{"id":4504,"date":"2021-01-19T11:08:59","date_gmt":"2021-01-19T11:08:59","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4504"},"modified":"2021-01-19T11:09:01","modified_gmt":"2021-01-19T11:09:01","slug":"coffee-to-go","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/coffee-to-go\/","title":{"rendered":"COFFEE TO GO"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchen. N\u00f6rdlicher Stadtrand. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach zehn Kilometern kauft Martin St\u00e4bler an der Tanke einen Kaffee. Das blaue Krankenhaus-Licht der Reklame, die Synthetik-Musik, die Menschenleere im Verkaufsraum und an den Zapfs\u00e4ulen nehmen dem Ort alles Wirkliche. Der Verk\u00e4ufer, der den Becher \u00fcber den Tresen schiebt, ist wohl ein Menschen-Mutant.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder \u00fcberm\u00fcdet und abgewirtschaftet. Der Mann hat ein\ngraues Gesicht mit violetten Flecken unter den Augen. Er bewegt sich wie\nfremdgesteuert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob der wei\u00df, wie Lachen geht?<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Tabletten S\u00fc\u00dfstoff. Kondensmilch bis zur\nBecherkante. Deckel drauf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eServus. Sch\u00f6nen Tag noch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Humanoide von der Tankstelle murmelt eine Antwort.\nDann steht er starr an der Kasse und wartet, bis sich wieder etwas tut in\nseiner Tankstelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat wieder zu schneien begonnen. Ein schneidender\nWind treibt harte Flocken vor sich her. Keine Autos auf den Stra\u00dfen. Schnee\nlegt sich auf die Stufen zur U-Bahn Olympiazentrum, keine Spuren, keine\nMenschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hei\u00dfer Kaffee, herrlich. St\u00e4bler trinkt in langsamen\nSchlucken, w\u00e4hrend er z\u00fcgig weiter geht. Nach zehn Minuten ist der Kaffee alle,\nden Becher wirft Martin in einen Papierkorb, dann setzt er sich wieder in Trab.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Das Laufen f\u00e4llt leicht. Martin St\u00e4bler hat \u2013 so sagte\ner fr\u00fcher als Sportler dazu \u2013 \u201egute Beine\u201c. Auf dem verschneiten Trottoir haben\ndie Schuhe guten Halt, die Schritte werden weich gefedert, dem L\u00e4ufer ist warm\nund angenehm, er atmet in ruhigen Z\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine gute Entscheidung, in der Nacht\naufzustehen und das Haus f\u00fcr einen Marathon durch die Stadt zu verlassen.\nIrene, Martins Frau, hat einen kleinen Zorn bekommen, als er seine Unternehmung\nank\u00fcndigte. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMuss das sein?\u201c, hat sie gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas hast Du dagegen? Ich\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch wei\u00dft Du, immer machst Du Dein Ego-Ding. Da haben\nwir es schon schwer genug zurzeit \u2013 aber jetzt muss Herr St\u00e4bler sich auch noch\nselbst verwirklichen. Ich finde es nicht gut, nein, es ist beschissen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs st\u00f6rt doch keinen. Ich laufe, wenn Ihr pennt. Und\nbeim Fr\u00fchst\u00fcck bin ich zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMach doch, was Du willst. Du l\u00e4sst Dir eh nichts\nsagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Martin ist fr\u00fch ins Bett gegangen. Irene hat\nferngesehen, sich dann eine Decke geholt und im Wohnzimmer geschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch gut, ihm ist ganz wohl gewesen, allein im\nEhebett. Er hat seine Frau nicht vermisst. Ehrlich, er hat es genossen, sich im\nHalbschlaf umzudrehen und festzustellen, dass der Platz auf ihrer Seite unbelegt\nwar. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist er hier drau\u00dfen auf den ungastlichen Stra\u00dfen,\nin einer halben Stunde wird es hell, ihm geht es frei und gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Rest renkt sich schon wieder ein. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II M\u00fcnchen. N\u00f6rdlicher Stadtrand. Nach zehn Kilometern kauft Martin St\u00e4bler an der Tanke einen Kaffee. 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