{"id":4468,"date":"2021-01-10T11:49:39","date_gmt":"2021-01-10T11:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4468"},"modified":"2021-01-10T11:50:29","modified_gmt":"2021-01-10T11:50:29","slug":"last-exit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/last-exit\/","title":{"rendered":"LAST EXIT"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gestern war das neue Jahr in seinem neunten Tag \u2013 da ist\nHans zum ersten Mal seit Silvester leibhaftigen Menschen begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Besser gesagt: Sie sind \u2013 unverlangt eingesandt &#8211; zu\nseiner H\u00fctte gekommen. Eine junge Frau \u2013 sportlich, rotwangig, heiter, zum\nAnknabbern \u2013 und ein Typ \u2013 gro\u00df, glimmende Augen, langes M\u00e4dchen-Haar, zum Beneiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stapften auf ihren Schneeschuhen aus dem Wald\nheraus auf die H\u00fctte zu. Beim Brunnen blieben sie ratlos stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die verwehten, fast verschneiten Spuren, denen sie\ngefolgt waren, h\u00f6rten hier auf. Es waren Hans\u2018 Spuren, die hinaus in die Berge\nund hinunter ins Tal f\u00fchrten. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun, an der H\u00fctte, war Endstation.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans ist auf die Veranda getreten und hat die beiden\nangesprochen. Wohin sie wollten, ob er ihnen helfen k\u00f6nne?<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht aufgepasst hatten sie und sich im Aufstieg\ngeirrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht schlimm\u201c, sagte der junge Mann. \u201eHauptsache, wir sind unterwegs. Das da drunten im Land ist ja ein Irrsinn. Man f\u00fchlt sich wie im Offenen Vollzug.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau nickte und l\u00e4chelte Hans neugierig an. <\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rte sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er den Irrsinn nicht mitmache und in die H\u00fctte gezogen\nsei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das? fragten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Handy, kein Computer. Ein kleines Radioger\u00e4t,\ngute B\u00fccher, die Schreibsachen, das Leben in der H\u00fctte und im Wald.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles gut\u201c sagte Hans, als er sah, dass die jungen\nMenschen fast ein wenig erschrocken waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eManchmal ist es ein bissl ruhig. Aber das ist okay.\nAm Anfang habe ich mich gefragt, ob man hier oben mit der Zeit seltsam wird. Aber\neigentlich, glaub\u2018 ich, ist alles in Ordnung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hans hat Tee gebracht, sie haben sich unterhalten, die jungen Leute haben ihm ihre Adresse in M\u00fcnchen dagelassen. Sie fragten, ob sie ihn wieder besuchen d\u00fcrfen. Ja, hat er gesagt, kein Problem, er ist ja immer da, abends zumindest. Tags\u00fcber mache er oft Ausfl\u00fcge, aber um drei am Nachmittag sei er immer zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es d\u00e4mmerte, stiegen die beiden ab. Er legte Holz\nim Ofen nach und schaltete das Radio ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zog das Notizbuch aus der Schublade und begann zu schreiben. Es war an der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Heute, am zehnten Januar 2021, arbeitet er weiter am\nText. Er nennt ihn \u201eLast Exit\u201c. Besonders einfallsreich ist das wohl nicht \u2013\naber was soll\u2019s?<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt kann er mit dem Aufschreiben beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Last Exit:<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Hans auf eine einsame Bergh\u00fctte gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Gestern war das neue Jahr in seinem neunten Tag \u2013 da ist Hans zum ersten Mal seit Silvester leibhaftigen Menschen begegnet. Besser gesagt: Sie sind \u2013 unverlangt eingesandt &#8211; zu seiner H\u00fctte gekommen. 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