{"id":4519,"date":"2021-01-24T15:46:35","date_gmt":"2021-01-24T15:46:35","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4519"},"modified":"2021-01-24T15:46:36","modified_gmt":"2021-01-24T15:46:36","slug":"no-limits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/no-limits\/","title":{"rendered":"NO LIMITS"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der H\u00e4lfte der\nStrecke erst beginnt der Wettkampf -das hat sich St\u00e4bler in seiner aktiven Zeit\nimmer eingebl\u00e4ut. Wer nach 21 Kilometern bei einem Marathon schon einen m\u00fcden K\u00f6rper\nhat, ist im falschen Film.<\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00fcnchner S\u00fcden,\nbei Kilometer 22, dreht Martin nach links ab, l\u00e4uft bis zur Isar und folgt ihr\ndann am linken Ufer, zur\u00fcck in die Stadt. Der stramme Gegenwind st\u00f6rt, aber\nnoch bringt er St\u00e4bler nicht aus dem Rhythmus. Noch h\u00e4lt er das Tempo, und seine\nGedanken haben Freigang.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier hat er gewohnt,\nals er studierte. Ein Zimmer im dritten Stock, 28 Quadratmeter, Kochnische,\nDusche. Er f\u00fchlte sich reich und unbesiegbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler: Die\nSchwaben-Provinz hatte er hinter sich gelassen, einmal im Vierteljahr besuchte\ner seine Leute (der Mutter brachte er Sachen mit, an denen sie rumn\u00e4hen durfte;\nwenn er wieder nach M\u00fcnchen fuhr, war der VW voll gestopft mit Lebensmitteln,\nund der Vater steckte dem Sohn ein paar Hunderter zu) \u2013 er war in seiner\nFamilie ein Held, der es in die Fremde geschafft hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler: Er\nlie\u00df sich die Haare wachsen, bis sie auf die Schultern wallten. Einsachtzig war\ner, blond, mit sch\u00f6nen, wei\u00dfen Z\u00e4hnen und blauen Augen, die gut zur blonden\nTolle passten. Ein Sportler mit einem gewinnenden Lachen. Kein Gr\u00fcbler. Einer,\nder gerne mit Freunden in den Biergarten und zum Bergsteigen ging<\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler:\nStudent der Betriebswirtschaft. Das war z\u00e4h und ungeliebt. Er machte seine\nScheine und schrieb Arbeiten, er kam voran. Aber St\u00e4bler hatte keinen Spa\u00df. Er\nprobierte es mit Jura, war gut, mochte die Themen. Ein geborener Jurist schien\ner zu sein. Er wusste nicht, was aus ihm mal werden w\u00fcrde, er wollte die Zeit\nin M\u00fcnchen genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Wochenende war er\nbeim Sport und auf Partys. Er stand auf Hard Rock und unkomplizierte\nKommilitoninnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt in den\nSemesterferien zu arbeiten oder in der Arbeitswelt Erfahrungen zu sammeln,\nverreiste er. Frankreich. Griechenland. Marokko. Kleines Marschgep\u00e4ck, kleines\nBudget, gro\u00dfe Neugier.<\/p>\n\n\n\n<p>Sorgen hat er sich\nnie gemacht, der Student St\u00e4bler. Liebeskummer? Kannte er nicht. Geldnot? Ach\nwo! Wenn nix in der Kasse war, dann gab es eben wochenlang Nudeln mit\nTomatensauce \u2013 und der Papa half aus, wenn es ganz schlimm war. Stress an der\nUni? Das passierte einem wie dem Martin nicht \u2013 irgendwie wurschtelte er sich\nimmer durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren f\u00fcnf\nherrliche Jahre. Sie sausten nur so dahin. Eh er sich\u2019s versah, war St\u00e4bler\nfast fertig mit dem Studium. Er h\u00e4ngte noch ein Jahr f\u00fcr die Doktorarbeit dran.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann fragten ihn\nseine Leut\u2018 (sie waren so stolz, nicht zum Aushalten, das!):<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd, Martin \u2013 was wird\njetz aus Dir? Was wirscht schaffe?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Arbeiten? Er?<\/p>\n\n\n\n<p>Das kam ihm gar nicht\nrecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Obendrein hatte er\nIrene kennen gelernt. Im Fasching war es gewesen. Bl\u00f6de Sauferei \u2013 da machst Du\nSachen, die Du besser nicht machen solltest.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin hatte Irene\nangebaggert. Sie war zug\u00e4nglich gewesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatten sich\nwieder getroffen und noch einmal. Und dann war sie einfach da gewesen und nicht\nmehr weg gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun fragte auch\nsie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSag\u2018 mal, Martin,\nwas wird denn jetzt, wenn Du Deinen Doktor hast? Hast Du da schon mal\nnachgedacht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, hatte er nicht.\nWarum auch?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt hatte er ein Problem.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Nach der H\u00e4lfte der Strecke erst beginnt der Wettkampf -das hat sich St\u00e4bler in seiner aktiven Zeit immer eingebl\u00e4ut. Wer nach 21 Kilometern bei einem Marathon schon einen m\u00fcden K\u00f6rper hat, ist im falschen Film. 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