{"id":3940,"date":"2020-04-25T19:34:00","date_gmt":"2020-04-25T19:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3940"},"modified":"2020-05-03T10:18:21","modified_gmt":"2020-05-03T10:18:21","slug":"ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/ich\/","title":{"rendered":"ICH?"},"content":{"rendered":"\n<p>ENDSPIEL 16   <\/p>\n\n\n\n<p>NAME: Alois Hohenleitner.<\/p>\n\n\n\n<p>ALTER: im ersten Leben 53, im zweiten vier Jahre. Die Jahre aus dem zweiten\nLeben z\u00e4hlen doppelt. Mindestens.<\/p>\n\n\n\n<p>GR\u00d6SSE: Klein; fr\u00fcher habe ich die Spitzen der 2,13-Meter-Rennskier mit\nausgestreckten Armen greifen k\u00f6nnen, f\u00fcrs Fu\u00dfballtor hat es nicht gelangt. <\/p>\n\n\n\n<p>GESUNDHEIT: S\u00e4ufer, der den Alkohol nicht mehr vertr\u00e4gt. Zwei Z\u00e4hne fehlen,\nlinks oben und rechts unten, weiter hinten sind die L\u00fccken, man sieht es nur\nbeim Lachen. D\u00fcnn, mit einer Wampe vom Bier. Finger kr\u00fcmmen sich nach innen.\nManchmal Blut an der Schei\u00dfe. Beim Pieseln tue ich mich hart. Ansonsten\npumperlgesund.<\/p>\n\n\n\n<p>SONSTIGES: Kein Verm\u00f6gen. 23 Euro Bares. Keine Adresse. Single, geschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bin ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme aus Oberammergau. Das ist ein Gl\u00fcck, wenn einer sagen kann, er\nkomme aus Oberammergau. Er geh\u00f6rt zu den 5000 Gl\u00fccklichen, die weltber\u00fchmt\nsind, angeblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Oberammergau liegt am n\u00f6rdlichen Rand der Alpen. Noch ein freundlicher Gebirgszug,\nund man hat das Gebirge hinter sich. Die Berge haben keine rechten Gipfel mehr\nsondern Kuppen, die hei\u00dfen Vorderes, Mittleres und Hinteres H\u00f6rnle. Es gibt zum\nOsten hin den Laber, der ist ein wenig schroffer, mit Felsen und Alpen-Gef\u00fchl.\nEs gibt die Ammergauer und den Kofel, der wie ein plumper Phallus \u00fcberm Dorf\nsteht. Nach Westen weitet sich das Tal, hinter Unterammergau geht es gem\u00e4chlich\nins Allg\u00e4u.<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlechte Wetter kommt oft aus dem Westen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6ne Wetter kommt von innen und oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann flirrt das Tal. Im Schnee, in der Sommerhitze, wenn das Laub bunt ist, wenn die Krokusse aus den Wiesen spitzen. Dann m\u00f6chtest Du den Janker ausziehen und hemds\u00e4rmlig vor einem Heuschober am Aufacker sitzen. Die Sonne hat die alten grauen Latten der H\u00fctte aufgew\u00e4rmt, sie greift Dir ins Gesicht, dass es bizzelt und Du die Augen geschlossen hast. Das Tal summt, Du bist der Mittelpunkt der Erde, sterblich bist auch nicht. Fehlt nur noch ein Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann Oberammergau sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem bist Du ein Teil der Passion.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Alois Hohenleitner, war wichtig, als ich jung war. Mit vier stand ich\nzum ersten Mal auf der B\u00fchne, mit 24 war ich der Johannes.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes ist fast noch mehr als Jesus. Seine Mutter und Maria sind verwandt\ngewesen. Jesus hat seinen Schwippschwager sehr geliebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim letzten Abendmahl lehnte er an der Brust des Herrn, er war bei Jesu\nVerkl\u00e4rung am Berg Tabor dabei, begleitete Jesus auf den \u00d6lberg und ging mit\nihm bis zum Kreuz, wo ihm Jesus seine Mutter als Mutter f\u00fcr uns alle schenkte: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls Jesus seine Mutter sah und bei ihr den J\u00fcnger, den er liebte, sagte er\nzu seiner Mutter: Frau siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem J\u00fcnger: Siehe,\ndeine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der J\u00fcnger zu sich.