{"id":4598,"date":"2021-02-13T09:59:13","date_gmt":"2021-02-13T09:59:13","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4598"},"modified":"2021-02-13T09:59:15","modified_gmt":"2021-02-13T09:59:15","slug":"daheim-endlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/daheim-endlich\/","title":{"rendered":"DAHEIM, ENDLICH?"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder sind\u2019s letzten Endes gewesen, die die\nT\u00fcrken-Familie in Haldertal, ganz hinten im Allg\u00e4u, eingeb\u00fcrgert haben. Selim\nhatte das Ringertalent vom Vater und er war ein verteufelt begabter Fu\u00dfballer.\nWurde beim Bolzen immer als Erster in die Mannschaft gew\u00e4hlt, schoss die\nSch\u00fclermannschaft des TSV Heimkirch zu Turniersiegen und Meisterschaften. Die\nScouts kamen aus Kempten und Memmingen, aus Ravensburg und Ulm, um sich den\nschwarzhaarigen Schlaks anzusehen. Er bekam von gro\u00dfen Ringerclubs und von\nbekannten Fu\u00dfballvereinen Angebote \u2013 aber der Vater wollte nicht, dass Selim so\nweit in die Welt musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice war ein sch\u00f6nes Kind, mauserte sich zu einem wundervollen\nWesen. Sie machte gute Laune. Hatice lachte, und die Leute l\u00e4chelten. Sogar die\nGrantigen unter den Haldertalern \u2013 und im Dorf gab es etliche, die mit allem\nund jedem ihre H\u00e4ndel hatten \u2013 verga\u00dfen ihre schlechte Laune, wenn sie das T\u00fcrkenm\u00e4dchen\ntrafen. Hatice war neugierig und unbefangen, sie redete mit jedermann, half,\nwenn sie konnte. Ihr Deutsch war fein und h\u00f6flich. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Lehrer liebten Hatice aus der ersten Reihe. Eifrig\nwar sie, keine Streberin, in der Klasse diejenige, in deren Umgebung es friedlich\nzuging. Im Skiclub gewann sie die Rennen der Altersklasse, und die Zweiten\nwaren gl\u00fccklich, ihre Freundinnen zu sein. Hatice war h\u00fcbscher, sportlicher,\nfreundlicher als die Anderen \u2013 aber keine neidete es ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie wuchs in die Dorfgemeinschaft. Manchmal\n\u00e4rgerten sich im Sommer die Einheimischen \u00fcber die Familie aus der Baracke, in\nder Pilzsaison war das.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die T\u00fcrken r\u00e4umten in den Revieren ab. Morgens um\nf\u00fcnf fuhr Ahmed mit seinen Leuten hinauf in die Berge. Er stellte den Wagen ab,\ndie Familie ging in Formation einen Waldr\u00fccken hinauf und wieder hinunter, sie sahen\naus wie ein Sp\u00fcrtrupp der Polizei auf Vermisstensuche.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach eineinhalb Stunden hatten sie abger\u00e4umt. Sie\nschnitten Steinpilze und Pfifferlinge, sonst nichts. Jeden Morgen kamen sie mit\nvollen K\u00f6rben zur\u00fcck, die Mama s\u00e4uberte die Schwammerl und fuhr sie in die\nRestaurants der Umgebung. War ein netter Verdienst f\u00fcr Ahmeds Familie \u2013 nur die\nHaldertaler, die erst am Vormittag ausr\u00fcckten, tappten in den W\u00e4ldern frustriert\nvon einer Schnittstelle zur n\u00e4chsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das tat nichts:<\/p>\n\n\n\n<p>Ahmed und seine Familie, die Kanacken, hatten es\ngeschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohnrecht in Haldertal. Angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice war sieben, als der B\u00fcrgermeister an die\nBarackent\u00fcr klopfte. Es war im Fr\u00fchling, die Erwachsenen schickten die Kinder\nzum Spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Stunde ging der B\u00fcrgermeister wieder. Die\nMutter war sehr aufgeregt, der Vater machte ein ernstes Gesicht. Sie sollten\njetzt gut zuh\u00f6ren und das, was nun geredet w\u00fcrde, nicht unter den Freunden\nherum erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selim und Hatice nickten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir bauen. Hier kommt alles weg und unser neues Haus\nkommt hierher. Das wird sehr sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder wussten nicht genau, was Papa sagen wollte.\nAber er sah froh aus. Die Mutter hatte jetzt Tr\u00e4nen in den Augen und l\u00e4chelte\ndabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann musste das, was da kommen w\u00fcrde, wohl gut sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im selben Monat wurden die Baracken abgerissen (die verr\u00fcckte\nAlte war im Winter gestorben, in der anderen H\u00fctte wohnten keine Gastarbeiter\nmehr). Die Gemeinde baute ein sch\u00f6nes Einfamilienhaus, im Sommer stand es, und\nAhmed richtete den Garten f\u00fcrs die kommenden Jahre her.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein gro\u00dfer Luxus. Jeder hatte ein ger\u00e4umiges\nZimmer. Heizk\u00f6rper gab es und in jedem Raum Steckdosen. Das Wasser war warm, in\nder K\u00fcche stand ein elektrischer Herd neben dem K\u00fchlschrank. Ahmed kaufte eine\nneue Waschmaschine, Ahmed arbeitete am Haus vor der Arbeit und nach der Arbeit.\nDie Mutter immer an seiner Seite, sie vertrug das viele Arbeiten nicht und verlor\nihre Heiterkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie verlebte einen ersten Winter im neuen\nZuhause. Es gab an den Fenstern keine Eisblumen mehr, man hatte es immer ertr\u00e4glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die W\u00e4rme von fr\u00fcher war verloren gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Die Kinder sind\u2019s letzten Endes gewesen, die die T\u00fcrken-Familie in Haldertal, ganz hinten im Allg\u00e4u, eingeb\u00fcrgert haben. Selim hatte das Ringertalent vom Vater und er war ein verteufelt begabter Fu\u00dfballer. Wurde beim Bolzen immer als Erster in die Mannschaft gew\u00e4hlt, schoss die Sch\u00fclermannschaft des TSV Heimkirch zu Turniersiegen und Meisterschaften. 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