{"id":476,"date":"2015-02-06T12:11:59","date_gmt":"2015-02-06T12:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=476"},"modified":"2015-02-07T10:57:27","modified_gmt":"2015-02-07T10:57:27","slug":"abschied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/abschied\/","title":{"rendered":"ABSCHIED"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>berlin, 6. Februar 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Vollmond \u00fcber K\u00f6penick. Die Dahme ist spiegelglatt. Eben noch hat es geschneit, jetzt liegen Fluss und Stadt still in der Nacht. Auf der Br\u00fccke stehen zwei M\u00e4dchen vor den Kunstrosen am Gel\u00e4nder und weinen. Eine fl\u00fcstert: \u201eDie Franzi war so ein lustige.\u201c Jetzt ist die Freundin tot. Was nun?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>FEISSIG UND FR\u00d6HLICH WAR SIE.<\/em><\/strong> Sie hat ihr Leben gemocht. Mit dem Paul ist sie regelm\u00e4\u00dfig in die \u201eF\u00f6rsterei\u201c getigert und hat die Jungs von \u201eUnion\u201c angefeuert. Das M\u00e4dchen auf der Dahme-Br\u00fccke erz\u00e4hlt, wie die Franzi den Alltag auch dann gemeistert hat, wenn es mal ein bisschen dicke kam.<\/p>\n<p>\u201eSie hat im Supermarkt gearbeitet. Das hat sie gern gemacht, und die Kunden haben sie gemocht. Die wusste sogar, wo die Dinge stehen, die keiner braucht. Das war so eine, die ganz laut durch den Laden gebr\u00fcllt hat ,Sachma, wat kostn die Kondome?\u2018 \u2013 und dann haben alle gegrinst.<\/p>\n<p>Und wenn sie mal nicht so gut drauf war, hat sie Musik geh\u00f6rt. Kim Gloss. K-Shah. Andreas Bourani. Sowas. Dann ging es ihr schon besser.\u201c<\/p>\n<p>Es war so eine richtige Feier-Clique, mit der sie sich traf. Keine von den Gr\u00f6lern und S\u00e4ufern. Aber wenn es einen Anlass f\u00fcrs Freuen gab, dann waren Franzi und die Freunde dabei. Mann, war das eine Sause, als im vergangenen Sommer die Jungs dr\u00fcben in Brasilien Weltmeister wurden. Da hat man in K\u00f6penick das Stadion zum Wohnzimmer umfunktioniert, und die ganze Welt war ein Wunder.<\/p>\n<p><strong><em>GEFEIERT WIRD AUCH<\/em><\/strong> am 1. Dezember 2014. Kurz nach Mitternacht steigen Nico, Anni, Franzi und Fahrer Paul in den Opel Vectra. Aufgekratzt sind sie. Paul \u2013 ein guter Fahrer, hei\u00dft es \u2013 hat nichts getrunken.<\/p>\n<p>In drei Tagen wird Vollmond sein. Still liegen der Fluss und die Stadt in der Nacht.<\/p>\n<p>Dann, so das Protokoll:<\/p>\n<p><em>0.45 Uhr: Der Opel Vectra ger\u00e4t auf der glatten Fahrbahn (Tempo\u200530) ins Schleudern, dreht sich um die eigene Achse, kracht r\u00fcckw\u00e4rts durchs Br\u00fcckengel\u00e4nder und schie\u00dft mit dem Heck voran aus f\u00fcnf Meter H\u00f6he in die Dahme.<\/em><\/p>\n<p><em>0.51 Uhr: Bei der Feuerwehr geht der Notruf \u201ePkw im Wasser\u201c ein. Ein erster Trupp der Wache K\u00f6penick rast zur Unfallstelle.<\/em><\/p>\n<p><em>0.54 Uhr: Die Rettungstaucher beim Technischen Dienst in Charlottenburg-Nord starten mit Blaulicht in Siemensstadt. Es sind 29 Kilometer bis zum Einsatzort.<\/em><\/p>\n<p><em>1.27 Uhr: Die Taucher orten Paul und Franziska im Wrack in vier Meter Tiefe. Der Opel liegt auf dem Dach. Sie befreien die beiden und ziehen sie an die Wasseroberfl\u00e4che<\/em><\/p>\n<p><em>2 Uhr: Unter \u201eReanimationsbedingungen\u201c werden die beiden Schwerstverletzten in die Krankenh\u00e4user transportiert. Paul wird insgesamt 90 Minuten lang reanimiert. Nun steigen die Feuerwehrtaucher aus dem Wasser. Sie haben das Auto noch vert\u00e4ut, damit es vom Feuerwehrkran geborgen werden kann.<\/em><\/p>\n<p><em>2.30 Uhr: Der Opel Vectra schwebt \u00fcber dem Wasser, wird auf die Br\u00fccke gehoben.<\/em><\/p>\n<p><em>3 Uhr: Die Einsatzstelle wird aufger\u00e4umt.<\/em><\/p>\n<p><em>4.45 Uhr: Die Br\u00fccke wird wieder f\u00fcr den Autoverkehr freigegeben.