{"id":4737,"date":"2021-03-30T10:49:36","date_gmt":"2021-03-30T10:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4737"},"modified":"2021-03-30T10:51:10","modified_gmt":"2021-03-30T10:51:10","slug":"verlassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/verlassen\/","title":{"rendered":"VERLASSEN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau auf der Parkbank an der Biedersteiner\nStra\u00dfe ist eine gepflegte Person. Niemand sieht ihr an, wie verloren sie sich\nf\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Geld hat Hermine Angerer nicht, sie kann\nsich keine Extravaganzen leisten. Aber sie achtet auf sich. Die Schuhe sind\ngeputzt, die Blusen geb\u00fcgelt, den Walser Rock aus dunklem Loden hat sie, immer\nfrisch aus der Reinigung, in dreifacher Ausf\u00fchrung. Hermine tr\u00e4gt keine Hosen,\naus Prinzip nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen K\u00f6lnisch Wasser legt sie auf,\ndie Haut cremt sie sorgf\u00e4ltig mit Nivea. Sie duscht jeden Abend, der Zahnarzt\nhat unl\u00e4ngst ihre vorbildliche Mundhygiene gelobt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nach den Monaten der Isolation war\nFrau Angerer unter denen, die sich f\u00fcr die erste Woche nach der Wiederer\u00f6ffnung\neinen Termin bei ihrem Friseur gesichert hatte. Waschen. Schneiden. Eine kleine\nfeine Dauerwelle \u2013 es war ein herrlicher Nachmittag. Beim Verlassen des\nCoiffeurs schimmerte das Haar silbergrau und frohgemut.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern war im Fernsehen die ebenfalls\npiccobello frisierte Kanzlerin zu sehen, in einem teuren hellen Kost\u00fcm, mit ein\nwenig Schmuck am Hals.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Frau Angerer dachte: <em>Krank k\u00f6nnte\nsie sein, die Merkel. Die ist doch zehn Jahre j\u00fcnger als ich. Aber sie sieht\naus, als macht sie es nicht mehr lange.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hermine Angerer erinnert sich, jetzt auf\nder Parkbank, an den Fernsehabend mit der Kanzlerin und erschrickt ein wenig\n\u00fcber sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher hat sie nix auf diese Kanzlerin\nkommen lassen. War doch beeindruckend, wie sich Frau Merkel in der Welt der\nM\u00e4nner durchsetzte. Sie hatte etwas Verl\u00e4ssliches. Wenn Angela mit ihrem Gatten\nin S\u00fcdtirol Winterurlaub machte, sagte Hermine Angerer, die Ferien hat sich die\nKanzlerin ehrlich verdient. Wenn die Wagner-Liebhaberin Merkel (mitsamt Gemahl)\n\u00fcber den Roten Teppich in Bayreuth ging, wurde sie von Hermine Angerer aus\nM\u00fcnchen-Schwabing vorbehaltlos angehimmelt. Und wenn sie sich dann noch vom\nObama oder vom Macron oder von Jean-Claude Juncker abbusseln lie\u00df, dann war\nHermine ganz exaltiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst Willi Angerer sagte nach der ersten\nAmtsperiode der Angela Merkel, er werde von nun an nicht mehr die Sozis w\u00e4hlen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam diese gro\u00dfe Krankheit \u2013 und von\nMonat zu Monat verlor Hermine das Vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern h\u00f6rte sie der Kanzlerin zu und\nhatte nur ein Wort im Kopf:<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie mag ihre Kanzlerin nicht mehr. Hermine\nAngerer aus Schwabing ist zornig, weil sie verlassen worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch dem Markus S\u00f6der will sie sich nicht\nmehr anvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt niemanden da oben, dem sie folgen\nw\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich bin hier ganz allein. Irgendwann werde\nich mich anstecken, dann ist es auch schon wurscht. Dann bekomme ich keine Luft\nmehr, sie h\u00e4ngen mich an ein Beatmungsger\u00e4t \u2013 und weil ich alt bin, werde ich doch\nsterben. So wird es sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bis dahin tankt sie noch ein wenig Sonne.\nSie hofft auf den Besuch der Kinder und geht ihrem Alltag nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermine Angerer seufzt. Sie sieht zwei jungen Frauen in luftigen Sommerkleidchen nach, h\u00f6rt, dass sie \u00fcber aktuelle Geschichten mit M\u00e4nnern reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die leben in einer ganz anderen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Handy von Hermine Angerer spielt die\nersten Takte von \u201eF\u00fcr Elise\u201c. Sie holt es aus der Handtasche und sieht aufs\nDisplay. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht die Nummer von einem Kind und\nauch nicht die von einer Freundin. Die hat sie im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich hat sich jemand verw\u00e4hlt.\nWer soll sie schon anrufen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr Elise\u201c, noch einmal und noch einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Hermine Angerer dr\u00fcckt auf den Empfangen-Knopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine nette junge Frauenstimme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSpreche ich mit Frau Angerer?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, bitte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier ist die Praxis Westermann. Darf ich\nSie zum Herrn Doktor durchstellen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, bitte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es knackt in der Leitung. Hermine Angerer hat Panik. Das kann nur etwas Schlimmes sein. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Die Frau auf der Parkbank an der Biedersteiner Stra\u00dfe ist eine gepflegte Person. Niemand sieht ihr an, wie verloren sie sich f\u00fchlt. 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