{"id":454,"date":"2015-02-04T09:06:22","date_gmt":"2015-02-04T09:06:22","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=454"},"modified":"2015-02-04T09:06:22","modified_gmt":"2015-02-04T09:06:22","slug":"das-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/das-ende\/","title":{"rendered":"DAS ENDE"},"content":{"rendered":"<div>\n<div><em><strong>berlin, 4. februar 2015<\/strong><\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong>&#8220;Zweitausendeins&#8221;. Das waren einmal Inseln in deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten. Der Gr\u00fcnder-Laden im Herzen von Frankfurt. Die B\u00fccherstube in M\u00fcnchen-Schwabing. Oder die Shops in der Kant- und der Friedrichstra\u00dfe zu Berlin. Dort gingen die Uhren ein wenig anders, dort lie\u00dfen sich die Menschen mit Behagen auf B\u00fccher, Filme, Kunst oder Musik ein. &#8220;Zweitausendeins&#8221; war auch mal ein wunderbares Gesch\u00e4ftsmodell. Doch das war einmal. Heute machen die L\u00e4den dicht. Es ist ein Trauerspiel.<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die Kundin sieht nicht fr\u00f6hlich aus. Sie arbeitet sich von einem B\u00fcchertisch zum n\u00e4chsten, durch die Jazz- und die Klassik-CDs, sie nimmt die Stones und Billie Holiday in die H\u00e4nde. Sie sucht dies und das aus und geht langsam zur Kasse. Jemand addiert im Computer Zahlen, der Computer zieht Rabatte ab, die B\u00fccher, die Bildb\u00e4nde, die CDs und DVDs verschwinden in einer T\u00fcte, die Kundin verl\u00e4sst den Laden.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Ein letztes Mal steht sie so auf der Kantstra\u00dfe:<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_458\" aria-describedby=\"caption-attachment-458\" style=\"width: 237px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-458 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMG_1484-237x300.jpg\" alt=\"IMG_1484\" width=\"237\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMG_1484-237x300.jpg 237w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMG_1484-600x759.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/IMG_1484.jpg 775w\" sizes=\"auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-458\" class=\"wp-caption-text\">Alles muss raus! FOTOS: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Den &#8220;Zweitausendeins&#8221;-Laden im R\u00fccken, neben dem Schaufenster eine kleine Box mit besonders g\u00fcnstigen Taschenb\u00fcchern. Es fehlt die Stellage, in der jahrein, jahraus das &#8220;Merkheft&#8221; ausgelegen hat. Das hat man dann noch in die T\u00fcte gesteckt, kostenlos nach Hause getragen und sp\u00e4ter mit Behagen durchgebl\u00e4ttert. Da konnte man sich schon was Sch\u00f6nes f\u00fcr den n\u00e4chsten Besuch bei &#8220;Zweitausendeins&#8221; ausgucken.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Das war mal.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Zweitausendeins&#8221; verschwindet aus der Stadt. Anfang Februar macht der Kult-Kulturh\u00e4ndler dicht. Im Laden h\u00e4ngt ein Plakat, das den Kunden beruhigen soll: Man sei ja nicht aus der Welt, hei\u00dft es. Im Internet gebe es das phantastische Angebot immer noch. Zu besichtigen unter www\u2026<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\">xxx<\/div>\n<div><\/div>\n<div>So geht das also. Im 45.en Jahr nach der Gr\u00fcndung verpisst sich &#8220;Zweitausendeins&#8221; ins Netz. Das macht die Kunden in der Kantstra\u00dfe traurig. Sie sichern sich noch die letzten Sonderangebote von den niedrigen Stapeln und sp\u00fcren, dass ihnen bald etwas fehlen wird.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Zweitausendeins&#8221; \u2013 das war ein zuverl\u00e4ssiger Begleiter durch die Irrwelten der Buchstaben und der T\u00f6ne. Wer sich dem &#8220;Merkheft&#8221; anvertraute, hatte immer wieder seine Gl\u00fcckserlebnisse.