{"id":4606,"date":"2021-02-14T19:52:31","date_gmt":"2021-02-14T19:52:31","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4606"},"modified":"2021-02-14T19:52:33","modified_gmt":"2021-02-14T19:52:33","slug":"oh-mein-papa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/oh-mein-papa\/","title":{"rendered":"OH, MEIN PAPA!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Streng war er geworden. Unber\u00fchrbar, unnahbar. Still,\nwortwidrig. R\u00fcde und rau.<\/p>\n\n\n\n<p>Ahmed war nicht mehr der Papa von einst.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wohnten in dem neuen sch\u00f6nen Haus der Tr\u00e4ume. Sie,\ndie T\u00fcrken, waren in Haldertal angesehene Mitb\u00fcrger. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Unschuld des Lebens war weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bruder war nur noch f\u00fcr den Sport da. Die Mutter\nwar nur noch traurig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater:<\/p>\n\n\n\n<p>Herrschs\u00fcchtig. Streitend. Taub. Laut. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie, Hatice:<\/p>\n\n\n\n<p>Klein, jung, sch\u00f6n, biegsam, betroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lachten nicht mehr zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater fing an, seiner Tochter Dinge zu\nverbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie durfte nicht bei Klassenfahrten dabei\nsein. Ins Freibad lie\u00df Ahmed seine Tochter nur in Begleitung. Aber der Bruder\nhatte keine Lust. Und die Mutter war nicht in der Laune f\u00fcr fr\u00f6hliches\nSchwimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ahmed kontrollierte Hatices W\u00e4scheschrank.\nDen Bikini beschlagnahmte er, den BH mit Spitze auch. Kurze R\u00f6cke waren\nverboten, Makeup ohnehin. <\/p>\n\n\n\n<p>Da hatte er es nun endlich geschafft und\nwar jemand in dem kleinen Allg\u00e4uer Dorf. Jetzt h\u00e4tte er sich freuen k\u00f6nnen \u2013\naber alle Gelassenheit war weg. Ahmed br\u00fctete jetzt stundenlang \u00fcber dem Koran,\ndoch froh machte ihn das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 15 verliebte sich Hatice zum ersten\nMal. Der Junge war aus dem Dorf \u2013 sch\u00fcchtern und unschuldig. Hatice ermunterte\nihn zum Knutschen nach der Berufsschule. Der Vater wurde misstrauisch, stellte\nseine Tochter zur Rede. Hatice log nicht \u2013 sie bekam die erste Ohrfeige von\nihrem Papa. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit 17 wollten sie und ihre Freundinnen\nUrlaub im S\u00fcden machen. Nein, sagte der Vater. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit 18 hatte sie den ganz gro\u00dfen Krach.\nAhmed erkl\u00e4rte, nun sei die Tochter im heiratsf\u00e4higen Alter, er habe sich seine\nGedanken gemacht. Er kenne da einen jungen Mann aus dem Nachbarort seiner\nHeimatgemeinde. Vielleicht sei es gut, man plane f\u00fcrs Jahr die Hochzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice war so \u00fcberrascht, dass ihr nichts\neinfiel. Nach l\u00e4ngerem stummen Entsetzen sagte sie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ohrfeige. Der Vater br\u00fcllte, sie ging\nwortlos weg. Packte ihre Sachen, rief eine Freundin in M\u00fcnchen an, sie nehme\nden letzten Zug. Hatice fuhr in die Stadt, ohne ihre Stelle in Heimkirch\ngek\u00fcndigt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freundin holte sie vom Bahnhof ab, sie\nredeten die ganze Nacht. \u201eIch gehe nicht mehr zur\u00fcck\u201c, sagte Hatice. \u201eUnd mit\ndem Vater rede ich nie mehr ein Wort.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie suchte sich Arbeit und eine Wohnung. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcrs Freibad und den Urlaub auf Mallorca\nkaufte sie einen Bikini.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Haben die M\u00fcnchner eigentlich nach neun\nUhr abends noch Hausarrest, oder ist das Ausgehverbot schon wieder aufgehoben?\nHatice wei\u00df es gar nicht. Sie sieht aus dem Fenster, kein Mensch ist auf der\nStra\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Frau ist niedergeschlagen und\nwei\u00df sich keinen Trost. <em>Ich habe wohl einen Lagerkoller<\/em>, denkt sie, <em>alle\nhaben einen Lagerkoller<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice denkt an die Mutter und den Bruder.\nSoll sie zuhause anrufen? Eher nicht, um diese Zeit ist der Vater daheim, sitzt\nwohl in seinem Stuhl und liest den Koran. Ihm gehe es nicht mehr so gut, hat\ndie Mutter beim letzten Telefonat erz\u00e4hlt. Er k\u00f6nne nicht mehr schwer heben und\nsei sehr kurzatmig. Zornig sei er \u00fcberhaupt nicht mehr, nur immer traurig. \u201eEr\nfragt manchmal nach Dir\u201c, hat die Mutter gesagt. \u201eEs tut ihm so leid. Du musst\nihm verzeihen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice sieht das Telefon an. Sie sch\u00fcttelt\nden Kopf. Setzt sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgen Vormittag hat sie eine Video-Konferenz\nmit Kollegen. Danach muss sie an der wichtigen Pr\u00e4sentation arbeiten. Mittags\nwird sie im Englischen Garten joggen. Einkaufen muss sie, W\u00e4sche machen.\nVielleicht loggt sie sich abends in diese Partner-Sache ein. Hoffnungen macht\nsie sich da nicht, aber was soll sie tun. Sie will jemanden kennen lernen, ihr\nfehlt ein Mensch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schaut wieder auf das Telefon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob der Vater richtig krank ist? Ob er\nsterben wird? <\/p>\n\n\n\n<p>Ihr ist schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice geht zum Telefon. Sie w\u00e4hlt die\nNummer in Haldertal.<\/p>\n\n\n\n<p>Es klingelt dreimal, sie will gerade\nauflegen, da meldet er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Papa.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Streng war er geworden. Unber\u00fchrbar, unnahbar. Still, wortwidrig. R\u00fcde und rau. Ahmed war nicht mehr der Papa von einst. Sie wohnten in dem neuen sch\u00f6nen Haus der Tr\u00e4ume. Sie, die T\u00fcrken, waren in Haldertal angesehene Mitb\u00fcrger. Aber die Unschuld des Lebens war weg. 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