{"id":4822,"date":"2021-04-28T15:20:48","date_gmt":"2021-04-28T15:20:48","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4822"},"modified":"2021-04-28T15:21:12","modified_gmt":"2021-04-28T15:21:12","slug":"lan-geweile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/lan-geweile\/","title":{"rendered":"LAN-GEWEILE"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>TANZ DER VIREN II, Folge 89<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Das ist so eine Sache mit dem Zuh\u00f6ren. Drau\u00dfen in der Welt k\u00f6nnen sie das nicht, die Menschen. Sie h\u00f6ren sich selbst reden und finden das wunderbar, das Gequatsche von den Anderen interessiert sie nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wenn Du aber in der Geschlossenen landest und nicht ganz irre bist, hast\nDu es schnell mit einer ganz ganz gro\u00dfen Langeweile zu tun. Die Zeit zerrinnt\nwie in so einem seltsamen Bild von diesem Maler mit dem Schnauzbart \u2013 da schmelzen\ndie Uhren oder sie werden zum Trocknen auf die Leine geh\u00e4ngt. Egal: Die Zeit\nwird z\u00e4h wie Kaugummi, der Minutenzeiger f\u00e4ngt das Lallen an; vor lauter\nLangeweile wei\u00dft Du nicht mehr, was Du gerade getan hast und was Du gleich tun\nwillst, Du tust rein gar nichts, Du langweilst Dich halt, und es nimmt kein\nEnde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wenn Du dem nicht mehr auskommst, weil sie Dich nicht raus lassen aus\nder Geschlossenen, beginnst Du, den anderen Patienten zuzuh\u00f6ren, wenn sie gegen\nihre Langeweile anreden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>So kommt es, dass die Lina, der Josef und der Jeremy sehr aufmerksam\nsind, als der Franz sagt, \u201e25 Minuten \u2013 dann geht es weiter zum N\u00e4chsten, der\nstirbt\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">LINA: Wie meinst des?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Ich habe da auf der Bank am Berg gehockt und \u00fcbers Sterben nachgedacht. Die Leute, die von der blonden Pflegerin besucht werden, haben keine Chance mehr. Jeden Tag kriegen sie eine halbe Stunde Besuch, dann verschwindet die Frau bis zum n\u00e4chsten Tag und l\u00e4sst sie allein. Sie k\u00f6nnen sich nicht mal mehr umbringen, weil sie zu schwach sind. Da habe ich dr\u00fcber nachgedacht, und es war ganz schlimm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JERMEMY: Ich verstehe ihn. Wenn man jetzt drau\u00dfen ist, dann muss man auf\nsolche Gedanken kommen. Ich kann es ja nicht so genau beurteilen \u2013 aber ich\nhabe das Gef\u00fchl, da drau\u00dfen geht grad die Welt unter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JOSEF: Kann schon sein. Ich bin froh, dass ich hier bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">LINA: Gell? Das mein\u2018 ich auch. Wir haben doch alles, was wir brauchen.\nKriegen unser Essen, haben unsere Ruhe. Keiner will was von uns. Wir k\u00f6nnen es\nuns hier doch sch\u00f6n machen. Und von der Krankheit kriegen wir nix mit. Wer soll\nuns schon anstecken?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Ja, wenn man die Menschen in der Stadt anschaut, muss man fast\nerschrecken. Man erkennt sich nicht mit ihren Masken \u2013 ob sie \u00fcberhaupt noch froh\nsind, kannst nicht sehen. Aber mit ihren Augen lachen sie nicht, in den Augen\nhaben sie Angst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JEREMY: In den Augen haben sie Angst! Schmarrn \u2013 wie willst das denn\nerkennen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Na, die Augen sind riesig. Und sie schauen immer von links nach\nrechts und von rechts nach links. Als ob von allen Seiten eine gro\u00dfe Gefahr\nkommen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JEREMY: Jaja, red nur!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">LINA: Ist doch auch wurscht. Ich bin jedenfalls froh, dass wir hier an\neinem sicheren Platz sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JOSEF: Und was, wenn wir wieder raus kommen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JEREMY: Glaubst Du, sie lassen uns so schnell wieder raus? Vergiss\u2018 es.\nHier kommt kein Neuer rein und keiner raus. Die werden uns pfeilgrad vergessen,\nwenn es so weiter geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">LINA: Auch egal. Dann machen wir Party. Party. Party. Sooft es geht.\nInteressiert eh keinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Und feiern tun wir, dass wir weg gesperrt sind von dem ganzen\nIrrsinn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JOSEF: Das ist ein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II, Folge 89 Das ist so eine Sache mit dem Zuh\u00f6ren. 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