{"id":4501,"date":"2021-01-15T09:46:56","date_gmt":"2021-01-15T09:46:56","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4501"},"modified":"2021-01-15T09:46:57","modified_gmt":"2021-01-15T09:46:57","slug":"daheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/daheim\/","title":{"rendered":"DAHEIM"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p>Am vierten Tag schlie\u00dft Hans die T\u00fcr der H\u00fctte auf.\nDen Schl\u00fcssel hat ihm der Besitzer in Kochel in die Hand gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBist sicher?\u201c, hat der Mann gefragt. \u201eWei\u00dft schon,\nich darf gar nicht vermieten. Wegen Corona.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMerkt doch keiner. Und ja, ich bin mir sicher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs fangt bald zum Schneien an. Strom hat es nicht.\nWie lang das Gas noch langt, wei\u00df ich nicht. Naja, hast ja Holz und den Ofen.\nAber: Es ist nix los, da oben. Also, mich t\u00e4te es nicht jucken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alles gut, meinte Hans und l\u00e4chelte (er kann sehr\nsch\u00f6n l\u00e4cheln, \u00fcbrigens, heiter mit einer kleinen Verschlagenheit). Er wolle\nnur seine Ruhe. Bezahlen w\u00fcrde er gerne im Voraus. Und wenn das Gas ausginge,\nw\u00e4re es ihm eine Freude, im Tal eine neue Flasche zu kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besitzer freute sich \u00fcber die Barzahlung (f\u00fcr\neinen Monat im Voraus), holte den Schl\u00fcssel, wenn Hans weiter ziehen wolle,\nsolle er den Schl\u00fcssel unter die Fu\u00dfmatte legen. Ach \u00fcbrigens: Ob der Hans\nwisse, dass dort oben in den Bergen schon mal ein K\u00fcnstler gelebt habe. Franz\nMarc hie\u00df der \u2013 und er war ein Maler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das wusste der Hans. Gro\u00dfes L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNo, dann w\u00fcnsche ich halt ein gute Zeit.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Und der Hans ging ins Gebirg\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Berge hei\u00dfen Rabenkopf und Jochberg, im Osten\nschimmert die Benediktenwand, im S\u00fcden geht es ins \u00d6sterreichische. Laliderer.\n\u00d6dkar. Weiter hinterm Karwendel das hohe Gebirge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00fctte liegt im Quellgebiet des Staffelbachs. Hans\nhat das Land hier oben f\u00fcr sich. Er steigt auf alle Berge, es sind ja kleine\nBerge, er liest Dostojewski. Hier oben kriegt er prima Radio rein \u2013 er h\u00f6rt\nVerkehrsfunk und Klassik und Nachrichten. Die Sendungen erreichen ihn wie\nSignale von einem anderen Planeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Tag trinkt er, am n\u00e4chsten bleibt er n\u00fcchtern.\nAlkohol erst, wenn die Sonne weg ist. Dann, bis die Lichter aus sind. Den Wein\nund die Nudeln besorgt er sich im Supermarkt in Kochel, einmal in der Woche\nwandert er ins Tal, kauft gro\u00df ein und schleppt den Rucksack heim.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er nicht s\u00e4uft, ist er anfangs lange wach und\nnerv\u00f6s. Mit der Zeit gibt sich das. Hans gew\u00f6hnt sich an das Neue.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat viel zu tun. Holz muss er machen, kochen, ein\nbisschen waschen, die Stube sauber halten. Hans sammelt Steine und f\u00fcgt sie zu\nFormationen vor der H\u00fctte. Er zeichnet \u2013 es ist mehr ein Kritzeln als ein\nZeichnen, aber es st\u00f6rt ihn nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Und er schreibt. Weil er f\u00fcr niemanden schreibt, weil\ner nicht, wie fr\u00fcher, \u201ean den Leser\u201c denken muss, ist vieles erlaubt. Mag sein,\ndass Hans wunderlich wird in diesen Tagen \u2013 aber es k\u00fcmmert keinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drunten im Land qu\u00e4len sie sich durch eine zweite\nWelle der gro\u00dfen Krankheit. Hier heroben ist der Hans recht fidel mit sich\nselbst und seinem Denken.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er geht viel herum. Gern wandert Hans zur Staffelalp.\nDort ist die H\u00fctte winterfest, auch die Fenster sind verriegelt. Aber Hans\nkennt die K\u00fcche, in der der Maler Franz Marc auf die Kalkbleiche einen Hirschen\nund gern gewesen, er hat sogar eine kleine Zeichnung an die Wand neben dem Herd\ngemalt. Das Bild ist mit den Jahren unter dem K\u00fcchen-Ru\u00df verschwunden, erst vor\nein paar Jahren haben sie es bemerkt und restauriert und damit die Touristen\nzur H\u00fctte gelockt.<\/p>\n\n\n\n<p>Franz Marc war schon einer!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es dem mit den Frauen zuviel wurde \u2013 also, wenn\nes zuviele Frauen auf einmal wurden -, ist er eine Zeitlang ins Dachauer Hinterland\ngezogen. Dort konnte er malen und sich die Weiberleut\u2018 eine nach der Anderen\naufs Land bestellen. Er hat wohl gerne poussiert und war beieinander wie ein\nStier.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder vom Dachauer Land sind in der N\u00e4he des\nFeldes gemalt worden, in dem jetzt der Hans das Unkraut gehackt hat. Da hat er\nviel Zeit gehabt, \u00fcber den Maler nachzudenken, den es im Ersten Weltkrieg\nzerrissen hat, als er eigentlich noch ein paar Jahrzehnte vor sich gehabt\nh\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sei es drum.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kommt Hans von einem Ausflug zur Staffelalp in seine H\u00fctte. Er macht sich einen Tee, hat das Notizbuch vor sich, den Stift in der Hand und ist ein guter Freund vom Franz.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Am vierten Tag schlie\u00dft Hans die T\u00fcr der H\u00fctte auf. 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