{"id":4483,"date":"2021-01-13T11:17:37","date_gmt":"2021-01-13T11:17:37","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4483"},"modified":"2021-01-13T11:17:40","modified_gmt":"2021-01-13T11:17:40","slug":"sandeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/sandeln\/","title":{"rendered":"SANDELN"},"content":{"rendered":"\n<p>TANZ DER VIREN II<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachdem ihm der Bauer gek\u00fcndigt hat, hat\nHans auch der Janine gek\u00fcndigt. In einem Aufwasch sozusagen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Daran erinnert sich Hans auch. Und dann\nist ihm, als ob er vor Panik gar nie mehr gehen k\u00f6nnen wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>&#8212;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Abstieg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Noch immer steht Hans unentschlossen an\ndem Stadel oberhalb des Bachs. Voll des Staunens ist er. Vom Staunen angef\u00fcllt.\nDas Staunen \u00fcberschwappt seine Trauer und seinen Zorn.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er lehnt am Stadel \u2013 graues Holz, warm und\ndoch unfreundlich \u2013 und blickt ins Tal.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Vordergrund: Sommerblume. Gelb, mit einem\nDrall ins Orangefarbene. Schienbeinhoch. Solit\u00e4r. Steht da und wankt nicht, es\nhat keinen Wind.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mittelgrund: Der Weg verliert sich\ntalw\u00e4rts, Stadel rechter- und linkerhand, gro\u00dfteils abgem\u00e4hte Wiesen, auf\nanderen St\u00fccken w\u00e4chst das Gras ins Kniehohe. Es hat B\u00e4ume, vom Wind\nzerfleddert, rechts eher fernab spitzt der Turm einer Kirche aus den H\u00fcgeln.\nDie Kapelle gibt es seit dem&nbsp;\nJahrhundert, Hans ist in der Jugend sehr oft daran vorbei gegangen, drin\nwar er nie, nun w\u00fcnscht er sich, er h\u00e4tte sich einmal das Innere besehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hintergrund: Berge. Gr\u00fcn und waldig\nvorndran, dahinter beginnen die Felsen. Grauer Kalk, Hans kann ihn sp\u00fcren, die\nW\u00e4rme und den Frost, er tr\u00e4umt sich dorthin, von hierher am Stadel dorthin in\nden Fels. Wo ihn keiner wahrnimmt, von wo er fallen oder steigen kann, egal.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>So zwickt Hans die Augen zusammen \u2013 weil\ndie Sonne in den Kalkfelsen ein Glei\u00dflicht macht. Er erinnert sich \u2013 so peu \u00e0\npeu -, wie er, den Berg hinauf, den Pfad hinunter, hierher gekommen ist. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Was f\u00fcr eine beschissene Unternehmung.\nSchon wieder alles am Arsch. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hintendrin, hintendran, sp\u00fcrt er, ist der\nRucksack. Hans streift ihn von der Schulter setzt ihn ab, pfriemelt die\nVerschn\u00fcrungen auf. Packt aus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Unterw\u00e4sche. Oberw\u00e4sche. Paar Papiere in\nder Plastikt\u00fcte gegen N\u00e4sse. Energieriegel. Ein Buch \u00fcber die deutsche\nRomantik. Das Notizbuch. In der Seitentasche Kreditkarte, Stifte, Brille, das\nkleine Radio. Ladeger\u00e4t. Laptop. Kabelsalat. Zwei Flaschen Rotwein, ein Gin \u2013\nunangebrochen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jetzt liegt alles auf der Wiese vor dem\nStadel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans muss sich setzen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans muss die Umgebung \u00fcberblicken. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans muss verzweifelt sein und ohne\nZukunft. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans muss Gin trinken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>&#8212;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gin. Der Tag geht ins Land.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Rotwein und Fitnessriegel gegen den\nHunger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schwarze Nacht. Zappenduster, der Film. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Am n\u00e4chsten Morgen ist der Gin weg. Die\nTritte am n\u00e4chsten Morgen (jetzt stinkt die Klamotte \u2013 auch nach der W\u00e4sche im\nBach) sind unsicher.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans tapert talw\u00e4rts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein fast alter Mann. Nicht mehr viele\nHaare auf dem Kopf. Altgemachte Laufschuhe, Jeans, T-Shirt, Anorak.