{"id":4585,"date":"2021-02-09T17:35:44","date_gmt":"2021-02-09T17:35:44","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4585"},"modified":"2021-02-09T17:35:46","modified_gmt":"2021-02-09T17:35:46","slug":"eis-am-fenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/eis-am-fenster\/","title":{"rendered":"EIS AM FENSTER"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Hatice im Sonthofener Krankenhaus zur\nWelt kam \u2013 das war im November 1995 -, hatten die Eltern Sorgen. In der Heimatstadt\nder Mutter, in Dinar, hatte die Erde gebebt. Ein Onkel mit Familie hatte sein\nHaus verloren, an einem Herbstabend standen vier obdachlose Menschen vor der\nT\u00fcr der Haldertaler Baracke.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Nachbarh\u00fctte lugte die verr\u00fcckte\nAlte und kicherte, ohne zu wissen, warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatices Leute nahmen die Verwandten auf,\nsie r\u00fcckten noch enger zusammen. Einen Monat sp\u00e4ter brachte die Mutter ein\ngesundes M\u00e4dchen zur Welt. Drei Tage nach der Geburt holte der Mann sie und\nHatice nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Baracke von Haldertal blieb es die\nn\u00e4chsten Jahre sehr eng. Die beiden Familien teilten sich einen Wohnraum, die\nK\u00fcche, die Badewanne, zwei kleinere Zimmer. Vor den H\u00fctten \u2013 es gab eine f\u00fcr\ndie T\u00fcrken, eine f\u00fcr die verr\u00fcckte Alte und eine f\u00fcr die Saisonarbeiter im\nS\u00e4gewerk\u2026<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hatice \u2013 es ist ein Februarabend im Jahr\n2021 \u2013 erinnert sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat eine CD gestartet. S\u0131rr\u0131 Murat Dalk\u0131l\u0131\u00e7,\nrebellisches dunkles mit Gel geb\u00e4ndigtes Haar, dichte Brauen, wilder kurzer\nBart. Nach letzter Illustrierten-Information aus dem Friseurladen (aber das ist\nschon zwei Monate her) ist der S\u00e4nger wieder Single. Ein Traum von Mann, rau\nund z\u00e4rtlich, klug (der war sogar an der Uni) und urm\u00e4nnlich. T\u00fcrkisch und\nwestlich, ein wenig wenigstens.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0131rr\u0131 Murat Dalk\u0131l\u0131\u00e7. Bei Hatice regelm\u00e4\u00dfig zu Besuch im\nWohnzimmer. Und \u2013 wenn sie es einmal so pathetisch ausdr\u00fccken darf \u2013 zu Gast in\nihrem Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice trinkt Tee. Sirri singt von der Liebe, Hatices rechter\nFu\u00df wippt den Takt. Sie braucht die Fotos im Album nicht anzusehen, sie hat sie\nim Kopf. <\/p>\n\n\n\n<p>Und so erinnert sich die junge einsame Frau.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, bis nach der Jahrtausendwende hat es\nin Haldertal noch diese drei Baracken gegeben. Lange Flachbauten aus Holz, geheizt\nwurde mit Holz, das Klo war auf dem Hof, neben der H\u00fctte f\u00fcr die H\u00fchner und\nKarnickel. Warmwasser kam aus dem Kochkessel. Im Winter hatten die K\u00fcche und\nder Wohnraum Hitze, in den anderen Zimmern bl\u00fchte das Eis an den Fenstern.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der verr\u00fcckten Alten ging es genauso\nerb\u00e4rmlich zu, bei den Zeitarbeitern sowieso (die hatten kein Interesse daran,\nes sich wohnlich zu machen, die waren ohnehin auf dem Sprung).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Baracken duckten sich am Ortsrand,\ndahinter ging es in den Wald. F\u00fcr die Leute aus Haldertal war es, als gebe es\ndie Armenh\u00e4user nicht. Dort redeten die Menschen T\u00fcrkisch oder \u00e4hnliche fremde\nSprachen. Und die Alte brabbelte wirres Zeug. Es stank bei den Baracken, die\nBewohner horteten Schrott und Sperrm\u00fcll, die H\u00fchner rannten \u00fcber den kleinen\nHof. <\/p>\n\n\n\n<p>Den Garten freilich \u2013 das musste man den\nT\u00fcrken lassen \u2013 hatten Ahmed und seine Frau im Griff; was sie pflanzten, wuchs\nbesser als bei den Einheimischen. Die Kinder waren freundlich, heiter und sie\nsprachen so gut Deutsch wie die Altersgenossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ahmed hatte es im S\u00e4gewerk zum Vorarbeiter\ngebracht, so flei\u00dfig und zuverl\u00e4ssig wie er war leicht kein Anderer. Die\nKollegen akzeptierten, dass er keinen Alkohol trank. Sie hatten ihn in die\nAltherrenmannschaft bei den Fu\u00dfballern aufgenommen, bei den Ringern in der\nNachbargemeinde trainierte er den Nachwuchs. Possierlich war es, wenn der schnauzb\u00e4rtige\nFremdling redete \u2013 dann klang er wie ein schrulliger Allg\u00e4uer. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber Ahmed sagte nicht viel. Das Reden\n\u00fcberlie\u00df er seiner Frau \u2013 die zwar nie ohne Kopftuch vors Haus trat, aber sehr\nsch\u00f6n Deutsch gelernt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice kam in die Schule und lebte noch immer mit der Familie in einer Baracke, aus der es kein Entkommen zu geben schien.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Als Hatice im Sonthofener Krankenhaus zur Welt kam \u2013 das war im November 1995 -, hatten die Eltern Sorgen. In der Heimatstadt der Mutter, in Dinar, hatte die Erde gebebt. Ein Onkel mit Familie hatte sein Haus verloren, an einem Herbstabend standen vier obdachlose Menschen vor der T\u00fcr der Haldertaler Baracke. 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