{"id":4759,"date":"2021-04-02T12:41:53","date_gmt":"2021-04-02T12:41:53","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4759"},"modified":"2021-04-02T12:41:54","modified_gmt":"2021-04-02T12:41:54","slug":"nein-nein-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/nein-nein-nein\/","title":{"rendered":"NEIN. NEIN. NEIN."},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung steht fest \u2013 Hermine w\u00fcrde\ngerne den Arzt anrufen und informieren, dass sie sich nicht impfen lassen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das muss sie verschieben. Es ist\nKarfreitag, die Praxis vom Herrn Doktor ist bis Montag dicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Macht nichts. An Hermines Entschluss\n\u00e4ndert sich nichts mehr. Sie hat alles hin und her \u00fcberlegt. Jetzt h\u00f6rt sie die\n\u201eMatth\u00e4us-Passion\u201c und geht ihre Gedanken noch einmal zufrieden durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist nie eine gewesen, die Verdruss gemacht hat. Hermine Angerer hat 70 Jahre lang <em>Ja<\/em> gesagt. Als sie aufs Gymnasium wollte und der Vater gemeint hat, das sei nicht vonn\u00f6ten f\u00fcr ein M\u00e4dchen, hat sie die Realschule besucht und sich halt sp\u00e4ter klaglos an der Volkshochschule fortgebildet. Als der Gatte erkl\u00e4rte, wenn Kinder da seien, habe die Frau im Haus nach dem Rechten zu sehen, ist sie \u2013 heimlich heulend &#8211; aus dem Beruf ausgeschieden. Weil der Willi nach S\u00fcdtirol wollte, ist sie nie nach Sylt gekommen. Weil er Museen nicht ausstehen konnte, ist sie allein gegangen. Weil er Volksmusik und Schlager mochte, hat sie Bach und Mozart geh\u00f6rt, wenn er nicht im Haus war.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei hat sie mit der Zeit die Texte und\ndie Bilder allesamt im Kopf gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber beim Traurig-Sein ist ihr niemand\nbeigestanden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Wir setzen uns mit Tr\u00e4nen nieder<br>\nund rufen dir im Grabe zu,<br>\nruhe sanfte, sanfte ruh.<br>\nRuht, ihr ausgesognen Glieder,<br>\neuer Grab und Leichenstein<br>\nsoll dem \u00e4ngstlichen Gewissen<br>\nein bequemes Ruhekissen<br>\nund der Seelen Ruhstatt sein,<br>\nh\u00f6chst vergn\u00fcgt schlummern da die Augen ein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hermine Angerer glaubt an\netwas. Sei\u2019s drum, nennen wir es \u201eGott\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist immer sonntags zur\nMesse gegangen. Alleine, die Kinder wollten nicht mit, und der Mann war beim\nFr\u00fchschoppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Mann starb, gab es ein\ngro\u00dfes Nichts. Einsamkeit, Trauer, Schmerz \u2013 wer macht da schon einen Unterschied?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Glaube verbietet, dass der\nMensch dem gro\u00dfen Schmerz selbst ein Ende bereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war hart zu ertragen f\u00fcr\nFrau Angerer.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Er hilft aus Not,<br>\nder fromme Gott,<br>\nund z\u00fcchtiget mit Ma\u00dfen,<br>\nwer Gott vertraut,<br>\nfest auf ihn baut,<br>\nden will er nicht verlassen.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Immer nur<em> Ja<\/em>. Die \u00c4rzte beschlossen, ihren Brustkrebs mit einer Chemo zu behandeln. So geschah es, und die letzte Lust entwich dem K\u00f6rper. Die Doktoren ordneten Impfungen bei den Kindern und Traktierungen am sterbenskranken Mann an \u2013 <em>Ja<\/em> sagte Hermine und bat alle um Verzeihung, die Kinder, den Mann und den Lieben Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber <em>Ja<\/em> hat sie immer gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Wenn ich einmal soll scheiden,<br>\nso scheide nicht von mir,<br>\nwenn ich den Tod soll leiden,<br>\nso tritt du denn herf\u00fcr,<br>\nwenn mir am allerb\u00e4ngsten<br>\nwird um das Herze sein,<br>\nso rei\u00df mich aus den \u00c4ngsten<br>\nkraft deiner Angst und Pein.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat keine Furcht vor dem Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Angst hatte sie vor der Zeit vor dem Aus.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Er\u00f6ffne den feurigen Abgrund, o H\u00f6lle,<br>\nzertr\u00fcmmre, verderbe, verschlinge, zerschelle<br>\nmit pl\u00f6tzlicher Wut<br>\nden falschen Verr\u00e4ter, das m\u00f6rdrische Blut.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam die gro\u00dfe Krankheit\nins Land. Nie hat sich Hermine Angerer, die soviel \u00fcber sich ergehen lie\u00df, so\nschwach gef\u00fchlt, nie war sie so kleinm\u00fctig.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Der Wolken, Luft und Winden<br>\ngibt Wege, Lauf und Bahn,<br>\nder wird auch Wege finden,<br>\nda dein Fu\u00df gehen kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist es genug. Jetzt ist\nFrau Angerer einmal zu oft beschissen worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Impfen. Nicht impfen. Deutsche\nMedizin. Englische Medizin. Achtung, Inzidenz! Vorsicht, t\u00f6dliches Virus. B\u00fcrgerinnen\nund B\u00fcrger, es ist ernst. Keine Kontakte, Reisen verboten, Masken m\u00fcssen,\nTesten ist B\u00fcrgerpflicht! Und vor allem: Ja sagen und ansonsten Maul halten!<\/p>\n\n\n\n<p>Blablabla.<\/p>\n\n\n\n<p>Es reicht. Sie l\u00e4sst sich\nnicht mehr bel\u00fcgen. Sie ist doch nicht bl\u00f6d.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei allem Respekt, nun m\u00f6ge man sie im Arsche lecken. Sie lebt fortan ihr Leben, zum ersten Mal nur f\u00fcr sich allein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Die Entscheidung steht fest \u2013 Hermine w\u00fcrde gerne den Arzt anrufen und informieren, dass sie sich nicht impfen lassen wird. Aber das muss sie verschieben. Es ist Karfreitag, die Praxis vom Herrn Doktor ist bis Montag dicht. Macht nichts. An Hermines Entschluss \u00e4ndert sich nichts mehr. 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