{"id":4476,"date":"2021-01-12T06:36:21","date_gmt":"2021-01-12T06:36:21","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4476"},"modified":"2021-01-12T06:36:22","modified_gmt":"2021-01-12T06:36:22","slug":"vogeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/vogeln\/","title":{"rendered":"V\u00d6GELN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er wacht auf. Durchgefroren ist Hans,\nklamm bis in die Zehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er ist ein routinierter Trinker gewesen \u2013\naber jetzt entgleitet ihm die Sache. Jetzt rei\u00dft der Film fast jedesmal, vor\ndem schwarzen Schlaf ist er nicht mehr sein Herr. Nach dem schwarzen Schlaf\nwei\u00df er nicht, was gewesen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das ist ungut.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er blickt sich um.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Baumstumpf. Auf dem hat er gesessen. Jetzt liegt er, der Hans, den Rucksack als Kopfkissen, auf dem Boden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist lichter Tag. Wo steht die Sonne?\nAch, da dr\u00fcben, okay. Dann ist es jetzt Morgen, also hat Hans eine Nacht im\nWald geschlafen, er f\u00fchlt sich auch so, die Muskeln spannen, den Kopf kann er\nnicht schnell drehen, gichtig verkr\u00fcmmt sehen die Finger aus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sehr ungut, all das.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Wald. Die Sonne. Der Rucksack. Der Steig, auf dem er hierher stiefelte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Unten das Tal. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Muss viel Arbeit gewesen sein, hierher zu\nkommen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSo!\u201c sagt Hans. Aber er denkt nicht\n\u201eso!\u201c, im Sinne von \u201eweitermachen, anpacken\u201c. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er ist am Ende. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>So.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es f\u00e4llt schwer, bergab zu steigen. Hans erreicht den Bach, den er von fr\u00fcher kennt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Leine, Obere Leine.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er zieht sich aus, n\u00e4hert sich dem Wasser,\nes ist sehr kalt, ihn schaudert, schnell w\u00e4scht er sich, sogar den Kopf, er\nsteigt aus dem Bach.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ist ja sch\u00f6n, denkt er, dass der Herbst\nlau ist. Dann kann ich jetzt trocknen. Dann wird das Zittern auch wieder\naufh\u00f6ren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans, der zu Beginn des Sommers noch geglaubt hatte, er w\u00fcrde alles schaffen (wegen seines Vorarbeitens auf dem Feld und wegen der Freude am Leben und seinetwegen), zieht sich an. Seine Kleidung riecht nicht gut, er ist nicht gut.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eAlles\u201c wollte er schaffen \u2013 damit hat er gemeint, dass er vor nichts Angst hatte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jetzt wird ihm nichts mehr gelingen, so\nf\u00fchlt es sich an. Die Kerze ist abgebrannt, der Docht verglommen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bist ein m\u00e4\u00dfig lebendiger Toter<em> denkt Hans.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Aber er wird hinunter gehen ins Tal.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Man wei\u00df ja nie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gleich geht er los.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>&#8212;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er denkt an Janine.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, es waren nicht die\nLeidenschafts-Dinge. Im Bett aufwallen, untereinander, \u00fcbereinander, gegen-\noder miteinander. Schwei\u00df. Atem. Keuchen. Kommen. Liegen bleiben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, das war es nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Vielleicht sind diese Sex-Dinge mal wichtig gewesen \u2013 aber er erinnert sich nicht mehr genau. Nicht, wenn er an Janine denkt. Und nicht, wenn ihm die Anderen einfallen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Einmal fuhr er mit einer an einen Platz\nau\u00dferhalb der Stadt. Da hatte sie ein Ferienhaus, da w\u00fcrde man v\u00f6geln. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Man freute sich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWas essen wir?\u201c, fragte er, weil er ein vorhersehender Mensch ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWei\u00df nicht\u201c, sagte sie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDann m\u00fcssen wir einkaufen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eAu ja\u201c, sagte sie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie war eine verw\u00f6hnte Frau. Ging nicht oft\nin den Supermarkt. Nun folgte sie ihm und seinem Einkaufswagen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie kauften. Immer mehr und mehr. Sie kam\nund brachte Neues. K\u00e4se. Sprossen. Cr\u00e8me fraiche. Alles ohne Verstand, sie\nhatten keinen Plan.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er sagte: \u201eIch kaufe jetzt einen Wein f\u00fcr\nDich. Da kenne ich mich aus. Willst Du wei\u00df oder rot?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eUnd Du?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEgal. Wei\u00df oder rot?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie kochten. Er machte, sie kuckte zu. Er sp\u00fcrte, wie sie sich in den Mann am Herd verliebte, er war geschmeichelt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie a\u00dfen. Wei\u00dfer Wein f\u00fcr sie, er trank\nWasser. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie liebten sich. Schmiegsam, f\u00fcgsam,\nlangsam.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>An solche Dinge erinnert sich Hans, bevor\ner zu Tale geht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans hat wirklich schon bessere Tage gehabt, das ist au\u00dfer Zweifel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Er wacht auf. Durchgefroren ist Hans, klamm bis in die Zehen. Er ist ein routinierter Trinker gewesen \u2013 aber jetzt entgleitet ihm die Sache. Jetzt rei\u00dft der Film fast jedesmal, vor dem schwarzen Schlaf ist er nicht mehr sein Herr. Nach dem schwarzen Schlaf wei\u00df er nicht, was gewesen ist. 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