{"id":402,"date":"2015-01-27T10:48:34","date_gmt":"2015-01-27T10:48:34","guid":{"rendered":"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=402"},"modified":"2015-01-27T10:49:29","modified_gmt":"2015-01-27T10:49:29","slug":"die-kotzbrocken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/die-kotzbrocken\/","title":{"rendered":"DIE KOTZBROCKEN"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>tv-deutschland, irgendein wohnzimmer, 27. Januar 2015<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Mittags schreien sich \u201eDarsteller\u201c vor einem virtuellen Gericht derma\u00dfen an, dass man danach Beleidigungsklagen im Dutzend durchpauken k\u00f6nnte. Um drei Uhr beginnen M\u00e4nner in blauen Steppanoraks, im Krimskrams fremder Menschen zu w\u00fchlen. Nach zwei Stunden sind die \u201eTr\u00f6dler\u201c fertig &#8211; und werden von der Million\u00e4rsfamilie Geiss abgel\u00f6st, die sich zum Ziel gemacht hat, alle guten Manieren mit Ihrem Geld zuzuschei\u00dfen. Und abends hat dann noch der Walter Freiwald im \u201eDschungelcamp\u201c seinen n\u00e4chsten schamlosen Auftritt. Perfekt: so wird der Fernseh-M\u00fcll den Zuschauern in die Stuben gekippt.<\/strong><\/p>\n<p>Sara Kulka ist eine blonde junge Frau, die es aus dem s\u00e4chsischen Taucha bis in den Playboy geschafft hat. Auch im \u201eDschungelcamp\u201c hatte sie meistens nicht viel an \u2013 aber das half nicht. Sie schied im Wettbewerb um den hartn\u00e4ckigsten Sitzenbleiber fr\u00fchzeitig aus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_405\" aria-describedby=\"caption-attachment-405\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Scan-150121-0010-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-405 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Scan-150121-0010-2-200x300.jpg\" alt=\"Scan-150121-0010-2\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Scan-150121-0010-2-200x300.jpg 200w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Scan-150121-0010-2-600x902.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Scan-150121-0010-2.jpg 652w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-405\" class=\"wp-caption-text\">Ich bin so frei &#8211; und geb&#8217; dann mal das Ekel. FOTOS\/digitales: BARBARA VOLKMER<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach machte sie auf Philosophin. \u201eH\u00e4tten wir was studiert, dann s\u00e4\u00dfen wir jetzt hinter der Kamera und w\u00fcrden Schokoriegel und Cola essen. W\u00e4re ich ein Held, w\u00e4re ich nicht im Dschungel gelandet.&#8221; Sie herzte ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten, lie\u00df sich in die Zivilisation chauffieren und legte noch eins drauf. Da gebe es doch keinen Zweifel, sagte sie \u2013 \u201eich bin nun mal Trash-TV.&#8221;<\/p>\n<p>Wo sie Recht hat, hat sie Recht.<\/p>\n<p>Frau Kulka ist eine aus der gro\u00dfen Statisten-Schar, die das Fernsehen der H\u00e4me und niederen Triebe erst m\u00f6glich macht. Was die Macher brauchen, sind Dreck, schlichter Sex und Ungl\u00fcck. Die heile Welt sollen ruhig Rosamunde Pilcher und der \u201eTraumschiff\u201c-Rademann bedienen. Im \u201eDschungelcamp\u201c, vor Richter Alexander Hold oder bei den \u201eGeissens\u201c ist guter Umgangston verp\u00f6nt. Harmonie killt die Quote.<\/p>\n<p>Million\u00e4r Geiss geht mit seinem Hund zuvorkommender um als mit dem Gesinde auf der Yacht \u2013 und wenn Frau Geiss nicht spurt, l\u00e4sst er sie schnell mal sp\u00fcren, dass sie \u2018ne Tussi ist (also, im Grunde genommen, nix zu sagen hat).<\/p>\n<figure id=\"attachment_406\" aria-describedby=\"caption-attachment-406\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Barbara-Ellen-Volkmer-00228637-HighRes.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-406 size-medium\" src=\"http:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Barbara-Ellen-Volkmer-00228637-HighRes-300x278.jpg\" alt=\"Barbara-Ellen-Volkmer-00228637-HighRes\" width=\"300\" height=\"278\" srcset=\"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Barbara-Ellen-Volkmer-00228637-HighRes-300x278.jpg 300w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Barbara-Ellen-Volkmer-00228637-HighRes-600x556.jpg 600w, https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Barbara-Ellen-Volkmer-00228637-HighRes.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-406\" class=\"wp-caption-text\">Das Kamel geht nicht durchs \u00d6hr\/und Geissens fall&#8217;n Manieren schwer<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor den Fernseh-Gerichten rasten die Beklagten und die Zeugen regelm\u00e4\u00dfig aus und verlegen den Sitzungssaal schlichterhand in die Gosse. Hilflos sitzen Herr Hold und Frau Salesch (das sind gelernte Richter) der P\u00f6bel-Orgie vor.