<\/div>\n<div><\/div>\n<div align=\"center\">xxx<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div>Da war zum Beispiel die Begegnung mit der dauer-renitenten Peggy Parnass. Die belie\u00df es nicht beim Schauspielen, sie mischte sich auch als Gerichtsreporterin \u00fcberall dort in der BRD ein, wo die Juristen die F\u00e4lle gern unter den Teppich gekehrt h\u00e4tten. Parnass schrieb brillant, sie dachte unbestechbar, sie war unbequem \u2013 und das Establishment h\u00e4tte sie am liebsten weg geschwiegen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Aber 1978 ver\u00f6ffentlichte &#8220;Zweitausendeins&#8221; die &#8220;Prozesse 1970\u20131978&#8221;, das Buch musste wieder und wieder aufgelegt werden \u2013 und Peggie Parnass hatte eine zuverl\u00e4ssige Heimat gefunden. Man h\u00f6rte ihr zu, wenn sie sagte:<\/div>\n<div>&#8220;Das Schreiben ist doch auch eine Flucht. Da tauche ich von mir selber weg in andere Menschen hinein. Ich war ja nie eine distanzierte Reporterin, sondern richtig drin in dem anderen.Heute ist es komplizierter geworden. Mich interessiert, wie immer, alles. Ich schreibe auch noch, immer. Aber ich habe keine Plattform, keine Zeitschrift mehr. Die publizistische Landschaft ist so furchtbar eng geworden.<\/div>\n<div>Ich kann nur hoffen, dass die Entwicklung auch wieder weiter nach links driften wird. Naturgem\u00e4\u00df h\u00f6rt man uns Linken, wenn die Zeiten schlechter werden, wieder ein bisschen mehr zu.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div align=\"center\">xxx<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div>Das &#8220;Merkheft&#8221; war eine Wundert\u00fcte. Was f\u00fcr ein Gl\u00fccksfall, als &#8220;Zweitausendeins&#8221; mit einer Gesamtausgabe des furchtlosen franz\u00f6sischen Jazz-Poeten Boris Vian auf den Markt kam. Die Vordenker des Kulturbetriebs rieben sich verwundert die Augen und konstatierten, dass sie da jahrzehntelang ein Genie verpennt hatten. Die &#8220;Zeit&#8221; tat \u00f6ffentlich Bu\u00dfe:<\/div>\n<div>&#8220;Boris Vian, der in ,13 unanst\u00e4ndigen Geschichten\u2018 diese und eine Reihe anderer Konstellationen zwischen T\u00e4tern und Opfern, Mitt\u00e4tern und Mitopfern variiert, ist ein hierzulande fast unbekannter Autor, der es verdiente, ins Bewusstsein ger\u00fcckt zu werden. Er ist einer von denen, der ohne Scheu vor Verfolgung und gesellschaftlicher Diffamierung, die Bettdecke l\u00fcftet, unter der der Mief und Muff, aber auch die verbrecherischen Sexualtabus kleinb\u00fcrgerlicher Moralit\u00e4t verborgen sind.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Dem Frankfurter Anarcho-Verlag ist es zu danken, dass wunderbare Texte wie der &#8220;Deserteur&#8221; wieder unters lesende Volk kamen. Das st\u00fcrzte sich auf Zeilen wie diese:<\/div>\n<div><\/div>\n<div align=\"center\"><em>Verehrter Pr\u00e4sident<br \/>\nIch sende Euch ein Schreiben<br \/>\nLest oder lasst es bleiben<br \/>\nWenn Euch die Zeit sehr brennt.<\/em><\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\"><em>Man schickt mir da, gebt acht<br \/>\nDie Milit\u00e4rpapiere<br \/>\nDass ich in den Krieg marschiere<br \/>\nUnd das vor Mittwoch nacht.<\/em><\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\"><em>Verehrter Pr\u00e4sident<br \/>\nDas werde ich nicht machen<br \/>\nDas w\u00e4re ja zum Lachen<br \/>\nIch hab kein Kriegstalent&#8230;<\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Parbleu! So wurden Monsieur Vians Texte zur Pflichtlekt\u00fcre im Franz\u00f6sisch-Unterricht. Wer h\u00e4tte es gedacht?