{"id":4410,"date":"2020-12-17T20:25:36","date_gmt":"2020-12-17T20:25:36","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4410"},"modified":"2021-01-05T13:39:06","modified_gmt":"2021-01-05T13:39:06","slug":"gehts-noch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/gehts-noch\/","title":{"rendered":"GEHTS NOCH?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN, II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnchen, zweiter Tag des Jahres, in dem alles besser wird. Wieder ein wenig Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber kalt ist es.<\/p>\n\n\n\n<p>Im s\u00fcdlichen Teil des kleinen Parks an der Biedersteiner Stra\u00dfe spielen zwei Familien Fu\u00dfball. Im n\u00f6rdlichen haben 30 junge Menschen die Mannschaften ausgelost, tragbare Tore aufgestellt und tragen ein gro\u00dfes Match aus. Auf einer Bank sitzt eine alte Frau, sie isst eine Leberk\u00e4ssemmel und guckt dabei in den kahlen Baum \u00fcber ihr. Auf der Bank daneben trinken drei Herrschaften Bier und Schnaps, sie reden nicht viel, Mundschutz brauchen sie nicht, sie wollen ihre Ruh\u2018. Ein Mann mit billiger blauer Maske kommt \u00fcber den Kiesweg. Er tr\u00e4gt einen braunen Nylonrucksack, alte Jeans, einen abgewetzten grauen Anorak, \u00fcber der Maske eine helle M\u00fctze, lange stumpfe Haare kr\u00e4useln sich auf die Schultern des Anoraks. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann baut sich vor den Herrschaften auf. Er br\u00fcllt los.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eGeht\u2019s noch? Ihr seid doch nicht mehr zu retten, Ihr.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Herrschaften \u2013 eine verlebte Lady und zwei ausgesonderte\nSchwabinger Hippies blicken zu dem schreienden Menschen hoch, sie zucken mit\nden Schultern.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist ein schlechter Bekannter. Wohnt in der\nFeilitzschstra\u00dfe. Ferdl hei\u00dft er, aber das will er nicht mehr h\u00f6ren. Wenn ihn\neiner mit \u201eFerdl\u201c anspricht, droht er sofort mit einer Rauferei. Nun, noch nie\nhat jemand gesehen, wie sich der Mann mit einem gehauen hat. Der Ferdl \u2013 oder\nwie auch immer er sich jetzt nennt \u2013 ist keiner, an dem man sich die H\u00e4nde\ndreckig macht. Man geht ihm und seiner Wut aus dem Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Zeitlang, so hie\u00df es, sei er gottfromm und eine\nBetschwuchtel gewesen. Sp\u00e4ter ist man ihm kaum noch begegnet. Wie eine Lemure\nist er zum Supermarkt gehuscht, hat sich eingedeckt und ist wieder verschwunden\nin seiner Feilitzsch-H\u00f6hle.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Ministerpr\u00e4sident S\u00f6der das Volk zum ersten Mal in Quarant\u00e4ne schickte, ist der Ferdl wieder da gewesen. Das Gewand war aus einer anderen Zeit. Maske und die M\u00fctze hat er bei jedem Wetter auf gehabt, den ganzen Sommer. Der Rucksack war mit ihm (niemand wei\u00df, was drin ist). Und das Gebr\u00fcll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Herrschaften auf der Bank schauen ihn wortlos an und lassen ihn belfern. Sie kennen das Geschrei. Und sie wissen, dass der Ferdl irgendwann m\u00fcd\u2018 wird und dann weiter zieht. Bis er die n\u00e4chsten Opfer entdeckt und ihnen seinen Vortrag h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"> <br><em>\u00a9 BILDKUNST JOHANNES TAUBERT<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN, II M\u00fcnchen, zweiter Tag des Jahres, in dem alles besser wird. Wieder ein wenig Sonne. Aber kalt ist es. Im s\u00fcdlichen Teil des kleinen Parks an der Biedersteiner Stra\u00dfe spielen zwei Familien Fu\u00dfball. Im n\u00f6rdlichen haben 30 junge Menschen die Mannschaften ausgelost, tragbare Tore aufgestellt und tragen ein gro\u00dfes Match aus. 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