{"id":3948,"date":"2020-05-02T14:36:31","date_gmt":"2020-05-02T14:36:31","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3948"},"modified":"2020-05-04T13:41:37","modified_gmt":"2020-05-04T13:41:37","slug":"scheis-kinasn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/scheis-kinasn\/","title":{"rendered":"SCHEISS-KIN\u00c4SN"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ENDSPIEL 18    <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alois blinzelt in die Sonne, die mittlerweile \u00fcberm Hilton steht. Zeit, f\u00fcr\nheute den Laden zu schlie\u00dfen. Er verstaut den Stift, trinkt den restlichen\nWein, wirft die Flasche mit Schwung in die Isar, sieht ihr beim Davontreiben\nund Untergehen zu. Anschlie\u00dfend lehnt er sich zur\u00fcck und liest das Geschriebene\ndurch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hohenleitner ist recht zufrieden mit sich. Er hat die Geschichten so erz\u00e4hlt,\nwie sich wohl zugetragen haben. Er selbst findet jedenfalls keine groben\nUnwahrheiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eL\u00fcgen brauch\u2018 ich nicht mehr\u201c, sagt er. Das hat er sich so angew\u00f6hnt: Wenn\ner angeschickert ist und ihm etwas Wesentliches durch den Kopf geht, spricht er\nes aus. Dass er damit manchmal etwas wunderlich wirkt, juckt ihn nicht. Darauf\nkommt es nun auch nicht mehr an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er klappt &nbsp;den Block zu, wickelt ihn\nsorgsam in eine Plastikt\u00fcte. Er muss sich etwas einfallen lassen, damit ihm das\nBuch nicht zerfleddert. Fr\u00fcher hat er es kommod gehabt \u2013 alle Notizen kamen in\neine Moleskin-Kladde; die war unverw\u00fcstlich. Jetzt muss er sich wegen der Verg\u00e4nglichkeit\neines Blocks Gedanken machen. So weit ist es gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ja, ihm wird schon was einfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die T\u00fcte ist gepackt, Alois macht sich auf den Weg. Er klimmt zum Uferweg\nhinauf, marschiert flussaufw\u00e4rts. Jetzt k\u00f6nnte er \u00fcber die Br\u00fccke nach\nSchwabing wechseln, dann w\u00e4re er in einer Viertelstunde bei den Freunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er bleibt stehen, h\u00f6rt dem Rauschen des Verkehrs auf dem Ring zu und\nsinniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Freunde werden ein wenig entt\u00e4uscht sein, wenn er mit leeren H\u00e4nden\nankommt. Er hat noch zwei Flaschen Bier, aber die werden in den n\u00e4chsten\nMinuten verdunsten. Hohenleitner hat m\u00e4chtig Durst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er k\u00f6nnte nat\u00fcrlich das Bier gem\u00fctlich auf einer Bank in dem kleinen Park\ntrinken, in dem er gern mit den Frauen beim Piccolo gesessen hat, damals in\nseiner besseren Bogenhausener Zeit. Und dann \u2013 er hat ja noch Barschaften \u2013\nw\u00fcrde er beim Rewe\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So macht er es. Zufrieden hockt er in der Nachmittagssonne und nimmt ein\nFeierabend-Bier. Danach geht es in den Supermarkt, Hohenleitner kauft \u2013 er hat\nsich dazu wieder das obligatorische Tuch um Mund und Nase gebunden &#8211; f\u00fcr die\nFreunde und sich und den Abend ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Gesch\u00e4ft l\u00e4dt eine alte Dame ihre Eink\u00e4ufe in einen antiken Benz.\nSie hat wei\u00dflila gef\u00e4rbte, vom Spray gl\u00e4nzende Haare, tr\u00e4gt eine teure\nSteppjacke und einen Rock mit Schottenkaro-Muster. Zornige Bewegungen hat sie,\nmit denen sie die T\u00fcten in den Kofferraum stopft und die Bierkiste vom\nEinkaufswagen zu den T\u00fcten heben will. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie ist eine zierliche aparte Frau, aber eben w\u00fctend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarten\u2019S, ich helf\u2018 Ihnen\u201c, sagt der Alois, stellt seine T\u00fcte ab und packt\ndie Kiste in den Kofferraum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDes is aber nett vo Eahna.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGerne. Immer wieder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie l\u00e4chelt. Zieht die Maske von den Ohren, zupft ein elegantes Taschentuch\naus der Jackentasche und tupft sich das Gesicht ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs ist a Kreiz mit dene Maskn. I schwitz, dass ma ganz anders wead. I hoit\ndes nimma aus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch verstehe Sie gut, gn\u00e4dige Frau.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHom\u2019S aa eikaaft?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa, ein bisserl was f\u00fcr den Abend.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGehen\u2019S zua, da ham\u2019S an Euro. Weil\u2019S so nett warn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eVielen Dank, Gn\u00e4digste, das nehme ich nicht an. Aber nochmal: Vielen Dank,\nsehr freundlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa, wos denn? Nachad machmas anders: Nemmas doch drei Flaschl Bier. Mei Mo\nbraucht net so vui, der is eh krank.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa, wenn Sie erlauben, dann bin ich so frei.\u201c Und so wandern noch drei Bier\nf\u00fcr die Bank, den R\u00fcckweg und gegen die Dehydration in Alois\u2018 Ikea-Tasche. Er\nfreut sich narrisch. Die Dame sieht es und ist gleicherma\u00dfen vergn\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man verabschiedet sich in aller Form. Man wendet sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da stoppt die Lady und sagt, sehr nachdr\u00fccklich und sehr laut:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchei\u00df-Kin\u00e4sn, verreckte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Passantin bleibt stehen und ist verdutzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hohenleitner grinst und \u00fcbersetzt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Gn\u00e4digste hat nur ihren Unmut \u00fcber Chinas Machtpolitik zum Ausdruck\ngebracht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Achja. Die Passantin geht weiter. Die \u00e4ltere Dame nickt zufrieden und steigt\nin ihren Benz. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alois tapert, beladen wie ein Sherpa, in den Englischen Garten, arbeitet sich zum Seehaus voran, quert den Ring. Dann ist er gleich bei den Freunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war ein guter Tag. Der Abend kann kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ENDSPIEL 18 Alois blinzelt in die Sonne, die mittlerweile \u00fcberm Hilton steht. Zeit, f\u00fcr heute den Laden zu schlie\u00dfen. Er verstaut den Stift, trinkt den restlichen Wein, wirft die Flasche mit Schwung in die Isar, sieht ihr beim Davontreiben und Untergehen zu. Anschlie\u00dfend lehnt er sich zur\u00fcck und liest das Geschriebene durch. 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