{"id":4591,"date":"2021-02-11T11:12:59","date_gmt":"2021-02-11T11:12:59","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4591"},"modified":"2021-02-11T11:16:13","modified_gmt":"2021-02-11T11:16:13","slug":"hoch-gekampft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/hoch-gekampft\/","title":{"rendered":"HOCH GEK\u00c4MPFT"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ahmed war ein stolzer K\u00e4mpfer, so hat seine Tochter Hatice ihn gesehen, als sie ein M\u00e4dchen war. Ahmed besch\u00fctzte seine Familie. Er gab der Frau und den Kindern das Gef\u00fchl, sie m\u00fcssten sich f\u00fcr nichts sch\u00e4men. Sie lebten in der sch\u00e4bigsten Unterkunft des Dorfs, aber sie machten es sich warm und heimisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens\num halb acht verlie\u00df der Vater die Baracke, zum S\u00e4gewerk waren es f\u00fcnf Minuten\nGehweg. Ahmed musste nicht zu seinem Spind, er ging gleich zur Arbeit. Gro\u00df war\ner nicht, aber z\u00e4h wie ein Dachshund. <\/p>\n\n\n\n<p>In der\nT\u00fcrkei hatte er als Junger bei den \u00d6lringern mitgemacht. War sogar beim K\u0131rkp\u0131nar-Festival am\nStadtrand von Edirne angetreten. Damals ist Ahmed zwar schon in der Vorrunde\nausgeschieden, aber er hat Melek kennen gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4user\nkonnte er in die H\u00f6he mauern. Ahmed kannte sich mit Strom, aus, er steuerte\nLastwagen und Gabelstapler. Holzarbeiten mochte er \u2013 \u00fcberhaupt, er mochte jede\nArt von Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Melek war\ndie Richtige. Sie sparten sich einen klapprigen Kleinwagen zusammen, luden die\nKarre voll und reisten auf der E80 westw\u00e4rts. Ein halbes Jahr versuchten sie es\nbei Rosenheim, da arbeitete er in einer Baukolonne, sie putzte B\u00fcros. Es war\nnicht sch\u00f6n, Melek weinte viel, und Ahmed redete gar nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis einer\nder Kollegen ihm vom S\u00e4gewerk in Haldertal erz\u00e4hlte, dort suche man Leute, aber\nkeiner wollte in den hinteren Allg\u00e4u-Winkel, wo nichts eine Zukunft hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Melek und\nAhmed versuchten es. Sie machten es sich in der Baracke wohnlich. Die Kispet,\ndie Ringerhose aus dem Leder des Wasserb\u00fcffels, bekam einen Ehrenplatz im Glasregal\ndes wuchtigen Wohnzimmerschranks.<\/p>\n\n\n\n<p>Selim\nwurde geboren. Ahmed war so stolz.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nseiner Frau sprach er \u00fcber die kommenden Freuden. Sie w\u00fcrden es in Haldertal\nschaffen, sagte er. Da lie\u00df er sich nicht von den Leuten irre machen, denen die\nGastarbeiter in der Baracke unheimlich waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFrauen tuschelten, man wisse nicht, welche Krankheiten das Pack einschleppen\nw\u00fcrde. Was solle man schon von Menschen halten, die kein Schweinernes m\u00f6gen und\nsich zum Beten auf Teppiche knien?<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal kam\ndie Rede auch am Stammtisch auf die Ahmed-Sippe.<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nanfangs war man sich einig im \u201eOchsen\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>T\u00fcrken l\u00fcgen. T\u00fcrken\nstinken, sie schwei\u00dfeln an den F\u00fc\u00dfen und unter den Achseln. Unter den Achseln wachsen\nihnen \u00fcberdies die schwarzen Haare in B\u00fcschen, die M\u00e4nner sind am R\u00fccken zottelig\nwie B\u00e4ren. Wer ihnen in Sachen Religion quer kommt, bekommt irgendwann ein\nMesser zischen die Rippen, die T\u00fcrken sind f\u00fcrchterliche Fanatiker und seit der\nZeit der Kreuzz\u00fcge unberechenbar. Faschisten sind sie sowieso. Und eigentlich\nsind sie Araber, die in Europa nichts zu suchen haben. Sie kennen keine Regeln\nund keine Ordnung. T\u00fcrken denken, sie sind die ganz Schlauen und versuchen\njeden zu betr\u00fcgen, der ihnen \u00fcber den Weg kommt. T\u00fcrken sind faul und\nschlampig. Und sie sind eine Gefahr f\u00fcr Deutschland.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Selims Geburt wurde Ahmed, der\nunnahbare Ahmed, zug\u00e4nglicher. Er radebrechte mit den Kollegen. Er half, wenn\nsie privat bauten und jemanden brauchten. Er meldete sich beim Fu\u00dfballverein\nan.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal, an Freitagabenden, erschien er im \u201eOchsen\u201c und durfte sich an den Stammtisch setzen. Die M\u00e4nner l\u00e4chelten einander an, prosteten sich zu und gew\u00f6hnten sich an den T\u00fcrken, den Wassertrinker, den Schweiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich war er ganz in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Ahmed war ein stolzer K\u00e4mpfer, so hat seine Tochter Hatice ihn gesehen, als sie ein M\u00e4dchen war. Ahmed besch\u00fctzte seine Familie. Er gab der Frau und den Kindern das Gef\u00fchl, sie m\u00fcssten sich f\u00fcr nichts sch\u00e4men. 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