fcrfen (die Kamera und das Mikro waren hautnah und live dabei).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum hast du alles so aus den H\u00e4nden gegeben? Warum hast du aufgeh\u00f6rt, zu k\u00e4mpfen?\u201c, belferte Tutberidse \u2013 eine blonde Zuchtmeisterin, die auf ihre Gnadenlosigkeit stolz ist. \u201eErkl\u00e4r mir das! Nach dem Axel hast du es aus den H\u00e4nden gegeben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gesicht des M\u00e4dchens war nur noch blankes Entsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr eine traurige Geschichte!<\/p>\n\n\n\n<p>Da meldete sich auch der Ober-Olympier zu Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten ist Thomas Bach ein Meister der Diplomatie, doch das tragische Schauspiel um Eiskunstl\u00e4uferin Kamila Valieva rief den Sportler in ihm auf den Plan.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer Pressekonferenz teilte er aus. Er sei \u201esehr entt\u00e4uscht und verst\u00f6rt. Statt sie zu tr\u00f6sten, statt ihr zu helfen, nach alldem, was geschehen war, konnte man sp\u00fcren, wie eiskalt die Atmosph\u00e4re war. Kann man denn als Trainer so gef\u00fchlskalt sein gegen\u00fcber den eigenen Sportlern? Ich bin entsetzt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Valieva w\u00fcnsche er nun, \u201edass sie Unterst\u00fctzung bekommt, die Unterst\u00fctzung ihrer Familie, die Unterst\u00fctzung von Freunden und schlussendlich von Menschen, die ihr helfen, diese enorm schwierige Situation hinter sich zu lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl gesprochen!<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte nicht lang, bis dem IOC-Chef seine Courage um die Ohren flog.<\/p>\n\n\n\n<p>Russlands Vize-Ministerpr\u00e4sident Dimitri Tschernischenko wurde informiert, dass der werte Herr Bach sich zur Causa Valieva ge\u00e4u\u00dfert habe. Man war darob \u00fcberhaupt nicht am\u00fcsiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind zutiefst entt\u00e4uscht dar\u00fcber, einen IOC-Pr\u00e4sidenten zu erleben, der sein eigenes fiktives Narrativ zu den Gef\u00fchlen unserer Athleten spinnt und diese dann \u00f6ffentlich als Stimme des IOC pr\u00e4sentiert\u201c, schimpfte Tschernischenko.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Verlauf des Gespr\u00e4chs mit dem Branchendienst \u201einsidethegames\u201c redete sich der Russe immer weiter in Rage.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fu\u00dfball w\u00fcrde man sagen: Der Russe zeigte dem Sport-Funktion\u00e4r Bach eine Gelbe Karte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er habe sich nicht einzumischen, er und seine Olympier m\u00f6gen sich weiter h\u00fcbsch raushalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus allem.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so endeten die Spiele irgendwie, wie sie begonnen hatten. Trotz allen tollen Sports blieb da so ein seltsames Gef\u00fchl\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Athleten-Tausendschaft flog nach Hause. Zur\u00fcck in den Alltag. Die letzten Wettk\u00e4mpfe der Saison standen an. Dann ein bisschen Urlaub, dann das Sommertraining. Familie. Sponsoren. Die n\u00e4chste Saison. Sport, immer Sport.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in vier Jahren w\u00fcrden die n\u00e4chsten Spiele sein. Das ist das H\u00f6chste f\u00fcr einen Athleten \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber kaum waren sie zuhause und freuten sich \u00fcber die Welt im Allgemeinen und den Sport im Besonderen &#8211; Olympia 2022 war gerade mal vier Tage vorbei -, erkl\u00e4rte Wladimir Putin der Welt den Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZeitenwende\u201c f\u00fchlt sich furchtbar an. Es ist letzte Zeit zu lernen. Auch bei Olympia.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Das Buch \u00fcber die Olympischen Spiele von Peking ist im \u201eWerkstatt Verlag\u201c erschienen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>scheisszeitenwende 1 Am Tag, als die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking endeten \u2013 es war der 20. 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