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>So steht es in der Schrift. So hatten wir Oberammergauer Buben es gewusst,\nimmer. Wer etwas werden wollte bei der Passion, hat auf die Rolle des Jesus\ngespitzt. Den Petrus hat ein Alter gespielt, den Judas ein Depp, die Maria war\neine Frau. Aber der Johannes! Der war sch\u00f6n, hatte wallendes Haar, war das\nLiebkind vom Gekreuzigten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn die Vorstellung aus war, das war so gegen f\u00fcnf -, hat der Johannes\ndas lange Gewand gegen die Jeans und das T-Shirt vertauscht und ist mit\nwallendem Haar den jungen Zuschauerinnen nachgestiegen. Die haben gar nicht\nNein sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist es jedenfalls bei mir gewesen. Sie haben mich zum J\u00fcnger Jesu\ngemacht, und ich hatte einen Aufriss nach dem anderen. Eine sch\u00f6ne Zeit war\ndas.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht dass ich die Passion f\u00fcrs Anbandeln gebraucht h\u00e4tte. Ich habe saugut\nausgesehen, war ein sportlicher Typ und habe von Anfang an gesp\u00fcrt, dass man\ndie Weiberleute am besten mit Lachen herum kriegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Die Passion, als ich 24 war, hat mir getaugt. Die Madl kamen aus allen Kontinenten. Sie haben sich gehen lassen, weil jede wusste, dass das ein, zwei Tage dauern w\u00fcrde. Dann waren sie weg, zur\u00fcck in ihrem Kontinent, und hatten die sch\u00f6ne Erinnerung, dass sie das Lager einmal mit einem Apostel geteilt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Das V\u00f6geln war ohne Probleme, es gab keine Hemmungen, man hat nicht\nlange drum herum geredet, ein Danach gab es nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Super war das.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich komme ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Alois muss trinken. <em>Ich komme ab <\/em>&#8211;\nwas soll das hei\u00dfen? Er wei\u00df ja gar nicht, wohin er will.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweiter Versuch.<\/p>\n\n\n\n<p>NAME: Alois Hohenleitner<\/p>\n\n\n\n<p>ALTER: 24<\/p>\n\n\n\n<p>BERUF: Schauspieler (letztes Engagement: der Apostel Johannes bei der\nOberammergauer \u201ePassion\u201c) und Holzschnitzer. Die Karriere als Skirennl\u00e4ufer\nmusste Hohenleitner nach einem Sturz vor drei Jahren beenden. <\/p>\n\n\n\n<p>SONSTIGES: Hohenleitner war kurz mit der Maria\u201c der Passionsspiele verlobt.\nDie \u201eBild\u201c hat exklusiv \u00fcber die Trennung (Johannes und Maria: das\nLiebes-Aus!\u201c) berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Skifahren: Das war die gr\u00f6\u00dfte Leidenschaft \u2013 da konnte keine Passion mithalten. Die Mutter hat mich angejunkt, sie hat mich auf die Skier gestellt, als ich gerade mal zwei war. Der Opa hat \u00fcbernommen. Er war ein furchtloser Mann. Und er hat Angst bei mir nicht akzeptiert. Einmal, da war ich f\u00fcnf, habe ich mir im faulen Schnee sehr weh getan. Rechter Arm. Der Opa hat mir den Stock aus der Hand genommen, und wir sind den Rest des Nachmittags einarmig gefahren. Danach hat mich die Mutter zum Doktor Kreuzer gebracht. Der war genauso alt wie der Opa und genauso z\u00e4h. Er hat nach dem R\u00f6ntgen gesagt, dass der Arm gebrochen sei und gegipst werden m\u00fcsse. Am n\u00e4chsten Tag waren wir wieder beim Skifahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Rennen habe ich mit sechs gefahren. Von da an war ich im Winter\nfast an jedem Wochenende am Start. Meistens fuhr ich von einer \u201eWanne\u201c zur\nn\u00e4chsten; ich hatte hohe Startnummern, und die Kinder vor mir hatten die Spur\nin einer Bobbahn verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es st\u00f6rte nicht. Ich kam unten an, und mit der Zeit wurden die Startnummern niedriger.