{"id":4512,"date":"2021-01-22T08:47:07","date_gmt":"2021-01-22T08:47:07","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4512"},"modified":"2021-01-22T08:47:08","modified_gmt":"2021-01-22T08:47:08","slug":"fun-fun-fun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/fun-fun-fun\/","title":{"rendered":"FUN, FUN, FUN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Runter vom Olympiaberg, r\u00fcber zur Schleissheimer, nach\nrechts in Richtung Bahnhof. Ein Schneepflug schleudert den Matsch vor St\u00e4blers\nF\u00fc\u00dfe, der l\u00e4uft unbeirrt weiter. Er hat Kopfh\u00f6rer \u00fcber die Ohren gest\u00fclpt. Hits\nder Neuen Deutschen Welle.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>V\u00f6llig losgel\u00f6st<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Von der Erde,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Schwebt das Raumschiff<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>V\u00f6llig schwerelos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Die Erde schimmert blau.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Sein letzter Funk kommt:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>\u201eGr\u00fc\u00dft mir meine Frau!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Major Tom denkt sich:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>\u201eMich f\u00fchrt hier ein Licht<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Durch das All,<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Das kennt ihr noch nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ich komme bald.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Mir wird kalt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist St\u00e4bler zu jung f\u00fcr die Neue Deutsche\nWelle. In den fr\u00fchen Achtzigern ist er grad\u2018 mal in die Schule gekommen, da hat\ner sich noch nicht f\u00fcr Musik interessiert. Wahrscheinlich haben sich die Songs\nbei ihm verhakt, weil seine Eltern das mit Begeisterung h\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neue Deutsche Welle ist f\u00fcr ihn wie ein Funkspruch\naus einer besseren Zeit. Mit den Begriffen \u201eKalter Krieg\u201c, \u201eDDR\u201c, \u201eRFA\u201c \u201e\u00a7218\u201c\nkann er nichts anfangen &#8211; aber Nena und Tom Schilling und die \u201eSpider Murphy\nGang\u201c und die Anderen sind geblieben. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Der Rote Hugo h\u00e4ngt tot im Seil.<\/em><em><br>\nDie Leiche stinkt nach Shit.<br>\nWie&#8217;n weisser Engel, sch\u00f6n wie Schnee h\u00e4ngt er\nda.<br>\nEy, du tust dir doch weh.<br>\n<br>\nWar&#8217;n wilder Kerl mit feuchtem Blick,<br>\nDoch der kommt nie zur\u00fcck.<br>\nSo schreib dein Leben auf ein St\u00fcck Papier<br>\nUnd warte bis die Zeit vergeht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schleissheimer ist eine der ganz langen M\u00fcnchner Stra\u00dfen. Sie beginnt an der n\u00f6rdlichen Stadtgrenze, dort wo die Menschen von Hartz IV vorgef\u00fchrt werden. Aus dem runtergeranzten Hasenbergl f\u00fchrt die Schleissheimer in gerader Linie zum Bahnhof, wo die Stadtplaner alles platt machen und den Menschen eine gro\u00dfartige Zukunft mit \u00fcberw\u00e4ltigender heller Architektur versprechen \u2013 Momentan ist das Bahnhofsviertel eine unappetitliche Baustelle, und die H\u00f6lle-Helle kommt von dem Gelichter, das sich dort rumtreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dorthin l\u00e4uft Martin\nSt\u00e4bler. Der Schnee ist schmutzig, in Hausg\u00e4ngen liegen z\u00e4he Rum\u00e4nen in ihren\nSchlafs\u00e4cken, trinken w\u00e4rmenden Schnaps und haben mit ihrem Smartphone zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Stiglmaierplatz verpennt der L\u00f6wenbr\u00e4ukeller den Januar, er wird wohl auch in der Starkbierzeit grabesruhig sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Linkerhand verrottet\ndas \u201ePhiloma\u201c. Hier hat St\u00e4bler \u2013 er studierte damals \u2013 an den Wochenenden\nseine verruchte Seite ausgelebt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Hey, hey, hey ich war der Goldene Reiter.