{"id":4460,"date":"2021-01-09T11:41:22","date_gmt":"2021-01-09T11:41:22","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4460"},"modified":"2021-01-09T11:43:16","modified_gmt":"2021-01-09T11:43:16","slug":"wintertraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wintertraum\/","title":{"rendered":"WINTERWUT"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler hat\nalles getan. Die R\u00e4der und der Anh\u00e4nger sind im Hinterhof angekettet, die\nSportsachen in der Wohnung verstaut. Die Familie ist gef\u00fcttert, der Frittenfra\u00df\nliegt schwer im Magen. Die Kinder haben sich in ihren Zimmern aufger\u00e4umt,\nwahrscheinlich daddeln Renate und Robert, sie chatten, sie posten \u2013 die kriegen\ndie Zeit schon irgendwie rum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob man fernsehen\nwolle, hat Martins Frau Irene gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch nein, im\nAugenblick nicht. Was l\u00e4uft denn?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Feiertagsprogramm.\nIrgendwas von fr\u00fcher. \u201eSchatzinsel\u201c. Audrey Hepburn. Cary Grant. \u201eSchwarzwaldklinik\u201c\n\u2013 ja, sie zeigen alle Folgen der \u201eSchwarzwaldklinik\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, lass mal. Ich\ngeh\u2018 noch ein bisschen ins B\u00fcro.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Irene nickt und schaltet\nden Fernseher ein. Schwarzwald. Doktor Brinkmann. Gaby Dohm. Heimat von ganz\nfr\u00fcher sozusagen. Man kennt sich aus. Irene nimmt ihr Handy und schreibt ein\npaar Apps.<\/p>\n\n\n\n<p>Angenehm lebt es sich\nin der Schwabinger Wohnung der St\u00e4blers. Die K\u00fcche ist gem\u00fctlich, das\nWohnzimmer pr\u00e4sentabel. Jedes Kind hat sein Zimmer, die Eltern ein helles\nSchlafzimmer mit Balkon, der Vater ein B\u00fcro, die Mutter einmal in der Woche\neine Zugehfrau mit Maske.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoch sind die R\u00e4ume,\nhoch die T\u00fcren, morgens und abends haben die Balkone Sonnenlicht. Stuck an der\nDecke, Parkett, dunkel ge\u00f6lte Eiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine teure\nWohnung. Wer sich die leisten kann, darf zufrieden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler zieht\ndie B\u00fcrot\u00fcr hinter sich zu. Er setzt sich an den Schreibtisch und knipst \u2013 das ist\nautomatisch, dar\u00fcber denkt er nicht gro\u00df nach \u2013 den Computer an. Er registriert\nzuerst nicht das Bild von der Bergeralm-Webcam, das seit dem Vormittag durch\ndie Landschaften am Brenner schwenkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Zimmer ist\naufger\u00e4umt, riecht nach Pfeifen-Rauchen. Dabei z\u00fcndet sich Martin alle Wochen\neine an \u2013 er hat nur noch drei Lorenzos, das Besteck und einen <em>Rooktabak\nFijne Snede<\/em> in der Schublade -, dabei geht es ums Ritual, nicht um\nGenuss. Ein Pfeiferl ein Flascherl Rotwein, ein Zeiterl Weg-Sein von allem.<\/p>\n\n\n\n<p>Das B\u00fcro ist f\u00fcr den\nRest der Familie tabu. So haben sie es schon immer gehalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt braucht Martin\nden Fluchtort mehr als fr\u00fcher. <\/p>\n\n\n\n<p>Er sucht Musik aus.\nHeute ist ihm nach Beethoven, Triple Concerto. Das m\u00f6chte\u2018 ihn bes\u00e4nftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der B\u00fccherwand\nkommt Martin zu keiner Entscheidung, er geht zur Stellage mit den Weinen und\nw\u00e4hlt einen Bordeaux, nimmt ein Glas aus dem Regal. Setzt sich in den bequemen roten\nBauhaus-Lederstuhl, holt Korkenzieher und Rauchgarnitur aus der rechten oberen\nScheibtisch-Schublade, \u00f6ffnet die Flasche, stopft die Pfeife, macht Feuer, dr\u00fcckt\ndie Glut fester, gie\u00dft ein, nimmt einen Schluck.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist er vom\nLeben verw\u00f6hnt. Eigentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt nimmt er den\nBildschirm wahr. Erinnert sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Stimmt, er hat sich\nmorgens bei <em>bergruf.de<\/em> eingeloggt und geschaut, wie das Wetter in den\nBergen ist. H\u00e4ngen geblieben ist er am Brenner.<\/p>\n\n\n\n<p>Matrei. Steinach.\nMaria Waldrast.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt schwenkt die\nPanoramakamera durch die Nachtschw\u00e4rze, Gl\u00fchw\u00fcrmchen auf dem Schirm \u2013 das sind\ndie Lichter aus den H\u00e4usern und an den Liftstationen, das sind auch die\nPistenfahrzeuge, die die Abfahrten f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag glatt machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Matrei. Steinach.\nMaria Waldrast.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler ger\u00e4t\nins Tr\u00e4umen. Er dreht die Zeit im Computer zur\u00fcck \u2013 schwupps, schon hat er\nMittag in Matrei.<\/p>\n\n\n\n<p>Grelle Sonne.\nBlaugewienerter Himmel. Das Wei\u00df der Berge ist bei 90 Grad gekocht und frisch\ngest\u00e4rkt. Im Dorf ziehen Erwachsene Rodelschlitten mit Kindern drauf \u00fcber die verschneiten\nStra\u00dfen. Auf den Pisten wedeln sie frei und froh, keiner steht an, die \u00d6sterreicher\nsind unter sich, da gibt es keine Schlangen. Eine Schneeschuh-Wanderin folgt der\nSpur in einem winterlichen Bachbett.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Idyll.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin St\u00e4bler zieht\nan der Pfeife, trinkt einen Schluck, im Kopf wabert ein willkommener Dunst hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Idyll?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schei\u00dfdreck ist es.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Martin St\u00e4bler hat alles getan. Die R\u00e4der und der Anh\u00e4nger sind im Hinterhof angekettet, die Sportsachen in der Wohnung verstaut. Die Familie ist gef\u00fcttert, der Frittenfra\u00df liegt schwer im Magen. 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