{"id":4542,"date":"2021-01-30T11:40:04","date_gmt":"2021-01-30T11:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4542"},"modified":"2021-01-30T11:40:06","modified_gmt":"2021-01-30T11:40:06","slug":"mit-dolch-ins-bett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/mit-dolch-ins-bett\/","title":{"rendered":"&#8220;MIT DOLCH INS BETT&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Immer noch Zigarettenp\u00e4uschen. Das l\u00e4sst sich schon mal dehnen bis zum Abendessen. Wass sollste sonst unternehmen in der Geschlossenen? Im Radio redet einer vom Koch-Institut davon, dass die Zahlen ein bisschen alarmierend seien \u2013 und dass es den Menschen drau\u00dfen an Disziplin und Gefahrenbewusstsein gebreche. Franz nimmt das Gespr\u00e4ch \u00fcber Josefs Arretierung wieder auf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Wieso bin ich der Arsch,\nwenn ich sage, wie es ist? Ist doch immer das Gleiche. Meine Alte ist mir auch\nauf den Zeiger gegangen, weil ich mich selber nicht mehr leiden konnte. Dann\nhab\u2018 ich gesoffen \u2013 und warum? Wegen allem, nur nicht wegen mir.<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Kann schon sein, ist\nwahrscheinlich auch so bei mir gewesen. Ich habe ja auch nicht gemerkt, dass\nich Probleme mit dem Alkohol gekriegt habe. Bei den Feiern im Betrieb habe ich\nmich immer zur\u00fcck gehalten, da hat mich nie jemand betrunken gesehen. Die haben\nkeine Ahnung gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Das glaubst aber auch nur\nDu.<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Naja, gesoffen habe ich\nzuhause. Bin runter in meinen Keller und habe was gebastelt. Dazu der Whisky.\nBin gar nicht mehr nach oben ins Schlafzimmer. Morgens bin ich aus dem Haus,\nbevor die Anderen aufgewacht sind, und habe den Job gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Was hat der Herr Manager\ngebastelt?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Ich sammle Messer. Und ich\nbaue selber welche. So wie die Japaner. Das beruhigt.<\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Und Deine Frau?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Der war ich egal. Sie hat\nden Tennisverein, da gibt es auch einen Lehrer, dem ich viele Stunden bezahlt\nhabe.<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Fremd gegangen?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Ja. War kein Geheimnis.\nUnd der Tennis-Fuzzi war nicht der Einzige. War mir einerlei. Ich wollte nur\nmeine Ruhe.<\/p>\n\n\n\n<p>JEREMY: Dann war doch alles\nsoweit in Ordnung, wenn man so sagen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lina wiegt sich im\nRhythmus von DJ \u00d6tzi, der im Radio dran ist. \u201e<\/em><em>Wer alles eng sieht, \/ Der schaut am\nLeben vorbei. \/ Die Sonn&#8217; im Herz erfriert. \/ Ich hab&#8217;s l\u00e4ngst kapiert\u201c. \u201eSo\nein Schmarrn\u201c, brummt der Franz.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF <em>(der immer noch \u00fcber\nseine Einweisung redet):<\/em>&nbsp;&nbsp; Ja, h\u00e4tte\nso weiter gehen k\u00f6nnen. Aber ich wollte nicht mehr so weiter machen. Ich habe\nmeiner Frau gesagt, dass ich mich scheiden lassen will. Ich habe gek\u00fcndigt, von\neinem Tag zum n\u00e4chsten. Die Kollegen waren echt \u00fcberrascht. Ich bin heim\ngekommen und habe gesagt, dass es das war. Meine Frau fragt, wie ich mir das\nvorstelle. Woher das Geld kommen soll? Das w\u00e4chst nicht auf den B\u00e4umen, hat sie\ngesagt. Ich habe gesagt, dass ich das schon wei\u00df. Aber es ist nun mal so, dass\nkein Geld mehr wachsen wird. Wir werden das fair regeln. Wenn sie will, kann\nsie das Haus behalten und die Autos und den ganzen Kram. Den Rest vom Geld\nteilen wir \u2013 und gut soll es sein.<\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Und?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Komplett ausgeflippt ist\nsie. Zuerst hat sie geschrien und getobt. Ich bin richtig erschrocken. Und das\nwar erst der Anfang. Das N\u00e4chste war, dass sie mit Sachen nach mir geschmissen\nhat.<\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Was haben denn Deine Kinder\ngesagt?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Es war ein Freitag, die\nKinder waren unterwegs. Also, meine Frau schmei\u00dft mit Sachen und nennt mich\neinen Schlappschwanz und Versager und S\u00e4ufer \u2013 naja, was ihr eben so\neingefallen ist. Ich habe gar nichts gesagt, bin in den Keller und habe die T\u00fcr\nzugemacht. Habe die Musik aufgedreht, mich volllaufen lassen und einen\njapanischen Dolch geschliffen.<\/p>\n\n\n\n<p>FRANZ: Was hast?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Hab\u2018 es ja schon erz\u00e4hlt. Ich\nhabe eine Sammlung von Messern und Schwertern. Edle Teile, ich habe sie\nmeistens von den Gesch\u00e4ftsreisen mitgebracht. Meine Frau hasst die Dinger, sind\nwirklich sehr teuer und sehen gef\u00e4hrlich aus. Die Frau hat mal gemeint, ob ich\nmich nicht wegen der Waffen untersuchen lassen will, das hat ja schon etwas\nPathologisches. Als ob ich ein Triebt\u00e4ter w\u00e4r\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>JEREMY: Und? Biste?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Quatsch. Ich mag keinen\nStreit, habe noch nie gerauft. Ich mag die Messer, weil sie perfekt sind. Es\nist eine Kunst, wie die verarbeitet worden sind. Das fasziniert mich. Und wenn\nich mich aufrege, beruhigt es mich, sie zu polieren und zu schleifen. Das ist\nwie eine Meditation.<\/p>\n\n\n\n<p>JEREMY: Du sitzt also in Deinem\nKeller und schmirgelst an dem Dolch\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Na, dann bin ich m\u00fcde\ngeworden und ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>JEREMY: Ja. Und? Was ist da schlimm dran?<\/p>\n\n\n\n<p>JOSEF: Den Dolch habe ich\nmitgenommen. Als die Bullen kamen, haben sie mich im Bett mit meinem Dolch\ngefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>LINA: Ist nicht wahr?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Immer noch Zigarettenp\u00e4uschen. Das l\u00e4sst sich schon mal dehnen bis zum Abendessen. Wass sollste sonst unternehmen in der Geschlossenen? 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