{"id":4362,"date":"2020-08-11T17:18:02","date_gmt":"2020-08-11T17:18:02","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4362"},"modified":"2020-08-11T17:18:04","modified_gmt":"2020-08-11T17:18:04","slug":"fast-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/fast-sterben\/","title":{"rendered":"FAST-STERBEN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>11. August<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der\nSchriftsteller Jonas L\u00fcscher ist in diesem Jahr sehr krank gewesen. Spitz auf\nKnopf ist es gestanden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eAm 15. M\u00e4rz sprang ich kurzfristig bei den M\u00fcnchner Kommunalwahlen ein, half an der Urne und beim Ausz\u00e4hlen. Da habe ich mich wohl infiziert. Erst hatte ich die bekannten Symptome, Husten, hohes Fieber. Nach einem positiven Test wurde ich ins Krankenhaus \u00fcberwiesen. Dort diagnostizierten die \u00c4rzte eine Lungenentz\u00fcndung, und mein Zustand verschlechterte sich schnell. Man versetzte mich ins Koma und begann mit der Beatmung. Ich war sieben Wochen im Koma, insgesamt neun Wochen auf der Intensivstation und drei Wochen in der Reha. Die Lungenfunktion ist immer noch etwas eingeschr\u00e4nkt, und ich k\u00e4mpfe mit den \u00fcblichen Nebenerscheinungen eines langen Komas, aber ich habe, und das ist ein gro\u00dfes Gl\u00fcck, keine kognitiven Sch\u00e4den davon getragen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>L\u00fcscher ist einer der bedeutendsten Schweizer Autoren der Gegenwart.\nBekannt wurde er 2013 mit der Novelle \u201eFr\u00fchling der Barbaren\u201c, f\u00fcr den Roman \u201eKraft\u201c\nerhielt er vier Jahre sp\u00e4ter den Schweizer Buchpreis. Der 43-J\u00e4hrige \u2013 geboren in\nZ\u00fcrich, aufgewachsen in Bern &#8211; lebt heute in M\u00fcnchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gut,\ndass ihm Corona keine \u201ekognitiven Sch\u00e4den\u201c zugef\u00fcgt hat. So kann er heute den\nMenschen ins Gewissen reden:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie Corona-Krise hat die Ungleichheit unserer Gesellschaft in aller Deutlichkeit gezeigt. Wer am Z\u00fcrichberg eine sch\u00f6ne Villa hat, mit Garten und Swimmingpool, der kann die Pandemie problemlos als Chance zur Entschleunigung begreifen. Etwas Yoga \u00fcben, das Franz\u00f6sisch auffrischen&#8230;<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Alleinerziehende mit den zwei pubertierenden S\u00f6hnen in einer kleinen Mietwohnung aber erlebt die Krise ganz anders. Ihr Leben prekarisierte sich wegen Corona noch weiter. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ja, wir m\u00fcssen das Geld endlich besser verteilen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und wir m\u00fcssen uns in Frage stellen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Weil wir das neoliberale Denken der letzten 30 Jahre verinnerlicht haben, l\u00e4uft vieles aus dem Ruder. Uns fehlt schlicht die Fantasie, uns eine bessere Welt auszudenken.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN 11. August Der Schriftsteller Jonas L\u00fcscher ist in diesem Jahr sehr krank gewesen. Spitz auf Knopf ist es gestanden. \u201eAm 15. M\u00e4rz sprang ich kurzfristig bei den M\u00fcnchner Kommunalwahlen ein, half an der Urne und beim Ausz\u00e4hlen. Da habe ich mich wohl infiziert. Erst hatte ich die bekannten Symptome, Husten, hohes Fieber. 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