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>NICHTS IST WIE VORHER<\/strong><\/em>. Im Krankenhaus erliegen Franzi und Paul ihren Verletzungen. Menschen legen an der Ungl\u00fccksstelle Blumen zu den anderen Blumen, sie z\u00fcnden ewige Lichter an. Passanten bleiben stehen, schweigen und gehen nach einer Pause traurig weiter.<\/p>\n<p>Politiker tun ihren Job \u2013 sie machen aus einem Ungl\u00fcck ein Politikum. \u201eDer Bezirk soll sich beim Senat daf\u00fcr einsetzen, dass die Leitplanken bis zum Kurvenbereich erh\u00f6ht werden. Das bringt auch mehr Sicherheit f\u00fcr Radfahrer und Fu\u00dfg\u00e4nger, die bei einem Autounfall ebenfalls verletzt oder get\u00f6tet werden k\u00f6nnten\u201c, sagt Gabriele Schmitz, die Vorsitzende der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-K\u00f6penick.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem m\u00fcsse man auch noch der Sache mit den Rettungstauchern auf den Grund gehen. Eine halbe Stunde haben die Experten der Feuerwache in Charlottenburg bis zur Einsatzstelle gebracht. \u201eDie Feuerwehr in Berlins wasserreichstem Bezirk muss einfach besser f\u00fcr solche Eins\u00e4tze, bei denen Menschen aus dem Wasser gerettet werden m\u00fcssen, ausger\u00fcstet werden\u201c, erkl\u00e4rt eine erboste Gabriele Schmitz.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch die Sache mit der Br\u00fccke. Der Verkehrssicherheitsexperte Siegfried Brockmann tritt auf den Plan. \u201eGruslig\u201c, sagt er, \u201egruslig\u201c sei diese Br\u00fccke.<\/p>\n<p>Der Ungl\u00fcckswagen durchbrach ein relativ filigranes Gel\u00e4nder und st\u00fcrzte in den etwa acht Meter darunter gelegenen Fluss. Der ist an dieser Stelle etwa drei Meter tief \u2013 und wesentlich breiter als die eigentliche Br\u00fccke: Die Rampe steht auf Stahlpf\u00e4hlen im Wasser<\/p>\n<p>Den Fachmann graust es. Angesichts der direkt angrenzenden Kante zum Wasser \u201eh\u00e4tte man die Sicherung von der Br\u00fccke noch weiter herunterziehen m\u00fcssen. Aus meiner Sicht ist da definitiv etwas nicht in Ordnung.\u201c<\/p>\n<p><strong><em>DIE OHNMACHT DER FREUNDE BLEIBT.<\/em><\/strong> Sie pilgern zu den Rosen am Gel\u00e4nder und versuchen, die verlorene Normalit\u00e4t wieder zu finden. Fiebern mit \u201eUnion\u201c, lenken sich \u2013 so gut es geht \u2013 ab. Zeit heilt Wunden, sagt man ihnen. Also lassen sie die Zeit mal machen.<\/p>\n<p>Michael Krause wollte selbst was tun. Also hat der Hobbyfu\u00dfballer seine \u201eBallzauber\u201c-Kumpels \u00fcberredet, dass man das Hallenturnier am 14. Februar in der H\u00e4mmerlingstra\u00dfe f\u00fcr einen guten Zweck spielt. \u201eIch kannte Franziska aus dem Stadion\u201c, sagt der 25-j\u00e4hrige K\u00f6penicker. \u201eIch habe als Sicherheitsmann immer Franzis Karte abgeknipst, wenn sie ins Stadion kam. Nach und nach haben wir uns besser kennengelernt. Ihr Tod ist \u2013 ich wei\u00df nicht, wie ich sagen soll.\u201c<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Freunden wird er ein letztes Mal f\u00fcr die beiden Verstorbenen spielen. Ein Turnier, bei dem es nicht ums Gewinnen, sondern um den guten Zweck gehen wird. \u201eWir wollen Geld sammeln und gemeinsam Abschied nehmen. Es muss ja weiter gehen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_477\" aria-describedby=\"caption-attachment-477\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010004.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-477 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010004-225x300.jpg\" alt=\"P1010004\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010004-225x300.jpg 225w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010004-600x800.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P1010004.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-477\" class=\"wp-caption-text\">Dahme-Br\u00fccke, K\u00f6penick, 4. 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