{"id":4118,"date":"2020-07-05T14:52:36","date_gmt":"2020-07-05T14:52:36","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=4118"},"modified":"2020-07-05T14:52:55","modified_gmt":"2020-07-05T14:52:55","slug":"4118-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/4118-2\/","title":{"rendered":"WARTEN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>TANZ DER VIREN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Mai<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bahnhofsvorplatz Oberschleissheim. Im kleinen Park sitzt auf der Gitterbank neben dem Papierkorb die alte Frau Wei\u00dfgerber. Neben sich hat sie die rostige Einkaufskarre gestellt, auf die mit einem Expanderband eine Kiste geschnallt ist. In der Kiste neun leere Flaschen. Frau Wei\u00dfgerber wird sie zum Getr\u00e4nkemarkt bringen und neues Bier besorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat Zeit. Sie hat viel Zeit. Erstmal macht sie hier Pause.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein betriebsamer Montagvormittag. Lebhafter Verkehr, Busse und Bahnen fahren nach Plan. \u00dcber den Platz trippelt ein \u00e4lterer Chinese mit einer T\u00fcte aus der Tierhandlung. Ein Mann, mit Kr\u00fccken unterm Arm, humpelt zu den Gleisen. Ihm kommt ein M\u00e4dchen mit gr\u00fcnen Haaren entgegen, sie hat ein Red Bull in der Hand. Einer, der im Supermarkt war, bleibt unvermittelt stehen, lacht und sagt \u201eMei, hab\u2018 ich ganz vergessn\u201c, dann zieht er sich die Schutzmaske vom Gesicht. Hinter ihm stehen sie vor dem Friseur Schlange \u2013 der hat nach langer Zeit wieder offen und ist f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage ausgebucht; wer sich die Haare schneiden lassen will, muss sich vorher die H\u00e4nde sauber machen, dann wird ihm der Kopf gewaschen, Rasieren und Sonderw\u00fcnsche sind nicht drin.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Wei\u00dfgerber ist sauber und arm. Helle Softshelljacke aus Polyester, rostbraune Bundfaltenhose im Cropped Schnitt mit Elasthananteil, Herrenslipper. Graue Haare, mittig nach hinten gescheitelt. Kein Makeup. Auf dem Scho\u00df eine Einkaufstasche mit dem Logo des Krankengymnasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sitzt sehr ruhig da, nur die Augen wandern st\u00e4ndig und kontrollieren die Umgebung. Manchmal dreht Frau Wei\u00dfgerber den Kopf, langsam und vorsichtig. In ihrem Gesicht ansonsten keine Regung. Sie ist eine Frau, die dauernd Schmerzen aushalten muss, sich das aber nicht anmerken l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lippen sind Striche. Der Mund hat sich das Reden und das Lachen abgew\u00f6hnt. Frau Wei\u00dfgerber muss nicht mehr sprechen. Der Mann ist vor zehn Jahren gestorben, mit den Kindern hat sie keinen Kontakt mehr. Jetzt sind auch noch die Nachbarn in der Isolation, beim Krankengymnast war sie schon lange nicht mehr, jetzt ist es ganz still geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wird das Pfand bekommen, frisches Bier kaufen, wieder nach Hause schlurfen. Das wird ziemlich anstrengend sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird Frau Wei\u00dfgerber die Jacke an die Garderobe h\u00e4ngen, in die Pantinen schliefen, den Fernsehapparat einschalten und sich hinsetzen. Um vier gibt es das erste Bier, drei schafft sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbermorgen muss sie wieder auf Tour.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber noch sitzt sie an diesem Montagvormittag vor dem Bahnhof und sieht dem M\u00e4dchen mit den gr\u00fcnen Haaren zu, das Red Bull trinkt und sich hernach eine Zigarette anz\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand wird erkennen, was Frau Wei\u00dfgerber denkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur ihr rechter Fu\u00df wird wippen. Immer ein kleines bisschen, unabl\u00e4ssig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wenigstens ist am Leben geblieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TANZ DER VIREN 4. Mai Bahnhofsvorplatz Oberschleissheim. Im kleinen Park sitzt auf der Gitterbank neben dem Papierkorb die alte Frau Wei\u00dfgerber. 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