<\/p>\n<p>Herr Freiwald ist ein Born der Bosheit. Der Mann hat sich vorgenommen, zum Ekel der Nation zu werden \u2013 also arbeitet er dran. Sagt Dinge wie:<\/p>\n<p>&#8220;Die geht mir auf die Eier &#8211; aber voll. So viel Doofheit auf einem Haufen. Die glaubt, die ist die Gr\u00f6\u00dfte, und hat nichts im Kopf.\u201c<\/p>\n<p>Oder:<\/p>\n<p>&#8220;Wenn die mich anpinkeln, dann pinkel ich zur\u00fcck. Und fertig, aus. Das ist doch das Spiel &#8211; sich anzupissen.&#8221;<\/p>\n<p>Ja, Walter Freiwald hat die Regeln des Spiels begriffen. Er versucht erst gar nicht, als netter Mensch zu punkten. Er ist, wie er ist: j\u00e4hzornig, unberechenbar, verbittert, b\u00f6sartig.<\/p>\n<p>Er ist ein Kotzbrocken. Ungesch\u00f6nt.<\/p>\n<p>Viel abgefeimter treiben es da drei weitere Stars des Trash-TV. Sie geh\u00f6ren zum so genannten \u201eTr\u00f6del-Trupp\u201c und haben sich klammheimlich zu Stars der Szene hoch geschuftet.<\/p>\n<p>Das Prinzip ist simpel: Ein Tr\u00f6del-Experte r\u00fcckt mit Team bei einer vom Schicksal gebeutelten Familie an. Dort findet er Krankheit, Sterben, Erben, Hartz IV, Hoffnungslosigkeit vor \u2013 und einen Haufen Sachen, mit denen die Menschen nicht mehr klar kommen.<\/p>\n<p>Der Experte inspiziert Scheunen und Garagen und Keller. Er entdeckt M\u00fcll, der in Containern entsorgt wird, Tr\u00f6del, der auf Flohm\u00e4rkten verramscht wird \u2013 und manchmal st\u00f6\u00dft er auf Sch\u00e4tze, deren Verkauf wieder eine Ordnung in das Leben der Ungl\u00fccks-Menschen bringen soll.<\/p>\n<p>\u201eUnter den Bergen von Tr\u00f6del liegt das Schicksal der Menschen\u201c, sagt Mauro Corradino, einer aus dem Trupp. Er hat in K\u00f6ln einen Antiquit\u00e4tenladen und kennt sich mit alten Dingen aus. Er wei\u00df aus seiner Erfahrung, dass es schwer ist, Dinge wegzugeben, die einen ein Leben lang begleitet haben. \u201eOft verlangen die Leute dann auch viel zu viel daf\u00fcr.\u201c<\/p>\n<p>Kollege Otto Schulte grinst wie ein Lausejunge und erkl\u00e4rt, mithilfe von RTL k\u00f6nne er sich jetzt einen Traum erf\u00fcllen: \u201eSchon als Teenager habe ich mein Taschengeld aufgebessert, indem ich alles, was der elterliche Keller hergab, auf Tr\u00f6delm\u00e4rkten verkaufte. Sp\u00e4ter, in meiner Zeit als Altenpfleger, fand ich es besonders spannend, was mit den Haushalten passiert, wenn die Menschen ins Heim mussten oder gestorben sind. Ich war fasziniert von den Lebensgeschichten, die in diesen H\u00e4usern nachzuvollziehen waren und den Entdeckungen, die man dort machen konnte. So bin ich nach und nach in die Branche reingerutscht.\u201c<\/p>\n<p>Und S\u00fckr\u00fc Pehlivan, Vater von zwei Kindern und erster Ebay-Agent in Deutschland, erkl\u00e4rt: \u201eWir sind keine Schauspieler, wir sind Menschen, die bei der Arbeit gefilmt werden.\u201c<\/p>\n<p>Die Zuschauer m\u00f6gen die drei Kerle, die etwas Verschlagenes und etwas Verschmitztes haben. Ihnen wird nachgesehen, dass ein Teil ihres Jobs das H\u00fctchen-Spielen ist. Der \u201eTr\u00f6del-Trupp\u201c juckelt von einem Notfall zum n\u00e4chsten und schreibt eine wunderbare Erfolgsgeschichte nach der anderen.<\/p>\n<p>Die Tr\u00f6dler l\u00e4cheln viel und verstehen sich aufs Handeln. Sie werden von der Lokalpresse hofiert und erscheinen den Tr\u00f6del-Familien wie Gottgesandte. Die besuchten Frauen und M\u00e4nner weinen oft und sind sehr hilflos. Zum Schluss jeder Folge gibt es ein Schmerzensgeld, und ein Tr\u00f6dler konstatiert: \u201eNa, da haben wir ja ganz sch\u00f6n helfen k\u00f6nnen. Jetzt ist alles bereit f\u00fcr einen Neuanfang.\u201c<\/p>\n<p>Echt?<\/p>\n<p>Nix ist in Ordnung. Das Fernsehen war eine knappe Woche da und hat das vertr\u00f6delte Leben von Menschen ausgeschlachtet, die sowieso schon am Boden waren.<\/p>\n<p>Nun ist der letzte Flohmarkt zu Ende, der l\u00e4chelnde Tr\u00f6dler umarmt seine Opfer und geht breitbeinig weg.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck bleiben \u00dcberforderte. Naja, die k\u00f6nnen ja ein bisschen fernsehen. Denn es geht immer noch ein bisschen schlimmer.<\/p>\n<p>Frag\u2018 nach bei Freiwald!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong><em>Morgen: \u201e\u00c4hh \u2013 aggressiv, der Schnee!\u201c Von der Sprachlosigkeit im TV<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>tv-deutschland, irgendein wohnzimmer, 27. Januar 2015 Mittags schreien sich \u201eDarsteller\u201c vor einem virtuellen Gericht derma\u00dfen an, dass man danach Beleidigungsklagen im Dutzend durchpauken k\u00f6nnte. 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