<\/em><em><br>\nHey, hey, hey ich bin ein Kind dieser Stadt.<br>\nHey, hey, hey ich war so hoch auf der Leiter.<br>\nDoch dann fiel ich ab, ja dann fiel ich ab.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>War eine wunderbare Zeit. Tanzen, bis die F\u00fc\u00dfe\nschwitzten. Knutschen, mit der Erstbesten. Um f\u00fcnf in der Fr\u00fch auf der Stra\u00dfe\nstehen und fragen, \u201eWohin jetzt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt vergilben die Getr\u00e4nkekarten am \u201ePhiloma\u201c, durch\ndie schmutzigen Scheiben gr\u00fc\u00dfen die Spinnen, die zwischen den Tischen und \u00fcber\nder Tanzfl\u00e4che ihre Netze verlinken.<\/p>\n\n\n\n<p>St\u00e4bler l\u00e4uft bei Rot \u00fcber die Ampel und denkt: <\/p>\n\n\n\n<p><em>Was machen die jungen Leute heute? Kein Philoma? Kein Konzert. Keine Party. Nix.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Oder?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ich m\u00f6chte ein Eisb\u00e4r sein im kalten Polar.<\/em><em><br>\nDann m\u00fc\u00dfte ich nicht mehr schrei&#8217;n,<br>\nAlles w\u00e4r&#8217; so klar.<br>\nIch m\u00f6chte ein Eisb\u00e4r sein im kalten Polar.<br>\nDann m\u00fc\u00dfte ich nicht mehr schrei&#8217;n,<br>\nAlles w\u00e4r&#8217; so klar.<br>\nEisb\u00e4r&#8217;n m\u00fcssen nie weinen.<br>\nEisb\u00e4r&#8217;n m\u00fcssen nie weinen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof: Schritttempo. St\u00e4bler kauft ein K\u00e4sebrot und eine Flasche Mineralwasser. Er quert die Halle, weicht den Masken aus. Sie sind Teile eines Schwarms, in dem sich keiner auskennt. Die Menschen haben ihre Gesichter verloren, jetzt taumeln sie zum Zug oder in die Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p>Lachen untersagt. Schauen verboten. Reden verlernt. <\/p>\n\n\n\n<p>Endg\u00fcltig\nvorbei, die gute alte Zeit \u2013 von der niemand wei\u00df, warum sie gut gewesen ist. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ich schubs die Enten aus dem Verkehr,\nich jag die Opels vor mir her.<\/em><em><br>\nIch mach Spa\u00df, ich mach Spa\u00df, ich mach Spa\u00df.<br>\n<br>\nUnd kost\u2018 Benzin auch 3 Mark 10, schei\u00dfegal, es\nwird schon geh&#8217;n.<br>\nIch will fahr&#8217;n, ich will fahr&#8217;n, ich will\nfahr&#8217;n.<br>\n<br>\nIch will Spa\u00df, ich will Spa\u00df.<br>\nIch will Spa\u00df, ich will Spa\u00df.<br>\nIch geb Gas, ich geb Gas.<br>\nIch will Spa\u00df, ich will Spa\u00df.<br>\n<br>\nDeutschland sp\u00fcrst du mich? Heut\u2018 Nacht komm ich\n\u00fcber dich.<br>\nDas macht Spa\u00df, das macht Spa\u00df, das macht Spa\u00df.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler wechselt das Musikprogramm. Es passt nicht. Er verl\u00e4sst den Bahnhof. Laufschritt. Weiter geht\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Runter vom Olympiaberg, r\u00fcber zur Schleissheimer, nach rechts in Richtung Bahnhof. Ein Schneepflug schleudert den Matsch vor St\u00e4blers F\u00fc\u00dfe, der l\u00e4uft unbeirrt weiter. Er hat Kopfh\u00f6rer \u00fcber die Ohren gest\u00fclpt. Hits der Neuen Deutschen Welle. V\u00f6llig losgel\u00f6st Von der Erde, Schwebt das Raumschiff V\u00f6llig schwerelos. Die Erde schimmert blau. 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