{"id":4449,"date":"2021-01-07T16:59:12","date_gmt":"2021-01-07T16:59:12","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4449"},"modified":"2021-02-07T14:17:46","modified_gmt":"2021-02-07T14:17:46","slug":"tanzen-ja","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/tanzen-ja\/","title":{"rendered":"DARF ICH BITTEN?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geduscht hat sie. Einen Tee gekocht. Kekse, mit\nSchoko-F\u00fcllung, auf einen Teller gegeben. Den Fernseher eingeschaltet. Es l\u00e4uft\n\u201eSturm der Liebe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatice sieht das ganz gerne. Das Leben wird dann so einfach.\nGute gibt es und B\u00f6se. Intrigen und Katastrophen, Retter und gl\u00fcckliche Enden. Wenn\neine Frau die Liebe wirklich will, dann wird sie sich die Liebe erk\u00e4mpfen. Sie\nwird den wei\u00dfen Ritter finden. Einen, der sie in den Arm nimmt und besch\u00fctzt.\nEinen, der sie achtet und ihr mit einem Kniefall den Antrag macht. Mit dem sie\nin einen glutroten Sonnenuntergang blickt und mit dem sie bei Vollmond Liebe\nmacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das gibt es in \u201eSturm der Liebe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Im richtigen Leben ist das Drehbuch doof.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein wei\u00dfer Ritter in Sicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Mann ist schon lang her \u2013 da kannte Hatice das\nWort \u201ePandemie\u201c noch gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war vielleicht so ein Ritter von der traurigen Gestalt,\nder Typ!<\/p>\n\n\n\n<p>Unsportlich. Kein Humor. Kein Geld. Mundgeruch. Beim V\u00f6geln\ngleich am Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Wochen hat sie es versucht mit ihm. Vielleicht w\u00fcrde er\nsich ver\u00e4ndern, wie manchmal die M\u00e4nner in \u201eSturm der Liebe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Was machen Sie\nhier? \u2013 Sie aus einem sch\u00f6nen Traum wecken. \u2013 Was reden Sie? Ich tr\u00e4ume nie. \u2013\nDann wird es aber Zeit. Darf ich Sie zum Essen einladen? \u2013 Was f\u00e4llt Ihnen ein?\n\u2013 Wieso? Essen Sie nie? \u2013 Doch. Aber\u2026 &#8211; Na bitte. Heute Abend? Im \u201eChez Pierre\u201c?\n\u2013 \u00c4hm. \u2013 Gut abgemacht. Um acht? \u2013 Na gut\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ja ohnehin kein Thema zurzeit. Keine Einladungen,\nkeine Dates, kein Kino. Der McFit ist dicht, das Boxstudio verstaubt. Hatice\ntrainiert zuhause mit den kurzen Hanteln und an der Reckstange im Rahmen der\nT\u00fcr zum Wohnzimmer. Zweimal in der Woche joggt sie im Englischen Garten, der\nKick mit den Kerls.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war es dann auch. Im B\u00fcro ist sie manchmal die Einzige,\nweil die Kollegenschaft vom heimischen Computer aus ihren Job machen. Wenn\nAndere zur Arbeit kommen, sind sie ver\u00e4ngstigt, nerv\u00f6s, haben das Reden\nverlernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Alleinsein macht sie m\u00fcrbe. Hatice wei\u00df nicht, wie es der Familie im Allg\u00e4u geht. Man redet nicht mehr miteinander, seit es der Vater verboten hat. <\/p>\n\n\n\n<p>In \u201eSturm der Liebe\u201c sagte eine Blonde, die \u00fcber den Fotos\nihres Vaters weint:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ach Papa!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Film-Vater ist in den Bergen ums Leben gekommen. Man hat\nihn nie gefunden, aber es gibt wohl keinen Zweifel. Die Film-Tochter ist blond\nund verzweifelt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ach Papa!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>20 Minuten sp\u00e4ter sitzt die Blonde an einem Baum und ist\nganz entr\u00fcckt. Ein Mann mit schimmerwei\u00dfen Z\u00e4hnen und blitzblauen Augen tritt\nins Bild. Jetzt steht er \u00fcber der Blonden. Sie schreckt hoch, erkennt ihn, den\nwei\u00dfen Ritter, ihre Stimme zittert.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ich habe Dir nicht\ngeglaubt, und Du hast trotzdem nicht aufgegeben. Du hast meinen Vater gerettet.\n\u2013 Naja. \u2013 Ach Du!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Film-Ritter zeigt seine Z\u00e4hne. Hach, was f\u00fcr ein Lachen!\nDann sagt er ein Wort, mit fester Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Tanzen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Film-Blonde haucht zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ja.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hatice nimmt noch einen Keks.<\/p>\n\n\n\n<p>Schei\u00dfe, es k\u00f6nnte alles so sch\u00f6n sein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN II Geduscht hat sie. Einen Tee gekocht. Kekse, mit Schoko-F\u00fcllung, auf einen Teller gegeben. Den Fernseher eingeschaltet. 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