{"id":4721,"date":"2021-03-20T19:11:38","date_gmt":"2021-03-20T19:11:38","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4721"},"modified":"2021-03-20T19:13:12","modified_gmt":"2021-03-20T19:13:12","slug":"win-win","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/win-win\/","title":{"rendered":"WIN-WIN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ist noch eine lange wilde Nacht geworden. Irgendwann\nenterten die von Mischa Grabhammer engagierten Damen den Partykeller. Sie waren\nsehr anstellig, hatten ja momentan nicht so viele Auftr\u00e4ge und somit ihren\nBeruf wieder richtig sch\u00e4tzen gelernt. Wenn man wollte, durfte man sie sogar\nk\u00fcssen, auf den Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>Was den Escort angeht, da kann man nur sagen: Diese\nPandemie ist geil.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte der Woche traf sich Ferdl mit einem\n\u00f6sterreichischen Gesch\u00e4ftsmann. Reinhard Schuster nannte er sich, ihm geh\u00f6rte <em>Sebasecure,<\/em>\nein Unternehmen mit Sitz an der Grenze zur Slowakei.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatten eine Bar in der Maximilianstra\u00dfe ganz f\u00fcr\nsich. Grabhammer war dort Teilhaber, das Personal k\u00fcmmerte sich um die beiden einzigen\nG\u00e4ste im hinteren Raum \u2013 auf der Stra\u00dfe bekam niemand etwas mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sei fesch, meinte Schuster, mal wieder in einer\nWirtschaft zu sitzen. Ihm gehe dieser \u201eLockdown\u201c sehr auf die Nerven. Der\nGesch\u00e4ftsmann h\u00e4tte auch als Model arbeiten k\u00f6nnen, er sah unverfroren gut aus,\nund der Anzug war sehr teuer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchade, dass Herr Grabhammer nicht kommen kann. Sag\u2018\nihm sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdl zog kurz die Augenbrauen hoch, mehr lie\u00df er sich\nnicht anmerken. Er nickte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch darf doch ,Du\u2018 sagen?!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Typ hatte den Schm\u00e4h drauf. Er klang wie ein Zillertaler\nSkilehrer und wie ein Wiener Falott und wie ein Innsbrucker Landeshauptmann.\nDem konnte man das \u201eDu\u201c nicht abschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFreilich. Der Mischa, wie gesagt, l\u00e4sst sich\nentschuldigen \u2013 Gesch\u00e4fte. Ich hab Procura.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00f6re sich gut an. Herr Schuster war auf einmal\nrecht vergn\u00fcgt, er lie\u00df das Zahlenschloss seines teuren\nAluminium-Attach\u00e9-Aktenkoffers aufschnappen und breitete das Angebot aus. Dazu zeigte\ner dann und wann auf dem Apple einen aufw\u00e4ndig gemachten Demo-Film.<\/p>\n\n\n\n<p>Reinhard Schuster verstand sich aufs Verkaufen. Er\nhatte gute Ware, er rief exklusive Preise auf, seine Kundschaft brauchte einen\nwie ihn.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sebasecure <\/em>sorgte f\u00fcr die\nZeiten, wenn es mit der Welt dahin gehen w\u00fcrde. Das hat die Firma, mit Blick\nauf den Klassenfeind in Pressburg auf dr\u00fcberen Seite der Donau, schon seit\nLangem als Vision:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unser Unternehmen besch\u00e4ftigt sich seit \u00fcber 30 Jahren mit der Planung, Ausstattung und Einrichtung von Schutzr\u00e4umen und hat im Laufe der Jahre seine Produktpalette um innovative Produkte wie pers\u00f6nliche Schutzausr\u00fcstung, Notvorrat und Langzeitnahrung sowie Zentralabsauganlagen erweitert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem Singsang hat der Reinhard mit dem Ferdl in\neiner Stunde einen 100000-Euro-Deal gemacht. Er w\u00fcrde liefern:<\/p>\n\n\n\n<p>Dehydrierte Lebensmittel, sicher in Metalldosen \u00e0 1,2 Liter abgepackt, extrem lange haltbar, ohne Konservierungsstoffe und ohne Chemie, kindergerecht und wohlschmeckend, kein Kochen (nur hei\u00dfes Wasser dazugeben), 15-20 Jahre haltbar!<\/p>\n\n\n\n<p>Grundnahrungsmittel f\u00fcr ein Jahr, Gesamtkalorienzahl 67500 Genug zum \u00dcberleben f\u00fcr drei Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trockenaborte.<\/p>\n\n\n\n<p>Trinkwasserbeh\u00e4lter.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00e4kalbeh\u00e4lter.<\/p>\n\n\n\n<p>Schutzraumventilatoren.<\/p>\n\n\n\n<p>Raum\u00fcberdruckmessger\u00e4te.<\/p>\n\n\n\n<p>Gasfilter.<\/p>\n\n\n\n<p>Strahlenmessger\u00e4te. <\/p>\n\n\n\n<p>Strahlendetektoren und -schutzanz\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Befreiungswerkzeuge, im Einzelpaket hei\u00dft das: eine lackierte\nSpanplatte, 70\/140 Zentimeter; eine Pionierschaufel; ein Handbeil; eine\nHands\u00e4ge \u2013 Fuchsschwanz; ein Metalls\u00e4gebogen; Ersatzbl\u00e4tter f\u00fcr die Metalls\u00e4ge;\nein F\u00e4ustel, 1,5 Kilogramm; ein F\u00e4ustel, 1,25 Kilogramm; ein Spitzmeisel 300\nMillimeter; ein Flachmeisel, 300 Millimeter; ein Krampen; eine Brechstange, 1000\nMillimeter; ein Bergetuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles hat Ferdl\nprocura in zehnfacher, zwanzigefacher, im doppelten Dutzend bestellt. Dazu eine\nAufr\u00fcstung und einen Dreifach-Schutz f\u00fcr die R\u00e4umlichkeiten. Man kann ja nie\nwissen. <\/p>\n\n\n\n<p>Lieferung in einer\nWoche. Dann k\u00f6nnte er vor Ort die Richtigkeit \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBittes\u00e4hr, g\u00e4rn\u201c,\nsagt Reinhard Schuster und l\u00e4chelte geschmeidig. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie es schien, war das ein Win-Win-Ding.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Ist noch eine lange wilde Nacht geworden. Irgendwann enterten die von Mischa Grabhammer engagierten Damen den Partykeller. Sie waren sehr anstellig, hatten ja momentan nicht so viele Auftr\u00e4ge und somit ihren Beruf wieder richtig sch\u00e4tzen gelernt. Wenn man wollte, durfte man sie sogar k\u00fcssen, auf den Mund. 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