{"id":4471,"date":"2021-01-11T08:43:25","date_gmt":"2021-01-11T08:43:25","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4471"},"modified":"2021-01-11T08:44:41","modified_gmt":"2021-01-11T08:44:41","slug":"fliehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/fliehen\/","title":{"rendered":"FLIEHEN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Radio pl\u00e4rrt ein aufgeregter Sportreporter. Er\nkommentiert den gelungenen Slalomlauf eines deutschen Sportlers aus dem\nschweizerischen Adelboden.<\/p>\n\n\n\n<p>Welten weg ist das. <\/p>\n\n\n\n<p>Hans steht am Ofen und reibt sich die H\u00e4nde. Er ist\nnur kurz drau\u00dfen gewesen, bis zum Waldrand ist er gestapft, das sind vielleicht\nhundert Schritte, er hat gegen eine Fichte gebieselt, Schnee \u00fcber das Uringelb\ngeschoben, ist zur\u00fcck gegangen, hat noch einmal nach Nordosten geschaut, da kann\ner bis ins flache Bayern sehen, im Land drau\u00dfen hat sich der Nebel festgesetzt,\ndas sieht sehr ungem\u00fctlich aus, Hans hat sich \u00fcberlegen gef\u00fchlt, oben in der\nWintersonne \u2013 dann ist er in die H\u00fctte, hat Holz nachgelegt, und nun wartet er,\ndass die W\u00e4rme in den K\u00f6rper kriecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach setzt er sich an den groben Holztisch, schl\u00e4gt\ndas Notizbuch auf. Es ist ein teures Moleskine, das er bis zu diesem Augenblick\nnicht angetastet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schreibt in gro\u00dfen Buchstaben auf die Seite 1:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>LAST EXIT<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Wie der Hans auf\neine einsame Bergh\u00fctte gekommen ist<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hans bl\u00e4ttert um. Nun beginnt er:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\">&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans \u2013 ja, unser Hans \u2013 geht ins\nAnderland.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist ein t\u00fcckischer Sp\u00e4therbsttag des\ngeschissenen Corona-Jahrs. Hans hockt auf einem Baumstumpf, blickt ins ferne\nGebirg\u2018 und sieht von Westen das Wetter kommen. Grau, fast schwarz, in einer\nbreiten Walze rollt es.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eben noch war Hans n\u00fcchtern. Seit Wochen\nnullkommanull, trotz seines Landstreicherlebens. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Aber jetzt hatte er den Alkohol im Gep\u00e4ck.\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gekauft. Geplant. Geschlagen, besiegt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>&#8212;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Sommer noch ist er der Gewinner-Hans\ngewesen. Er hat sich aus dem Morast heraus gew\u00fchlt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Neue Frau. Arbeit. Zukunft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Alles gut.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann hat man ihm gek\u00fcndigt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>&#8212;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er gibt den Alkohol in sich hinein, der\nHans.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dauert ja nicht lang, bis der Blitz, der\ndumpfe, einschl\u00e4gt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>&#8212;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er ist in den Bergen angekommen, es war\neine wilde Reise. Jetzt hat er sich niedergesetzt, f\u00fcr den Augenblick ist es\ngenug.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Berge jaja, ebeneben, hallo.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, er ist noch nicht betrunken, er tut\nerst einmal so \u2013 weil er die Wirkung sp\u00fcrt, und weil er sp\u00e4ter betrunken sein\nwird und die Wirkung nicht mehr so kosten kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gleich wird der Rausch \u00fcber ihn kommen \u2013\ner freut sich. Hallohallo.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>&#8212;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Vortags ist Hans am Feld im Dachauer\nHinterland gewesen und hat staunend \u201eseine\u201c Roten Bete gesehen. Sie stakten,\ndicht an dicht, aus dem Acker, hunderte, tausende, aberzehntausende. Das\nUnkraut, das ihnen mal zu schaffen gemacht hat, hatten sie \u00fcberdauert, sie\nwaren die Gewinner der Jahreszeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans wollte eine Rote Bete aus dem Boden\nrei\u00dfen, doch dann kam es ihm vor wie schweres Verbrechen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Bauer!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dem w\u00fcrde er nichts klauen, dem nicht, da\nw\u00fcrde er sauber bleiben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Bauer hat ihn raus geschmissen, obwohl\nder Hans hart gearbeitet hatte. Das hat den Bauern nicht interessiert, von\neinem Tag auf den anderen hat er dem Hans und seinen deutschen \u201eKollegen\u201c in den\nArsch getreten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es war schlimm. Hans hat den Halt\nverloren, er ist einen Sommer lang getaumelt. Marie wollte ihn nicht mehr\nsehen. Sein Zimmer bei Freunden wollte er nicht mehr haben. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er kannte das ja: Wie es ist, ohne Obdach\nzu sein. Von fr\u00fcher kannte er das. Von der Zeit vor der Feldarbeit und vor\nMarie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Herrjemine \u2013 dann war es eben jetzt wieder so. Ohne Obdach. Er schlief in den W\u00e4ldern, auf B\u00e4nken, in Bush\u00e4uschen, am Isarufer, am Ammersee und am Starnberger See, manchmal in der Stadt im Eingang einer Bank.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Man glaubt nicht, wie schnell ein Mann verkommen kann. Selbst wenn er nicht s\u00e4uft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Im Radio pl\u00e4rrt ein aufgeregter Sportreporter. Er kommentiert den gelungenen Slalomlauf eines deutschen Sportlers aus dem schweizerischen Adelboden. Welten weg ist das. Hans steht am Ofen und reibt sich die H\u00e4nde. 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