{"id":4662,"date":"2021-02-27T17:06:05","date_gmt":"2021-02-27T17:06:05","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4662"},"modified":"2021-02-27T17:06:06","modified_gmt":"2021-02-27T17:06:06","slug":"oh-franzerl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/oh-franzerl\/","title":{"rendered":"OH, FRANZERL!"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p>Heute Nacht war Vollmond, deshalb hat Hans\numstritten geschlafen. Jetzt, nach der Brotzeit neben dem Rabenkopf, ist er\nhellwach.<\/p>\n\n\n\n<p>Er blickt den S\u00fcdhang hinunter. 200 Meter\nunter ihm liegt die Staffelalm in der Sonne. Kein Leben r\u00fchrt sich dort. Das\nLicht ist hart, die Schatten haben scharfe R\u00e4nder. Die geduckte langgestreckte\nH\u00fctte wirkt kalt und unbehaust \u2013 ein ungem\u00fctliches Stilleben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Oh Franzerl!<\/em> denkt der Hans.\nIst jetzt auch schon 110 Jahre her, dass Du auf der Alm Deine Malereien und\nDein Gev\u00f6gel gehabt hast. <em>Ein rechter Hund bist ja schon gewesen, Franz Marc.<\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Hans stellt sich vor, wie das damals gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Land drau\u00dfen ist noch\nnichts von den gro\u00dfen Katastrophen zu sp\u00fcren. Bald wird es einen Weltkrieg\ngeben, bald wird die Spanische Grippe \u00fcber die Menschen kommen. Aber noch ist\nman gem\u00fctlich und unwissend.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von der Staffelalm kommen\neine Frau und ein Mann. Gro\u00df gewachsen ist der Herr und braungebrannt. Er hat\nsch\u00f6ne Wochen mit seiner Liebschaft gehabt, jetzt ist es ihm pressant. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Maler von der Alm dr\u00e4ngelt.\n\u201eGeh\u2018 zu Schatz, der Zug wartet nicht.\u201c Sie hasten durch den Ort. Sie hat\napfelrote Backen, weil sie schwer an ihrem Gep\u00e4ck schleppt und den langen\nSchritten des Mannes kaum folgen kann. Die Menschen in den in den Stra\u00dfen sehen\nden Beiden belustigt und ein wenig wissend zu.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hat der Maler wieder mal ein\nGspusi auf der Alp gehabt. Er kann es halt nicht lassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Franz Marc schiebt die Frau\nin den Zug, der dampft in Richtung M\u00fcnchen aus dem Bahnhof von Kochel. Franz\nMarc wischt sich mit dem Schneuztuch den Schwei\u00df aus dem Gesicht und geht zum\nWirt neben dem Bahnhof. Er kauft sich eine Ma\u00df, nachher wird er beim Kramer\nnoch ein paar Flaschen Roten mitnehmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hastig trinkt er das Bier,\ndann eilt er zur\u00fcck zum Bahnhof. Kommt gerade rechtzeitig. Der Zug aus M\u00fcnchen macht\nseinen letzten Schnaufer. Aus den Waggons steigen Bauern und D\u00f6rfler, als\nLetzte l\u00e4sst sich eine h\u00fcbsche St\u00e4dterin das Gep\u00e4ck aufs Perron heben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie ist nicht gerade passend\ngekleidet. So flaniert man \u00fcber den Odeonsplatz, so geht man nicht ins Gebirge.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sei\u2019s drum!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Franz Marc l\u00e4uft zu der\nSch\u00f6nen, hebt sie in die H\u00f6he und dreht sich einmal um sich selbst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie gurrt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eNarrisches Mannsbild.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eLass uns gleich los\u201c, sagt\ner. \u201eIch kann es nicht erwarten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIst es weit bis zu Deiner\nAlm?\u201c, fragt sie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eNaja, andere Schuhe\nk\u00f6nntest anziehen. Wennst welche hast.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie hat. Wechselt die Schuhe\nnoch am Bahnhof. Und dann nix wie rauf. Jessas, ist das Leben sch\u00f6n.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans verschn\u00fcrt den Rucksack, schultert ihn und marschiert ins Tal. In Gedanken ist er bei Franz Marc, bei Martha vom Feld (das war vor einem Jahr) und beim Nazi-Maler\u2026<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Heute Nacht war Vollmond, deshalb hat Hans umstritten geschlafen. Jetzt, nach der Brotzeit neben dem Rabenkopf, ist er hellwach. Er blickt den S\u00fcdhang hinunter. 200 Meter unter ihm liegt die Staffelalm in der Sonne. Kein Leben r\u00fchrt sich dort. Das Licht ist hart, die Schatten haben scharfe R\u00e4nder. 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