<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\">xxx<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Oder wer h\u00e4tte vermutet, dass der amerikanische Saufbold und Hurenbock Charles Bukowsky es bei den Deutschen zu einem gesellschaftsf\u00e4higen Autoren schaffen w\u00fcrde? Ohne &#8220;Zweitausendeins&#8221; h\u00e4tte er keine Chance gehabt. Aber die Frankfurter glaubten an ihn. War doch ganz in ihrem Sinne, dass es da einen gab, der seine Bestimmung so erkl\u00e4rte:<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Eh ich schlafen gehe, staple ich die neuen Gedichte in der Mitte des Schreibtischs, damit man sie findet, wenn mein Verwesungsgestank zu arg wird. Nicht dass mein Tod tragisch oder von Bedeutung sein wird (ich hab dann alles hinter mir), aber die Gedichte werden meinen kleinkarierten Kritikern beweisen, dass ich gut war bis zum Schluss. Oder gar noch besser.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er sagte, er brauche ein paar Menschen, die an ihn als Schriftsteller glaubten. &#8220;Kein gro\u00dfer, nur einer, der Geld daf\u00fcr kriegt und davon lebt und kein Auto braucht, keine Freundin; nicht jeden Tag zur Arbeit erscheinen m\u00fcssen, nur Schriftsteller sein, es rauspumpen, Tag f\u00fcr Tag, Tag und Nacht. Die Idee, dass man ein Gedicht hinfetzen und etwas auf den Punkt bringen kann, hat was Verlockendes.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Bei &#8220;Zweitausendeins&#8221; lie\u00dfen sie den Bukowsky &#8220;pumpen&#8221;, bis er nicht mehr konnte. Dann gaben sie ihm eine Pulle Alkohol in die Hand, er regenerierte \u2013 und weiter ging\u2019s mit &#8220;Pumpen&#8221; und Buch-Drucken.<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\">xxx<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Manfred van Z\u00fctphen hat 14 Jahre bei &#8220;Zweitausendeins&#8221; in Frankfurt gearbeitet. Er war im Betriebsrat, als Ende der 1990-er die Gesch\u00e4fte nicht mehr ganz so rund liefen. &#8220;Wir waren verw\u00f6hnt. Die Bezahlung im Unternehmen war fair und gerecht, das Klima gut, man war gerne ein Teil dieses lebendigen Unternehmens. Und wir haben die Gefahr nicht bemerkt.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Da war dieses verfluchte Internet. CDs gingen nicht mehr so rei\u00dfend weg, weil sich die jungen Leute die neuen Lieder auf die Rechner luden. B\u00fccher verkauften sich nicht mehr mit der gewohnten Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/div>\n<div>Es mischten neue Kaufleute in der Chefetage mit. &#8220;Die Philosophie des Unternehmens ist mit dem Einstieg der K\u00f6lmel-Br\u00fcder gestorben.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Es sei traurig, was er aus Berlin h\u00f6re. Man macht die L\u00e4den platt, &#8220;dann bleibt den Freunden nur noch das Internet.&#8221; Wobei \u2013 Optimist van Z\u00fcpthen klingt kurz bitter: &#8220;Die Freunde von ,Zweitausendeins&#8217; sterben sowieso gerade aus.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Man merke mit dem Niedergang der Institution, dass man \u00e4lter werde. Schon lange her, die Zeit, als der kleine Manfred den krassen Laden entdeckte. Da war er zw\u00f6lf, 13, er wohnte mit den Eltern in der Frankfurter Innenstadt &#8211; und ist schnell mal zum Stiebitzen bei &#8220;Zweitausendeins&#8221; vorbei gewischt, wenn dort neue Ware angeliefert worden war.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Einmal \u2013 das war das Highlight \u2013 griff er zu,\u00a0 als er auf dem Weg zum Kicken in der Bockenheimer Anlage war.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Es hat fein gerochen in dem kleinen Park\u2013 nach Gr\u00fcnem, Rotem und Schwarzem. Wenn die Bullen gekommen sind, haben die Hippies den Stoff in B\u00fcsche geschmissen. Wir haben mit dem Kicken aufgeh\u00f6rt, das Zeug eingesammelt und sp\u00e4ter den Hippies wieder verkauft.