{"id":4812,"date":"2021-04-24T15:50:05","date_gmt":"2021-04-24T15:50:05","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4812"},"modified":"2021-04-25T18:45:14","modified_gmt":"2021-04-25T18:45:14","slug":"4812-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/4812-2\/","title":{"rendered":"TU-TZING"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II, Folge 86<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Geht immer weiter, sagt man, das Leben. Gut, lassen wir das mal so stehen.\nGeht immer weiter. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ende April. Indonesisches U-Boot ist spurlos verschwunden, wahrscheinlich hat es die 53 M\u00e4nner an Bord schon zerrissen oder sie sind gerade am Ersticken. In Indien r\u00f6cheln Hunderttausende und bekommen keine Hilfe, dann werden sie eben an der Gro\u00dfen Krankheit verrecken. Am Mount Everest hat die Saison begonnen, soviele Verr\u00fcckte wie in diesem Jahr wollten noch nie auf den h\u00f6chsten Berg der Erde, ein paar haben doch wirklich die Gro\u00dfe Krankheit und m\u00fcssen in Kathmandu in die Klinik. Der FC Bayern M\u00fcnchen wird wieder Deutscher Meister. In Frankreich ist eine Polizistin im Dienst erschossen worden. Deutsche Schauspieler sind unzufrieden und haben sich in Satire versucht, es war ein kl\u00e4gliches Unterfangen, auf einmal missr\u00e4t alles zu einem gro\u00dfen Skandal. Endlich scheint an diesem Wochenende die Sonne, die Menschen gehen kurz\u00e4rmlig aus dem Haus, sie haben fahle Haut und Angst. Die Bundeskanzlerin sagt, dass es richtig ist, dass die Menschen nach zehn Uhr abends nicht mehr aus dem Haus d\u00fcrfen\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gro\u00dfe Krankheit, immer mehr, immer weiter. Klima kaputt, Katastrophe, die n\u00e4chste. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Queen hat Geburtstag gehabt, aber sie hat nicht recht feiern k\u00f6nnen, weil ihr Mann vor ein paar Tagen gestorben is<\/em>t.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Geht immer weiter, das Leben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Unsere Vier aus der Irrenanstalt empfinden das ein bisschen anders. Bei ihnen steht das Leben still. Das kann man so und so sehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Lina hat Mitleid mit den Menschen jenseits der Geschlossenen. Jeremy, in seinem Zorn, freut sich \u00fcbers Scheitern der \u201eNormalen\u201c. Josef, sozusagen ein \u201eNeuer\u201c in der Klapse, versucht zu begreifen, was sich tut, herinnen und drau\u00dfen. Er hofft, dass ihm dabei der Franz hilft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der ist ein verdienter Insasse der Station und hat einmal im Monat\nAusgang. Da f\u00e4hrt er &#8211; ein wenig Taschengeld im Sack &#8211; mit der S-Bahn in die\nStadt, ist ja nur eine kleine Flucht aus der Klapse, danach kommt er auch gerne\nwieder nach Hause und l\u00e4sst sich einsperren. Ist besser so. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jetzt will der Josef wissen, wie es war unter den normalen Menschen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Wie war es, da, in der Stadt?<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Frag\u2018 halt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>JEREMY: Klar fragt er. Wir hocken hier drin, und Du darfst raus. Jetzt\nmusst auch erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Muss er nicht. Aber sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s schon. Eine Abwechslung halt.<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ <em>(seufzt geschmeichelt):<\/em> Weilst es Du bist, Lina. Also: So eigentlich war ich gar nicht in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jetzt merken die anderen Drei auf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Nicht? Wie das?<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Ich nehme die S-Bahn, wie immer. Steige am Isartor aus, wie\nimmer. Als ich so losgehe, f\u00e4llt mir ein, dass ich nicht wei\u00df, wohin ich soll.\nNormal gehe ich zum \u201eSchneider\u201c im Tal, da trinke ich ein Alkoholfreies \u2013 und dann\nmache ich irgendwas in der Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber der \u201eSchneider\u201c hat nicht auf, da kleben an der T\u00fcr Zeichnungen vom\nMinister Scholz, der uns beschissen hat, jedenfalls steht das auf den\nZeichnungen. Ist ja ganz sch\u00f6n, aber n\u00fctzt mir nichts: Beim \u201eSchneider\u201c ist zu.<\/p>\n\n\n\n<p>JEREMY: Und? Was?<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Viel nachgedacht habe ich nicht. Es war zehn, was h\u00e4tt\u2018 ich jetzt\nmit den zehn Stunden machen sollen? Eigentlich wollte ich gleich zur\u00fcck nach\nHaar, dann bin ich aber in die S-Bahn nach Tutzing.<\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Tutzing? Warum Tutzing?<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Wei\u00df nicht. Vielleicht, weil ich den See mag. Vielleicht, weil es\nim S\u00fcden ist. Vielleicht war es die erste S-Bahn, die gekommen ist. Wei\u00df nicht,\nwarum.<\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Und? Wie war\u2019s in Tutzing?<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ<em> (er ist ein Schelm, jetzt hat er was zum L\u00e4cheln): <\/em>Wei\u00df\nnicht. War ja nicht in Tutzing.<\/p>\n\n\n\n<p><em>H\u00e4?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II, Folge 86 Geht immer weiter, sagt man, das Leben. Gut, lassen wir das mal so stehen. Geht immer weiter. Ende April. Indonesisches U-Boot ist spurlos verschwunden, wahrscheinlich hat es die 53 M\u00e4nner an Bord schon zerrissen oder sie sind gerade am Ersticken. In Indien r\u00f6cheln Hunderttausende und bekommen keine Hilfe, dann [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4812","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4812","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4812"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4812\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4818,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4812\/revisions\/4818"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4812"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4812"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4812"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}