{"id":4664,"date":"2021-02-28T13:25:43","date_gmt":"2021-02-28T13:25:43","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4664"},"modified":"2021-02-28T13:25:45","modified_gmt":"2021-02-28T13:25:45","slug":"pjotr-malt-kz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/pjotr-malt-kz\/","title":{"rendered":"PJOTR MALT KZ"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>A propos Franz Marc \u2013 vor einem Jahr hat Hans eine\nFrau kennen gelernt hat, die \u00fcber den Maler Marc ziemlich gut Bescheid wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Feld hat er sie getroffen. Wie er hat sie sich\nbeim Bauern etwas dazu verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Martha.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer freundlich. Zerarbeitet und z\u00e4h. Sie war nicht\nkleinzukriegen auf dem Acker und hat nicht gejammert.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal haben sie mittags nebeneinander gesessen. Sie\nhatte Butterbrote, einen Apfel und Wasser dabei, a\u00df und trank mit Genuss.\nDanach steckte sie sich eine Zigarette an.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans fragte sie, ob sie sich in der Landwirtschaft\nauskenne. Ihr ginge die Arbeit auf dem Feld so gut von der Hand \u2013 als sei das\nnichts Fremdes f\u00fcr sie. Da habe er gedacht, dass sie vielleicht\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Martha lachte. \u201eDas habe ich von der Mutter gelernt.\nWir haben hier in der Gegend gewohnt, die Mutter, die Schwestern und ich. Viel\nhaben wir nicht gehabt, es hat auch keinen Mann gegeben, der die schwere Arbeit\ngemacht h\u00e4tte. Einstellen konnte die Mama keinen, daf\u00fcr hat das Geld nicht\ngelangt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Vater?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das mit dem Vater ist so eine Geschicht\u2018 gewesen.\nAm liebsten w\u00fcrde sie nicht dr\u00fcber reden, bittesch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter hat sie dann doch erz\u00e4hlt. Es war an einem\nSamstagabend, als die Erntehelfer noch etwas in der Tankstelle getrunken haben.\nHans hatte Kaffee, die Anderen Bier. An einem Stehtisch hat die Martha gesagt,\ndass sie furchtbar lang gebraucht hat, bis sie ihren Vater hasste. Und der\nGrund war nicht einmal, dass er die Mutter sitzen hat lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch war schon erwachsen. Ich wollte Malerin werden,\nweil der Papa einer war. Fast zwei Jahre war ich schon an der Akademie und\nhatte auch schon zwei Ausstellungen \u2013 da ist mir bewusst geworden, was er f\u00fcr\nein Arsch war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es passierte an einem Tag, an dem unterm Dachauer\nSchloss der Flieder bl\u00fchte. Martha wollte eine Ausstellung besuchen. Sie sa\u00df\nvor dem \u201eZieglerbr\u00e4u\u201c, hatte ein Bier vor sich und las, w\u00e4hrend sie auf einen\nBekannten wartete, die Heimatzeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stand die Geschichte von Pjotr.<\/p>\n\n\n\n<p>Martha las sie, dachte an ihren Vater. Der Bekannte kam, sie wollte ihn nicht mehr sehen, sie fuhr von Dachau zur\u00fcck nach M\u00fcnchen, sa\u00df tagelang in ihrem Atelier, dachte an Pjotr, erinnerte sich an ihren Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach hat sie nie mehr ein Bild gemalt, und\neigentlich war ihr Leben im Arsch.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum?\u201c, hat Hans gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Vater hat mir ein Bild hinterlassen, als er\nstarb. Im August \u201875 haben wir ihn begraben. Das Bild war ein \u00d6lgem\u00e4lde, ziemlich gro\u00df, einfacher\nHolzrahmen. Landschaft bei Dachau im Herbst. Vorne die Amper am Horizont die\nAlpen. Dazwischen das Moos in allen Braunt\u00f6nen. Dr\u00fcber ein Himmel, an dem die\nH\u00f6lle los ist. Ein gro\u00dfartiges Bild. Das habe ich gesehen und wollte nur noch\nMalerin werden \u2013 wie der Papa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNaja, ich habe aus dem Erbe bekommen, was vom Maler \u00fcbrig gewesen ist. Leinw\u00e4nde, Pinsel, Farben, eine Staffelei. Sogar seinen Arbeitsschurz habe ich genommen, einen blauen verwaschenen voller Kleckse. Ich habe es geliebt, den umzubinden und zu arbeiten. Ich habe Kunst studiert und bin Malerin geworden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann war doch alles paletti?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, war es nicht. In der Zeitung &#8211; damals beim &#8220;Zieglerbr\u00e4u&#8221; &#8211; stand, dass ein gewisser Pjotr 30 Bilder gemalt hat, nachdem er 1945 von den Amerikanern aus dem KZ Dachau befreit worden ist. Ein Pole ist er gewesen &#8211; und er ist am Sterben gewesen, als die Amis kamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat weiter gelebt. Er hat gemalt. 30 grauslige Bilder aus dem KZ-Alltag. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe versucht, mehr \u00fcber Pjotr zu erfahren. Das\nwar nicht gut f\u00fcr mich. Weil mir klar geworden ist, dass mein Vater sein\nLandschaftsbild genau in den Tagen gemalt hat, in denen Pjotr im\nKonzentrationslager fast gestorben w\u00e4re.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es war f\u00fcr sie fast nicht auszuhalten, hat Martha erz\u00e4hlt. <\/p>\n\n\n\n<p>Hans war so erschrocken, dass er sich nicht traute, die weinende Frau in den Arm zu nehmen. Die anderen Wochenend-Trinker holten aus dem K\u00fchlregal der Tankstelle noch eine Runde. N\u00fcchtern lie\u00df sich Marthas Erz\u00e4hlung nicht recht aushalten.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II A propos Franz Marc \u2013 vor einem Jahr hat Hans eine Frau kennen gelernt hat, die \u00fcber den Maler Marc ziemlich gut Bescheid wei\u00df. 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