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil ich furchtlos war wie der Opa, bin ich auch schnell gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Halbw\u00fcchsiger begann ich Rennen zu gewinnen. Mit 16 durfte ich zum ersten\nMal bei den erwachsenen M\u00e4nnern mitmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war stark, verwegen. Wurde ein Abfahrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine eigene Welt gewesen. Man nannte uns die Wilden, die Hirnverbrannten, die Crazymen. Wir hatten Skier, die so lang waren wie Hausbohlen, und Helme, mit denen wir aussahen wie Formel-Eins-Helden. Wir bremsten nicht. Wenn einer st\u00fcrzte, lachte man, er rappelte sich auf und probierte es noch einmal. Bei den Rennen st\u00fcrzte immer wieder einer schlimm. Einer gewann, und die Anderen waren irgendwie erleichtert und stolz. Abends nach den Rennen soffen wir wie die Eishockeyspieler.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00e4tte immer so weiter gehen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann war ich mit einer Freundin unterwegs. Ich zeigte die Piste hinunter und sagte, da sei noch nir einer Schuss gefahren. Die Freundin nickte, das k\u00f6nne sie verstehen, nur ein Selbstm\u00f6rder w\u00fcrde das versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein sehr steiler Hang, sehr bucklig die Piste, am Ende verschwand die Schneise im rechten Winkel im Wald.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Dann bin ich der Erste.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesto\u00dfen. Fahrt aufgenommen. Schon bald im Kampf ums Stehenbleiben. Ganz links in der Anfahrt auf die Kurve. Ich war zu schnell, konnte die Unebenheiten nicht mehr abfedern, ich w\u00fcrde die Kurve nicht kriegen, es trug mich nach rechts, noch versuchte ich auf den Skiern zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hob ich ab. Flug in den Wald. H\u00e4nde und Arme vor dem Kopf. Flug ohne Kontrolle. Mit einer Schulter gegen einen Baum, mit der anderen Schulter gegen einen anderen Baum. Mit dem Oberschenkel frontal gegen eine Fichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann lag ich da.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freundin musste ins Tal, die M\u00e4nner von der Bergwacht kamen eine Ewigkeit sp\u00e4ter, da war ich wohl mehrmals ohnm\u00e4chtig gewesen. Im Krankenhaus behandelten sie ein gebrochenes Bein, eine kaputte Schulter, zertr\u00fcmmerte Knie und Kleinigkeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Das war&#8217;s dann mit Leistungssport. So blieben das Holzschnitzen und das Passions-Spielen, das Saufen und das V\u00f6geln.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch nicht \u00fcbel.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ENDSPIEL 16 NAME: Alois Hohenleitner. ALTER: im ersten Leben 53, im zweiten vier Jahre. Die Jahre aus dem zweiten Leben z\u00e4hlen doppelt. Mindestens. GR\u00d6SSE: Klein; fr\u00fcher habe ich die Spitzen der 2,13-Meter-Rennskier mit ausgestreckten Armen greifen k\u00f6nnen, f\u00fcrs Fu\u00dfballtor hat es nicht gelangt. GESUNDHEIT: S\u00e4ufer, der den Alkohol nicht mehr vertr\u00e4gt. 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