{"id":4525,"date":"2021-01-26T16:36:30","date_gmt":"2021-01-26T16:36:30","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4525"},"modified":"2021-01-26T16:37:30","modified_gmt":"2021-01-26T16:37:30","slug":"broken-dreams","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/broken-dreams\/","title":{"rendered":"BROKEN DREAMS"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nletzten 1500 Meter des Januar-Marathons von Hobby-L\u00e4ufer Martin St\u00e4bler:<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind\nein Catwalk der zerstiebenden Hoffnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rheinstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gesch\u00e4ft f\u00fcr Vintage-Mode. Dort hat Irene h\u00fcbsche Hippie-Sachen gekauft. Martin hat vor Kurzem die Besitzerin des Ladens beim Aldi getroffen \u2013 sie fragte, ob seine Frau etwas aus den Best\u00e4nden haben wolle, das Gesch\u00e4ft werde nicht mehr aufgemacht, und in die Altkleidersammlung wolle sie die Sachen nicht tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGetr\u00e4nkemarkt. Der T\u00fcrke, der ihn betreibt, hat die Scheiben mit Zeitungen\nverklebt. Schade \u2013 wenn es den nicht mehr gibt, hat Martin ein kleines Problem.\nDann muss er nach sieben Uhr das Bier f\u00fcr \u00fcberraschenden Besuch an der Tanke\nkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nFriseur. Auch der ist pleite. Das st\u00f6rt die St\u00e4blers nicht, sie sind dort nicht\nKunde. Aber es gibt einem einen Stich zu h\u00f6ren, dass dort auch jemand aufgeben\nmuss. Der Friseur hat, so erz\u00e4hlt man, seinen Laden vom Vater \u00fcbernommen. Den\ngibt es, seit die Leute sich erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin\nh\u00f6rt die \u201eToten Hosen\u201c, das hei\u00dft, er h\u00f6rt sie nicht mehr so richtig, weil in\nseinem Kopf Tumult ist. Platt ist er, erledigt. Marathon halt. Noch ein\nKilometer, aber der scheint endlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Also,\nTote Hosen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>\u201eNur\nnoch 100 Tage bis zum Untergehn?\u201c<\/em><em><br>\nW\u00e4r dein letzter Spruch ein Witz oder ein Gebet?<br>\n100 Tage bis zum Untergehn.<br>\n<br>\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er\nkommt an der Schule seiner Kinder vorbei. Alles dunkel. Heute finster, morgen\nkein Licht, \u00fcbermorgen zappenduster.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Hey,\nbye bye Alex!<\/em><em><br>\nNur noch ein Clown,<br>\ntraurig anzuschaun.<br>\n<br>\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt\nder Hausarzt. Der ist 2020 um zehn Jahre gealtert. Klingt br\u00fcchig wie ein alter\nMann, wenn er sagt: \u201eNee, Martin, an Deiner Stelle w\u00fcrde ich mich nicht impfen\nlassen. Aber muss jeder f\u00fcr sich selbst wissen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Es\ngibt kein Heute, es gibt kein Morgen,<\/em><em><br>\nGestern ist schon lange her.<br>\nWie eine Wolke ziehe ich vor\u00fcber<br>\nund ich sp\u00fcre keinen Schmerz.<br>\n<br>\nEs ist nichts mehr in mir,<br>\nich bin endlos leer.<br>\nIch fliege weit weg von hier<br>\nund finde mich nicht mehr.<br>\n<br>\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nBuchladen. Die St\u00e4blers und ihre Freunde kaufen wie wild, um das Gesch\u00e4ft zu\nretten. Der H\u00e4ndler dekoriert an jedem Wochenende die Auslage neu. Er\nverschickt samstags an seine Kunden eine Mail, die die Sch\u00f6nheit des Buchs\nbeschw\u00f6rt. Sie endet immer mit dem Spruch \u201eLesen gef\u00e4hrdet die Dummheit\u201c. Der\nBuchh\u00e4ndler strampelt wild, weil er \u00fcberleben will. Aber alle sagen, dass er es\nwohl nicht derpackt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Morgen soll\nalles anders sein.<\/em><em><br>\nZum Gl\u00fcck ist heute bald vorbei.<br>\nDenn morgen soll alles anders sein.<br>\nHeute ist bald vorbei.<br>\n<br>\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201eLaterndl\u201c.\nWenn es dem Martin zu schwierig wurde, wenn er einfach mal tumb vor sich hin\nvergessen wollte, ist er in die Kneipe gegangen. Hat dort ein paar Stunden am\nTresen gehockt, schlechte Musik und bl\u00f6de Spr\u00fcche geh\u00f6rt. Danach wankte er heim\n\u2013 und es ging weiter. Jetzt ist das \u201eLaterndl\u201c zu \u2013 niemand kann sich\nvorstellen, wie die Monique die Schulden bezahlen wird. \u00dcbrigens hat man sie\nschon sehr lang nicht mehr gesehen, die Monique.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Steh\nauf, wenn du am Boden bist!<\/em><em><br>\nSteh auf, auch wenn du unten liegst!<br>\nSteh auf, es wird schon irgendwie weitergehn!<br>\n<br>\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Martin\nSt\u00e4bler ist vor seinem Haus. Ersch\u00f6pft ist er. Ein bisschen gl\u00fccklich auch. Er stapft\nlangsam im Stiegenhaus hoch, schlie\u00dft die Wohnungst\u00fcr auf, aus den\nKinderzimmern kommt Musik, aus den Ohrh\u00f6rern das letzte Lied der \u201eToten Hosen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nWohnzimmert\u00fcr wird ge\u00f6ffnet. Irene steht da, im Schlafanzug aus verwaschener\nroter Baumwolle, gek\u00e4mmt ist die Frau noch nicht, das Gesicht ist ungemacht,\nIrene hat schlechte Laune.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nstemmt die Handkanten in die H\u00fcften.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDes hat\nja jetzt wohl sein m\u00fcssen. Ich glaub es nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist\nsie wieder weg und die Wohnzimmert\u00fcr zu.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sauber<\/em>, denkt Martin, <em>sauber, sauber. Trautes Heim.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>When\nyou walk through the storm<\/em><em><br>\nHold your head up high<br>\nAnd don&#8217;t be afraid of the dark<br>\n<br>\nWalk on through the wind<br>\nWalk on through the rain<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So musses wohl sein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Die letzten 1500 Meter des Januar-Marathons von Hobby-L\u00e4ufer Martin St\u00e4bler: Sie sind ein Catwalk der zerstiebenden Hoffnungen. Rheinstra\u00dfe. Ein Gesch\u00e4ft f\u00fcr Vintage-Mode. Dort hat Irene h\u00fcbsche Hippie-Sachen gekauft. 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