{"id":4846,"date":"2021-05-25T05:12:08","date_gmt":"2021-05-25T05:12:08","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4846"},"modified":"2021-05-26T05:19:39","modified_gmt":"2021-05-26T05:19:39","slug":"heimat-verlieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/heimat-verlieren\/","title":{"rendered":"HEIMAT VERLIEREN"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>TANZ DER VIREN II, Folge 97<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, sagt Hatice, Heimweh habe sie nicht. Torsten bleibt stehen und\nsieht sie an. Ihre Hand hat er nicht losgelassen, er schaut nur. So, als ob er\nihr nicht recht glaube.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal sehne sie sich danach, woanders zu sein, sagt sie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas sind so Augenblicke. Im Herbst denke ich an die W\u00e4lder, in denen\nwir Pilze gesammelt haben. Dann habe ich den Geruch im Kopf und das Gef\u00fchl,\ndass die Familie zusammen ist und alles ist gut. Oder ich denke ans Meer. Der\nStrand, zu dem wir im Urlaub immer gefahren sind. Mittags hat es Wassermelone\ngegeben, am Nachmittag ein Eis, wir haben uns mit unseren t\u00fcrkischen Freunden\ngetroffen, es waren gro\u00dfe Kinderpartys, die Omas und die Opas waren auch dabei.\nAber das ist wohl kein richtiges Heimweh bei mir. Ich denke halt gerne dran,\nweil es immer sch\u00f6n war. Mir geht es gut hier, mir fehlt nichts. Und was ist\nmit Dir?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit vier Jahren lebe ich hier in der Stadt \u2013 aber oft war ich noch\nnicht zuhause. So wie jetzt, meine ich.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie? Gef\u00e4llt Dir M\u00fcnchen nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWei\u00df ich nicht. Nee, eigentlich nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch komme aus der Oberpfalz, sagt Dir das was?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKlar, das ist im Osten, fast schon Tschechien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSo ungef\u00e4hr. Ich liebe es dort. Ich mag die Provinz. Bei uns im Ort kennt\njeder jeden \u2013 das ist gut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarum biste dann nach M\u00fcnchen?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKarriere. Ich dachte, ich kann hier was rei\u00dfen. Beruflich l\u00e4uft es auch\neinigerma\u00dfen. Aber ich f\u00fchle mich noch immer fremd. Bin auf Arbeit, mehr ist\nnicht. Fr\u00fcher habe ich mich manchmal mit Kollegen im Biergarten getroffen oder\nich war im Kino. Im Fitnessclub komme ich mir vor wie ein Zombie, da redet ja\nkeiner was. Also hocke ich nach dem Dienst in meiner Wohnung, die ist zu klein\nund zu teuer. Und jede zweite Woche fahre ich nach Hause. Aber das macht auch\nkeinen Spa\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hatice fragt nicht nach. Sie wartet, bis Torsten weiter redet. Es ist\nein langes Schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Mutter ist krank. Sie vergisst die Sachen. Die Leute erkennt sie, sie macht die K\u00fcche und putzt das Haus. Aber schwer tut sie sich. Auto kann sie nicht mehr fahren, zum Einkaufen braucht sie eine Begleitung. Und es wird schlimmer. Sie wei\u00df, dass sie krank ist und dass man nichts machen kann. Das macht sie zornig. Meine Mutter war fr\u00fcher immer froh und hat \u00fcber den kleinsten Schei\u00df gelacht. Jetzt sitzt sie stundenlang auf der Terrasse und will mit niemandem reden. Der Vater wei\u00df nicht, was er machen soll. Manchmal, wenn er sie ins Bett gebracht hat, trinkt er so lange Schnaps, bis er nicht mehr reden kann. Meine Geschwister wohnen in der N\u00e4he, aber sie kommen auch nur alle paar Tage. Ich kann sie verstehen, das ist nicht gut auszuhalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas war denn jetzt beim Lockdown.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchlimm war&#8217;s. Die Mama und der Papa sind fr\u00fch geimpft worden \u2013 was hei\u00dft da, fr\u00fch? Fast ein Jahr Quarant\u00e4ne. Wenn ich heim bin, habe ich gesagt, wir pfeifen auf die Wissenschaftler, wir umarmen uns, aber der Papa war dagegen. Wir sind mit den Masken durchs Haus und man hat sich das Essen vor die T\u00fcr gestellt. Es war wie in einem schlechten Film. Aber jetzt soll es ja besser werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, sagt Hatice und schaut Torsten an. Sch\u00f6ne klare Augen hat er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eRiechst es auch\u201c, fragt sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er schnuppert. Ja, er riecht es auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ist das Strenge vom B\u00e4rlauch in der Luft. Das Satte vom nass\ngeregneten Gras. Das Harzige von den Kiefern und den Fichten. Auspuffgase, die\nvom Frankfurter Ring her\u00fcber kriechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und da ist dieser himmlische Duft aus der guten Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es riecht nach Steckerlfisch. \u201eBeim \u201eAumeister\u201c\ngibt es Steckerlfisch. Saibling, Forelle. Salz,\nOregano, Petersilie, Rosmarin, Dill, Schnittlauch, Thymian, Zwiebel,\nRohrzucker, Majoran, Wacholderbeeren, Knoblauchgranulat, \u00d6l, Salbei, Chillies,\nPul Biber, Citronens\u00e4ure.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles ger\u00f6stet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Steckerlfisch!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht gibt es ein Bier auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht gibt es das alles.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGehen wir und kaufen uns einen Fisch?\u201c, fragt\nsie.&nbsp; <sub>&nbsp;<\/sub><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das\nklingt nach Verf\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein,\nantwortet Torsten, er wei\u00df da was Besseres. In 20 Minuten sind sie da. H\u00f6chstens\neine halbe Stunde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gut,\nsagt Hatice. Wenn er meint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie\nmarschieren stadteinw\u00e4rts. Flott. Gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer halben Stunde sind sie da. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II, Folge 97 Nein, sagt Hatice, Heimweh habe sie nicht. Torsten bleibt stehen und sieht sie an. Ihre Hand hat er nicht losgelassen, er schaut nur. So, als ob er ihr nicht recht glaube. Manchmal sehne sie sich danach, woanders zu sein, sagt sie \u201eDas sind so Augenblicke. 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