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Unrasiert ist er, die Haare wachsen aus\nOhren und Nasen, ungepflegt ist Hans<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er kommt ins Tal, da werkelt einer an\nseinem Bulldog. Der Mann richtet sich, fixiert den Fremden, erkennt ihn.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSag amal, Du bist der Hans, hat man Dich\nschon lang nicht mehr gesehn.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er bejaht, dass er der Hans sei. Das\nGespr\u00e4ch wird weiter gef\u00fchrt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWo bist denn jetzt? Allweil noch in\nBerlin?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, das sei lang vorbei. Er sei wieder\nzur\u00fcck in den S\u00fcden. Die Berge, die Arbeit. Wie es halt so ist im Leben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWas machst denn jetzt. Gell, Du bist\nJournalist.\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das war einmal. Mit den Zeitungen verdient\nman nix mehr, grummelt der Hans, in der Hoffnung, nun sei genug \u00fcbers Thema\ngeredet. Im Journalismus gebe es nichts mehr zu holen, da habe er was Neues\nangefangen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWas denn?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Andere \u2013 er ist im Alter von Hans, man\nhat zusammen Fu\u00dfball gespielt \u2013 war schon fr\u00fcher so: ein schamloser Frager und\neiner, dem man nichts erz\u00e4hlen durfte, weil er alles weiter tratschte. Der\nhatte so eine infame Technik, die Dinge aus den Mitmenschen raus zu quetschen.\nEr nahm eine Spur auf und lie\u00df sich nicht irre machen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Lauerte auf die Antwort, schwieg lange \u2013\nwenn nichts kam, wiederholte er die Frage.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWas machst jetzt? In M\u00fcnchen, oder?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jaja, M\u00fcnchen, jaja.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eUnd? Was arbeitet man da?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es gibt kein Entkommen. Eine Antwort muss\nher.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch schreibe.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSchreibst, achso. B\u00fccher?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jaja.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWas f\u00fcr B\u00fccher?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der ist schon immer ein widerlicher\nHundling gewesen, denkt Hans.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sachb\u00fccher. Kultur-Zeug. Sport.\nBiographien. Wie es gerade komme.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eAch geh!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, das klingt nicht nach Respekt, das\nist der Sarkasmus des \u00dcberlegenen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans kann es dem Anderen nicht verdenken.\nDer wird gleich mit seinem Bulldog nach Hause treckern, dort gibt es\nMittagessen, wahrscheinlich hat er eine reinliche Frau und eine halbe Handvoll\nKinder, die aus dem \u00c4rgsten raus sind. Er hat was auf dem Sparbuch und seine\nLiegenschaften, er jammert \u00fcber die Not der Bauern und wei\u00df, dass es f\u00fcr ihn\nnie eine Not geben wird. Der Andere sieht so aus, als ob er viel saufen w\u00fcrde,\naber das darf der, der darf aussehen wie ein alter, missmutiger, verdreckter\nNazi, das darf der. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Weil er es darf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans seinerseits hat jedes Recht verwirkt.\nEin Zuhause hat er schon lange nicht, nichts an ihm ist reinlich, viel hat er\nnicht mehr auf dem Konto. Wie ein alter S\u00e4ufer sieht er aus, wie ein S\u00e4ufer stinkt\ner. In seinem Heimatdorf hat sich am Stammtisch sicher mal besprochen worden,\ndass er, der Hans, im Irrenhaus gewesen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ist doch logisch, dass da der Andere seinen Sarkasmus genie\u00dft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Nachdem ihm der Bauer gek\u00fcndigt hat, hat Hans auch der Janine gek\u00fcndigt. In einem Aufwasch sozusagen. Daran erinnert sich Hans auch. 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