{"id":4497,"date":"2021-01-15T09:32:08","date_gmt":"2021-01-15T09:32:08","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4497"},"modified":"2021-01-15T09:32:10","modified_gmt":"2021-01-15T09:32:10","slug":"wegpicheln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wegpicheln\/","title":{"rendered":"WEGPICHELN"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jetzt hat Hans die Welt f\u00fcr sich. Heute\nst\u00f6rt ihn niemand mehr.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er macht es sich unterm Vordach auf einer\nHolzveranda mit Bank und grobem Tisch gem\u00fctlich. Packt seine Sch\u00e4tze aus und\nbeginnt mit der Feier. Ganz gen\u00fcsslich l\u00e4sst er es angehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Radio spielt einer Bach. Hans schl\u00e4gt\nSeite 1 im Notizbuch auf. Er zeichnet mit dem Kugelschreiber nach der Natur.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die sanfte Almwiese, dahinter den steilen\nBergwald. Die Felsen, dr\u00fcber das Gew\u00f6lk. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wild schraffiert er das Szenario aufs\nPapier, er sehnt sich nach Marie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine wie sie hatte er nicht mehr auf der\nRechnung gehabt. Sein Freund hatte ihn und Marie zusammengebracht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDas ist der Hans. Schriftsteller und\nJournalist. Bis vor einem halben Jahr \u2013 ist es okay, wenn ich das erz\u00e4hle? \u2013\nhat der Hans auf der Stra\u00dfe gelebt. Jetzt arbeitet er auf dem Feld. Den\nkriegste nicht kaputt, den Hans.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Marie hatte den fremden Mann angelacht.\nWie das gewesen sei, die Sache mit dem Auf-der-Stra\u00dfe-Leben. Ob er so richtig\nobdachlos gewesen sei? Und, wenn sie fragen d\u00fcrfe, warum?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie hatten eine Nacht geredet. Drei N\u00e4chte\nnebeneinander geschlafen, ohne miteinander zu schlafen. Dann Sex. Es war gut\ngewesen. Ganz frisch und unerwartet vertraut.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Zeichnung ist fertig. Hans beginnt auf\nSeite 2, \u00fcber Marie zu schreiben. \u00dcber das Ende des kurzen Zusammens. Dar\u00fcber,\nwie sie ihm fehlt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>W\u00e4hrend er schreibt, vergisst er das\nTrinken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Als es dunkel wird, klappt er das Buch zu.\nZieht sich den Pullover und den dicken Anorak f\u00fcr die Nacht an. Z\u00fcndet zwei\nKerzen an, isst, trinkt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Prokofjew, die F\u00fcnfte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sp\u00e4ter schreibt er bei Flackerlicht, die\nBuchstaben wackeln jetzt sehr:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe heute einen Mond gesehen, der mir sagte, er\nk\u00f6nnte mein letzter Mond sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHey Freund\u201c, habe ich gesagt. \u201eHey Freund, Du auch\nda?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er war hell und huldvoll. Mir ist gewesen, als ob er\nmir ein L\u00e4cheln gab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch will nicht\u201c, habe ich gesagt, \u201edass Du mein\nletzter Mond bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da hat er sich eins gegrinst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas gibt es zu \u00e4ffen?\u201c, habe ich gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlter\u201c, hat er gesagt, \u201ebleib l\u00e4ssig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas hei\u00dft da l\u00e4ssig bleiben\u201c, habe ich gesagt. \u201eDu\nredest neunmalgescheit daher. Ich will Dir mal was sagen\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas willste mir sagen? Was willste mir sagen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa gut: Wer bist Du denn eigentlich? Wenn einer\nmeint, Mannomann, der Mond hat wieder ganz sch\u00f6n zugenommen \u2013 was machste dann?\nL\u00e4ssig bleiben? Du nicht, Herr Mond. Sofort biste beleidigt und nimmst ab, bis\nman Dich nicht mehr sieht. So einer bist Du n\u00e4mlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu machst Dich l\u00e4cherlich\u201c, sagte der Mond zu mir.\n\u201eDu heulst mich da an und lamentierst, dass ich Dein letzter Mond bin.\nKokettierst mit Dich-Umbringen und so \u2018nem Schei\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist kein Schei\u00df\u201c, habe ich geantwortet. Und da\nhat er ganz breit gefeixt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWei\u00dfte was?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist zu feig, aufzugeben. Das bringst Du nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin echt beleidigt gewesen. Behauptet doch der\nArsch von Mond, ich sei zu feige, mich umzubringen!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast nicht die Eier\u201c, hat er gemeint. \u201eIst auch\nnicht schlimm. Dann lebste halt weiter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hmm. <\/p>\n\n\n\n<p>So war das, als der Mond heute mit mir geredet hat.\nIch habe versucht, ihm zu erkl\u00e4ren, wie sehr ich am Hund bin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch gebe nicht auf. So ist es nicht. Aufgegeben habe\nich nie. Aber ich kann nicht mehr. Ich werde nicht mehr fertig mit den Dingen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6r doch auf mit der Sauferei. Dann wirste fertig mit\nden Dingen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie denn, aufh\u00f6ren? Dann ist es nicht mehr zu\nertragen. Dann f\u00e4llt mir nichts mehr ein. Dann bringe ich es nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas denn, Du Lapp. Was redste f\u00fcr einen Schei\u00df? Dir\nf\u00e4llt nichts mehr ein? Was f\u00e4llt Dir denn ein? Wie Du den Alk organisierst und\ndas Fressen und die Kohle \u2013 das f\u00e4llt Dir dein. Die anderen Ideen sind eh f\u00fcrn\nArsch. Keiner will was von Dir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIs doch so. Da kannste Dich wegl\u00f6ffeln \u2013 und das\nwirste auch tun. Aber es wird schon noch ein bisschen dauern. Dein letzter Mond\nbin ich nicht, das kannste mir glauben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber\u2026\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMagst wissen, wie das weiter geht? Ich sag\u2019s Dir. Du\ntriffst Dich erstmal ein Zeit mit alten Freunden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas? Was f\u00fcr alte Freunde?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, mit denen von fr\u00fcher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie soll ich mich mit denen treffen? Die sind tot.\nOder ich wei\u00df nicht, wo sie sind. Oder sie reden nicht mehr mit mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoch, sie werden da sein. Oben drin in Deinem Kopf.\nMusst Dir nur M\u00fche geben. Vergiss allen Schei\u00df. Konzentriere Dich aufs\nWesentliche!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAberaberaber. Bl\u00f6dsinn. Du machst das schon. Wir\nsehen uns wieder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><strong>&#8212;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>So notiert Hans seine Unterhaltung ins\nMoleskine. Dann schreibt er nicht mehr. Er trinkt halt, bis er nicht mehr kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist saukalt, aber Hans sp\u00fcrt es nicht. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Soll er seinen Rausch ausschlafen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Jetzt hat Hans die Welt f\u00fcr sich. Heute st\u00f6rt ihn niemand mehr. Er macht es sich unterm Vordach auf einer Holzveranda mit Bank und grobem Tisch gem\u00fctlich. Packt seine Sch\u00e4tze aus und beginnt mit der Feier. Ganz gen\u00fcsslich l\u00e4sst er es angehen. Im Radio spielt einer Bach. 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