{"id":4706,"date":"2021-03-14T21:14:46","date_gmt":"2021-03-14T21:14:46","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4706"},"modified":"2021-03-14T21:14:47","modified_gmt":"2021-03-14T21:14:47","slug":"warst-auch-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/warst-auch-da\/","title":{"rendered":"&#8220;WARST AUCH DA?&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p>An der U-Bahnstation Giselastra\u00dfe steigt\nan diesem Samstagnachmittag Ferdl Ostler in die U6 nach Garching. Widerwillig\nhat er die Maske aufs Gesicht gezogen \u2013 fr\u00fcher hat er das Ding ja getragen,\naber seit ein paar Wochen verweigert er sich dem staatlichen Zwang, so gut er\nkann.<\/p>\n\n\n\n<p>In den \u00d6ffentlichen tr\u00e4gt der Ferdl Maske.\nEr will sich nicht mit den Kontrolleuren anlegen. Und Ordnungsgelder kriegen\ndie erst recht nicht von ihm. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re ja gelacht. Was die \u201eOrdnung\u201c nennen, ist b\u00f6sartige Willk\u00fcr. Die Genugtuung, dass er ihnen was zahlt, g\u00f6nnt er ihnen nicht. Keinen Cent kriegen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sitzt in der U6 und guckt mit b\u00f6sen\nAugen in den Waggon. <\/p>\n\n\n\n<p>Lauter Robotniks. Humanoide, schon jetzt.\nAmazon-Sklaven. Ferngesteuertes Schlachtvieh. Androide, enteierte. Homunkulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie machen mit ihren Smartphones rum und\nmerken nicht, wie sie kontrolliert werden. Sie bewegen sich von hier nach da\nund meinen, sie h\u00e4tten ihr Leben im Griff \u2013 dabei werden sie gelenkt und\ngetrieben. Sie lachen, aber es gibt nichts zum Lachen. Sie sollten heulen und\naufjaulen, sie sollten sich wehren und in den Kampf ziehen. Tun sie nicht, sie\nwarten, bis sie dran sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie reihen sich ein in die Schlange der\nOpfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdl m\u00f6chte sich die Maske vom Gesicht\nrei\u00dfen \u2013 ihm wird schlecht, wenn er diese \u201eB\u00fcrger\u201c sieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Er zieht das Handy aus der Jacke, w\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGrahammer?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eServus, ich bin\u2018s, der Ferdl.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSuper, hab\u2018 grad an Dich gedacht. Es\nbleibt dabei: Du kommst heut\u2018?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBin in der U-Bahn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWo bist denn?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn zehn Minuten in Garching.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchon? Spitze. Ich schick Dir wen, der\nholt Dich ab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ferdl dr\u00fcckt die Aus-Taste und entspannt\nsich. Alles gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grahammer ist schon ein verreckter\nHund. Gut, dass man sich getroffen hat. Mit dem Grahammer kann man gut in den\nKampf ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endstation. Ferdl stapft die Treppen hoch,\nstellt sich drau\u00dfen unter ein Vordach. Der Sturm treibt nassen Schnee \u00fcber die Stra\u00dfe.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann mit einem eingerollten Plakat\nn\u00e4hert sich. \u201eSag, fahrst Du eventuell zum Grahammer?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sagt der Ferdl. Der Andere stellt sich\nals Severin vor. Er habe sich gleich gedacht, dass der Ferdl einer von ihnen\nsei. Er komme gerade von der Demo.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarst auch da?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c l\u00fcgt der Ferdl.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wagen vom Grahammer f\u00e4hrt vor. Der\nChauffeur: ein Neger.<\/p>\n\n\n\n<p>Passt, denkt der Ferdl. <\/p>\n\n\n\n<p>Herrenmenschen, er und der Severin und der Grahammer. <\/p>\n\n\n\n<p>Das deutsche Volk, die aus der U-Bahn und der Rest, die auf dem Holzweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann noch die Neger, die schwulen\nPriester und die Anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Passt schon.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II An der U-Bahnstation Giselastra\u00dfe steigt an diesem Samstagnachmittag Ferdl Ostler in die U6 nach Garching. Widerwillig hat er die Maske aufs Gesicht gezogen \u2013 fr\u00fcher hat er das Ding ja getragen, aber seit ein paar Wochen verweigert er sich dem staatlichen Zwang, so gut er kann. 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