{"id":4553,"date":"2021-01-30T13:41:06","date_gmt":"2021-01-30T13:41:06","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4553"},"modified":"2021-01-30T13:41:08","modified_gmt":"2021-01-30T13:41:08","slug":"bulle-am-bett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/bulle-am-bett\/","title":{"rendered":"&#8220;BULLE AM BETT&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p><em>Samma ehrlich: Es passiert nicht recht viel im zweiten Stock hinter den geschlossenen T\u00fcren der Psychiatrie im Osten M\u00fcnchens. Geweckt wird um sieben, aber da sind eigentlich alle schon auf den Beinen, weil es ihnen im Bett zu fad gewesen ist. Man versammelt sich im Speiseraum, es gibt Fabriksemmeln und Graubrot mit Marmeladen aus der Portionspackung oder Schmelzk\u00e4se und Schinkenwurst in Scheiben, es gibt auch Fruchtjoghurt, dazu Kaffee oder Tee, alle Insassen fressen wie verr\u00fcckt, weil au\u00dfer dem Fressen nichts geblieben ist (und weil sie so enthemmt fressen und sich nicht nennenswert bewegen, werden sie von Woche zu Woche unf\u00f6rmiger).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dazu kommen wir\nsp\u00e4ter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Momentan \u2013 der Nachmittag\nist fortgeschritten, die Sonne verschwindet hinten bei der Stadt &#8211; haben die\nVier aus dem Raucherzimmer eine vergleichsweise unterhaltsame Zeit. Weil der\nJosef zum ersten Mal die Geschichte seiner Arretierung erz\u00e4hlt. Die ist dann\ndoch recht charmant.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Ich hatte so einen sitzen, da habe ich eben das Messer \u2013 ist ja mein bester Kumpel \u2013 zum Schlafen mitgenommen. Also, ich wache auf, die Bullen stehen am Bett, und einer fragt, was das denn werden soll. Ich muss mich erstmal einkriegen. Sage, nix soll das werden, was er denn meint, und warum er in meinem Haus vor meinem Bett steht. Er sagt, das tut nichts zur Sache, er hat das Gef\u00fchl, dass ich eine Gefahr f\u00fcr mich und f\u00fcr andere bin, man wird mich jetzt erst einmal mitnehmen. <em>Mitnehmen, wohin<\/em>? habe ich gefragt. Sicher habe ich nicht ganz deutlich gesprochen, aber ich wei\u00df noch, wie die Unterhaltung gelaufen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Die Bullen stehen vor\nDeinem Bett, Du schl\u00e4fst mit Deinem Lieblingsmesser, Du hast einen\nTrumm-Rausch, Arbeit hast auch keine mehr. Was war das denn mit Deiner Frau?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Die hat in der T\u00fcr gestanden. War im Kleid &#8211; als ob sie ins Theater wollte. F\u00fcr die Bullen hat sie sich extra etwas H\u00fcbsches angezogen. Als ob sie noch auf eine Party wollte. Dabei gibt es ja gar keine Partys, zurzeit. Sie hat nur zugesehen und kein Wort gesagt. Der Polizist hat auf meine Sachen gezeigt, die vor dem Bett lagen und gemeint, ich soll mich anziehen, dann fahren wir. Wohin? \u00a0Das werde ich dann schon sehen. Ich sehe das nicht ein, habe ich gesagt, ich muss da auch nicht mit, ich kenne meine Rechte. Und warum die Herrschaften keine Maske tragen w\u00fcrden? Und wie das mit dem Abstand sei? <em>Achja<\/em>? hat er gefragt und die Linke an die Handschellen gelegt. Das mit der Linken wei\u00df ich so genau, weil seine Rechte an der Waffe war.<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Was f\u00fcr eine Schei\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Samma ehrlich: Es passiert nicht recht viel im zweiten Stock hinter den geschlossenen T\u00fcren der Psychiatrie im Osten M\u00fcnchens. 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