{"id":4819,"date":"2021-04-26T15:37:38","date_gmt":"2021-04-26T15:37:38","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4819"},"modified":"2021-04-26T15:37:39","modified_gmt":"2021-04-26T15:37:39","slug":"sie-chtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/sie-chtum\/","title":{"rendered":"SIE-CHTUM"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>TANZ DER VIREN II, Folge 88<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Da f\u00e4hrt einer mit dem Bus ums Nordende des Starnberger Sees, in Berg\nsteigt er aus, wandert hinunter zum Schloss und zur Votivkapelle; er schaut\naufs Kreuz im See und versucht ein Gef\u00fchl f\u00fcr Ludwig II., den \u201eM\u00e4rchenk\u00f6nig\u201c,\nzu haben. Aber der Mann f\u00fchlt nichts und wei\u00df nichts mit seiner Zeit\nanzufangen, also wandert er h\u00fcgelw\u00e4rts. Im Ort f\u00e4llt ihm ein kleines wei\u00dfes\nAuto auf, mit einer adretten Blonden am Steuer. \u201eAmbulante Krankenpflege\u201c steht\nauf der Fahrert\u00fcr, die blonde Frau sieht m\u00fcrrisch aus, sie scheint den\nFu\u00dfg\u00e4nger Franz gar nicht wahrzunehmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Aber ich habe ihr ins Gesicht sehen k\u00f6nnen. Da habe ich mir\ngedacht, dass sie uns hier in der Klapse wohl was ins Essen geben. Fr\u00fcher h\u00e4tte\nich mir was Erotisches gedacht \u2013 aber da in Berg: Nix, gar nix.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JEREMY: Ach, Du denkst das auch? Ich habe mich gefragt, ob es normal ist\nund ob ich der Einzige bin, so ohne Bock.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">LINA: Wennst hier bist, ist halt das Schnackseln kein Thema. Da mache\nich mir keinen Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JOSEF: Ich wei\u00df nicht, was Ihr habt. Ist doch okay, wenn das mit dem Sex\nnicht so wichtig ist. Wenn ich dran denke, was f\u00fcr Probleme ich wegen der\nFrauen schon gehabt. Da geht es mir jetzt blendend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">LINA: Was ist jetzt? Wollen wir \u00fcbers Ficken reden, oder wollen wir die\nGeschichte vom Franz h\u00f6ren. Da gibt es doch eine Geschichte, oder?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Ja, schon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JOSEF: Dann erz\u00e4hl halt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Ich geh\u2018 weiter den H\u00fcgel hinauf, bis ich an eine Bank komme. Ich\nsetze mich, und auf einmal geht es mir ganz gut. Ich habe \u00fcber den Ort und den\nSee schauen k\u00f6nnen, am anderen Ufer war Starnberg in der Sonne. Ich habe mich\nein bisschen gef\u00fchlt wie als junger Mann. Keine gro\u00dfen Sorgen, nicht Besonderes\ngeplant. Habe nur gesessen und geschaut. Eine halbe Stunde, vielleicht l\u00e4nger.\nIch habe ja viel Zeit gehabt, bis ich wieder zum Bus musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ist unten auf der Stra\u00dfe wieder das wei\u00dfe Auto gefahren, mit der\nblonden Frau am Steuer. Sie hat es schon wieder eilig gehabt. Ist aus dem Ort\ngekommen, den Berg rauf gefahren, hinter dem H\u00fcgel verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meinem Kopf war pl\u00f6tzlich ein Film. Ich bin gleichzeitig ziemlich\nerschrocken und war erleichtert. Wie wenn ich eine Gefahr \u00fcberstanden gehabt\nh\u00e4tt\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">LINA: Was ist passiert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Wie gesagt, es war wie ein Film:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Blonde kommt in Berg zum Patienten. Ich habe mir ausgemalt, sie\nf\u00e4hrt vor einem gro\u00dfen Bauernhof vor, der Balkon vom Haupthaus h\u00e4ngt voller\nGeranien, im Hof stehen teure Landmaschinen, die B\u00e4uerin schaut zur Stube raus\nund schreit der Blonden zu, sie wisse ja, wo es lang geht, der Opa warte schon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Blonde geht durch den dunklen Gang bis zum Ende, dann \u00f6ffnet sie die\nT\u00fcr zum Zimmer vom Opa.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es riecht nicht gut, die B\u00e4uerin hat das Bett nicht gewechselt, obwohl\nder Opa eingen\u00e4sst hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Blonde \u2013 sie ist aus Polen, habe ich mir gedacht \u2013 w\u00e4scht den Opa,\nk\u00e4mmt ihm die wenigen Haare auf links. Sie r\u00e4umt ein wenig im Zimmer auf und\nordnet die Sachen auf dem Nachtkastl. Sie gibt dem Opa seine Medikamente und\ncremt mit einer Wundsalbe seine Armbeugen ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Opa ist grantig, fortw\u00e4hrend murmelt er Fl\u00fcche. Die Blonde packt dreckige\nW\u00e4sche zu einem B\u00fcndel, sie streichelt dem schimpfenden Opa \u00fcbers Gesicht, sagt\n\u201eTsch\u00fcss\u201c und etwas Liebevolles auf Polnisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann muss sie weiter. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem R\u00fcckweg bringt sie der B\u00e4uerin die W\u00e4sche. Die schaut sie gar\nnicht an, graunzt: \u201eSchmei\u00df do ins Eck, des Glump!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann ist die Blonde fertig. 25 Minuten hat sie gebraucht. Jetzt muss sie\naber schnell weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Franz verstummt. Die Anderen schauen ihn an, sie warten auf mehr. Mehr\nkommt aber nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">JEREMY: Was? Was? Das war alles? Das ist die ganze G\u2019schicht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">FRANZ: Ja. Das ist die ganze Geschichte. 25 Minuten \u2013 dann geht es zum N\u00e4chsten, der stirbt. Das ist die ganze G\u2019schicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II, Folge 88 Da f\u00e4hrt einer mit dem Bus ums Nordende des Starnberger Sees, in Berg steigt er aus, wandert hinunter zum Schloss und zur Votivkapelle; er schaut aufs Kreuz im See und versucht ein Gef\u00fchl f\u00fcr Ludwig II., den \u201eM\u00e4rchenk\u00f6nig\u201c, zu haben. 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