{"id":4464,"date":"2021-01-09T12:20:51","date_gmt":"2021-01-09T12:20:51","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4464"},"modified":"2021-01-09T15:27:03","modified_gmt":"2021-01-09T15:27:03","slug":"munchen-mon-amour","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/munchen-mon-amour\/","title":{"rendered":"MUNICH, MON AMOUR"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Samstag nach Dreik\u00f6nig. M\u00fcnchen, 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchen, die Erste:<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen Marienplatz und dem Tal gibt es eine\nPennerzone. Da sind sie unter Dach auf dem Trottoir, da werden sie nicht\nfortgescheucht. Nur drei Penner haben Heimrecht, sie sind b\u00f6se, wenn man ihnen\nden Platz streitig machen will. Ansonsten leben sie im Frieden, jeder hat einen\nHund, wegen der K\u00e4lte in eine Decke gewickelt. Tags\u00fcber sind die Penner vom\nMarienplatz sozial und lassen sich mit ihresgleichen ein. Dann stehen und\nhocken sie an der Mauer, beschauen die Passanten und k\u00fcmmeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Brave Mannder sind sie. Beim Saufen ziehen sie den\nSchutz vom Gesicht. Ansonsten verhalten sie sich, wie es der Ministerpr\u00e4sident\nes will. Ihre Masken sind hellblau und abgewichst. Macht nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Oberpenner ist der Paul. Zehn Winter hat er\n\u00fcberlebt. Er denkt sich so, w\u00e4hrend er sorgsam drauf achtet, dass er den Pegel\nh\u00e4lt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Alles anders. Nichts mehr da, wie gewohnt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen, die nicht mehr am Fischbrunnen Halt\nmachen, weil sie sich f\u00fcr eine Liebelei verabredet haben. Die Menschen, die\nnicht mehr ins n\u00e4chste Wirtshaus k\u00f6nnen. Die Polizisten, die immer bedrohlicher\nwerden. Die Autos, die nicht mehr zum Viktualienmarkt hin\u00fcber fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts wie fr\u00fcher. Der Paul kennt sich nicht mehr aus.\nEr packt seine Siebensachen zusammen und trollt sich, mitsamt dem Hund, aus der\nStadt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Wohin des Wegs, Paul?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er einen h\u00f6ren k\u00f6nnte, w\u00fcrde er sagen: \u201eIch mag nimmer. Lieber schnell derfroren als langsam derstorben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchen, die Zweite:<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerer Ring, man kommt nicht voran. Das macht dem\nChauffeur des Wagens aus Kroatien keine Sorgen. Er hat Zeit, die Fuhre ist gut\nauf dem Anh\u00e4nger vert\u00e4ut.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fuhre ist eine Million wert. Ein Maserati in Schwarzlila,\nsch\u00f6n wie eine halbnackte schenkelspreizende G\u00f6ttin, sozusagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Goran, der Gro\u00dfe im Osten, l\u00e4sst fahren. Er k\u00fcmmert\nsich nicht um den Stau am Mittleren Ring in diesem M\u00fcnchen. Er steht \u00fcberhaupt\n\u00fcber den Dingen \u2013 weil er Gro\u00dfes vorhat.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ein paar Wochen hat bei ihm zuhause die Erde\ngebebt. Da hat er ein paar Angestellten einen Denkzettel verpassen lassen\nm\u00fcssen, weil sie Angst hatten und nicht zum Arbeiten erschienen sind. Und er\nist in Verzug gekommen: Die bl\u00f6den Hammel haben den Stoff nicht eingepackelt,\ndie Fahrer konnten nicht nach Deutschland liefern, die Kunden haben Stress\ngemacht. Stocksauer war der Goran da und hat den Arbeitern sein Rollkommando\ngeschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, an diesem neunten J\u00e4nner, sieht Goran aus der Wohnhalle seiner Villa auf den Hafen von Rijeka, wartet auf seinen neuen Maserati und denkt dar\u00fcber nach, wie er Macht \u00fcber die Welt haben kann\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Da kommt ihm die Pandemie grad recht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchen, die Dritte:<\/p>\n\n\n\n<p>Michael ist \u2013 wir m\u00fcssen es so sagen \u2013 er ist ein Kr\u00fcppel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der rechte Arm b\u00fcndelt ereignislos an seinem Arm.\nMichael humpelt, wegen eines verk\u00fcrzten Fu\u00dfes. Verschmutzt und verwahrlost ist\nMichael, wegen verpasster Termine beim Arbeitsamt und wegen \u2013 \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er versucht, in die U-Bahn zu steigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Marienplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Heller Tag oben drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Bahnsteig hat Michael eine Viertelstunde\ngebraucht. Jetzt nur noch in die U-Bahn, an den Stadtrand, eine halbe Stunde Marschieren\nan der frischen Luft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist Michael daheim.<\/p>\n\n\n\n<p>Er will nur noch heim.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bahn f\u00e4hrt ein. Michael humpelt auf den ersten\nWagen zu. Die anderen Passanten setzen sich in Bewegung, \u00fcberholen im Abstand\nden Kr\u00fcppel, schlie\u00dfen sich zu einem Schwarm zusammen, dr\u00fccken in den Wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cZur\u00fcck bleiben, bitte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kr\u00fcppel will auch noch mit. Entsetzen im Schwarm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa!\u201c sagt einer. \u201eNana! Nein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr schlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug f\u00e4hrt los.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael sieht hinterdrein. Er spuckt aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Was soll er sonst machen?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Samstag nach Dreik\u00f6nig. 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