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>An diesem Tag also stehen wieder mal ein paar Paletten vor dem ,Zweitausendeins\u2018. Ich greif\u2018 mir eine Scheibe. Packe sie im Park vor dem Kick aus und krieg\u2018 die Motten. Geil: Das ist es so eine ganz bunte mit bekifften Farben. ,Iron Butterfly. <em>IN A GADDA DA VIDA&#8217;<\/em>. Das passte.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Sp\u00e4ter hatte er die Kohle, um sich die Dostojewski-Ausgabe, die politisch unkorrekten Comics, die Underground-Musik legal beim &#8220;Zweitausendeins&#8221; zu holen. Und dann fing er im Unternehmen zu jobben an. Es war die beste Zeit seines Berufslebens. Man f\u00fchlte sich l\u00e4ssig, man geh\u00f6rte zu den Unangepassten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Es konnte passieren, dass der Joschka Fischer bei uns rein gelatscht ist mit seinen Turnschuhen und sich mit B\u00fcchern eingedeckt hat. Den haben wir immer an den Leuten vorbei zur Kasse bugsiert, weil seine Bodyguards so verbiestert waren \u2013 das hat so ein bisschen auf die Stimmung gedr\u00fcckt.<\/div>\n<div>Der Cohn-Bendit war da schon viel lockerer. Einmal kam er an einem Montag &#8211; wir waren noch gar nicht richtig wach und vom Wochenende angeschlagen -, baute sich vor uns auf, breitete die \u201eBild\u201c auf dem Tresen aus und las vor. Einfach eine Schlagzeile nach der anderen. Wir haben uns gebogen.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Sie haben viel gelacht zu dieser Zeit. Mit dem Rowohlt zum Beispiel. Wenn der gelesen und nebenher ein, zwei Flaschen Rotwein nieder gemacht hat, standen die Leute vor dem Lokal bis in den Park Schlange. &#8220;Der Typ hat zu unserer Philosophie gepasst. Hat sich vor nichts gef\u00fcrchtet und sein Ding durchgezogen.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div align=\"center\">xxx<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div>Frankfurt. Da hat alles angefangen. Nach einem Chianti- und Chips-Gelage haben die \u2013 eher verkrachten \u2013 Studenten Lutz Reinecke und Walter Treumann ihren seltsamen &#8220;anderen&#8221; Buchladen hoch gezogen. Und wie im Rest der Republik haben die arrivierten Herrschaften des Feuilletons auch in Frankfurt mit den kruden Typen von \u201eZweitausendeins\u201c nicht viel anfangen k\u00f6nnen. Der criticus maximus der Nation, Marcel Reich-Ranicki, hat die Autoren, die in dem l\u00e4ssigen Laden bestens behandelt wurden, oft mit gro\u00dfem Zorn verfolgt. Besonders heftig wetzte er gegen den Schriftsteller Eckhard Henscheid die Feder. Der erinnert sich:<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Wir beide sind uns h\u00e4ufig begegnet, wir waren in Frankfurt ja fast Nachbarn. Es gab von seiner Seite t\u00fcckische Versuche, mit mir ins Gesch\u00e4ft zu kommen. Ich habe das Gott sei Dank rechtzeitig gemerkt. Obwohl er ein gro\u00dfer Gauner und grandioser Schwachkopf ist \u2013 es passen eigentlich sehr viele Vokabeln auf diesen Typus \u2013 und f\u00fcr mich lange Zeit eine gro\u00dfe Negativfigur war: Gelegentlich war ich nahe dran, die am\u00fcsanten Teile seiner Pers\u00f6nlichkeit, die es zweifellos auch gibt, f\u00fcr mich selbst so zu interpretieren, dass es drohte, in Freundschaft auszuarten. Bei einer Begegnung in Frankfurt sagte er mir einmal, wenn ich wolle, dass er etwas f\u00fcr mich tut, d\u00fcrfe ich ihn nicht immer als den d\u00fcmmsten aller Kritiker bezeichnen. Dabei habe ich ihn gar nicht als den d\u00fcmmsten, sondern nur als den lautesten bezeichnet. Aber auf die Idee, dass ich gar nicht wollte, dass ausgerechnet er etwas f\u00fcr mich tut, kam er gar nicht.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Er hat gut lachen, der Henscheid. Einer wie Reich-Ranicki konnte ihn nicht klein kriegen. Auch, weil es &#8220;Zweitausendeins&#8221; gab. Der Verlag pflegte den Oberpf\u00e4lzer Querkopf sorgsam und zitierte anl\u00e4sslich der Henscheid-Werkausgabe drei Kollegen: \u00a0Brigitte Kronauer erkl\u00e4rte zur Romantrilogie (1973-78): &#8220;Mir war auf Anhieb klar, dass es sich f\u00fcr mich um das gro\u00dfe Romanwerk nach dem Zweiten Weltkrieg handelt.&#8221; Martin Mosebach brachte es auf vier W\u00f6rter: &#8220;Henscheid ist ein Erdteil.&#8221; Und auch Martin Walser lie\u00df sich auch nicht lumpen: &#8220;F\u00fcr mich ist ,Maria Schnee\u2018 das Erz\u00e4hlwerk \u201emit dem gr\u00f6\u00dften mir bekannt gewordenen Atomgewicht.&#8221;<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div align=\"center\">xxx<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<div>So war das mal. Waren sch\u00f6ne Zeiten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die Verk\u00e4ufer in der Kantstra\u00dfe stehen im Lager zusammen und erz\u00e4hlen sich Geschichten \u00fcber B\u00fccher. Sie lachen viel und zu laut. Fr\u00fcher haben sie ganz selten und verhalten gelacht. Man wollte die Kundschaft nicht st\u00f6ren. Man arbeitete schlie\u00dflich bei &#8220;Zweitausendeins&#8221; \u2013 da wurde Literatur nicht als Ware behandelt, man hatte Respekt vor dem, was in den Regalen lag.<\/div>\n<div>Jetzt lachen die Angestellten \u00fcber ihren Frust und ihre Angst hinweg.<\/div>\n<div>Ein Kunde tritt an die Kasse, will bezahlen. Mozart und ein Grosz-Bildband. Der Verk\u00e4ufer \u2013 es ist der nette mit dem wilden r\u00f6tlichen Haar und dem lichten Bart \u2013 \u00f6ffnet die Kassette mit den Tontr\u00e4gern, sagt l\u00e4chelnd &#8220;sehr sch\u00f6ne Aufnahme!&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<figure id=\"attachment_457\" aria-describedby=\"caption-attachment-457\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-457 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_1030-300x194.jpg\" alt=\"DSC_1030\" width=\"300\" height=\"194\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_1030-300x194.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_1030-600x388.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/DSC_1030.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-457\" class=\"wp-caption-text\">Das war&#8217;s!<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Ja&#8221;, erwidert der \u00e4ltere Herr und kramt den Geldbeutel aus dem Mantel. &#8220;Ist ja schade, dass es Euch nicht mehr gibt. Was machen Sie denn jetzt.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der Verk\u00e4ufer sieht sehr ungl\u00fccklich aus, zuckt mit den Schultern. Er sagt: &#8220;Es gibt ja das Unternehmen weiter\u2026&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der Kunde winkt ab. &#8220;Geh mir doch weg mit dem Internet. Ist doch nicht das Gleiche.&#8221;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8220;Ich wei\u00df&#8221;, sagt der Verk\u00e4ufer.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der \u00e4ltere Herr verl\u00e4sst den Laden. Er steht auf der Kantstra\u00dfe und will sich ein &#8220;Merkheft&#8221; greifen. Alte Gewohnheit.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Aber es gibt kein &#8220;Merkheft&#8221; mehr.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>berlin, 4. februar 2015 &#8220;Zweitausendeins&#8221;. Das waren einmal Inseln in deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten. Der Gr\u00fcnder-Laden im Herzen von Frankfurt. Die B\u00fccherstube in M\u00fcnchen-Schwabing. Oder die Shops in der Kant- und der Friedrichstra\u00dfe zu Berlin. 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