{"id":3935,"date":"2020-04-20T11:52:02","date_gmt":"2020-04-20T11:52:02","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3935"},"modified":"2020-04-20T11:54:54","modified_gmt":"2020-04-20T11:54:54","slug":"und-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/und-2\/","title":{"rendered":"UND?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ENDZEIT 15<\/strong>    Ein guter Stift. Satter schwarzer Strich, das Schreiben geht weich von der Hand. Ein wenig ungewohnt ist es, Hohenleitner hat in den letzten zwei &#8211; nein, es waren drei \u2013 Jahren au\u00dfer ein paar gekrakelten Unterschriften und ein paar aus Langeweile gel\u00f6sten Kreuzwortr\u00e4tseln nicht mehr geschrieben. Es hat ihm immer einen Stich gegeben, wenn er Menschen sah, die etwas notierten, ausf\u00fcllten, aufs Papier fabulierten. Er war neidisch auf Leute mit B\u00fcchern. Einmal war der rechte B\u00fcgel seiner Billig-Brille abgebrochen, die Reparatur mit Draht half nicht. Ein halbes Jahr hatte er sich mit der halben Brille durchgeschlagen, dann reichte es ihm und er leistete sich eine neue \u2013 das war im Winter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach war es bergauf gegangen. Er hatte sich an den \u00f6ffentlichen B\u00fccherschr\u00e4nken am Nordbad, in der Au oder der Maxvorstadt bedient und sich das Lesen wieder beigebracht. Romane waren seine Favoriten. Ein paar Wochen trug er ein einb\u00e4ndiges Konversationslexikon mit sich herum, das er von der ersten bis zur achthundertvierzigsten Seite aufmerksam studierte. Er hatte sich mit \u201eMenschen im Hotel\u201c in ein Fr\u00fcher hinein getr\u00e4umt. Im Augenblick ist \u201eWarten auf die Aras\u201c sein treuer Begleiter. Das Buch hatte er \u2013 nahezu ungelesen \u2013 an der Schwanthalerh\u00f6he aufgest\u00f6bert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte den Band aus dem Regal gezogen, die ersten Seiten \u00fcberflogen \u2013 und eingepackt. Er hatte S\u00e4tze gelesen, die ihm etwas sagten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Dieses\nBuch handelt vom Aussterben. Es wurde im kalten Morgengrauen einer Zeit\ngeschrieben, die neuerdings als die sechste gro\u00dfe Welle des Massensterbens\nbezeichnet wird. \u2013 Alle zwei Wochen geht der Welt eine ganze Sprache verloren.\nMan rechnet damit, dass bis Mitte dieses Jahrhunderts die H\u00e4lfte der f\u00fcnftausend\nSprachen der Welt mit all ihren Liedern und Geschichten vergessen sein wird. \u2013\nEine dunkle Wolke der Gleichheit zieht \u00fcber der Welt auf. \u2013 Die einfache These\ndieses Buches lautet, dass alle Formen des Aussterbens miteinander\nzusammenh\u00e4ngen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alois hat begonnen zu lesen, er hat \u201eWarten auf die Aras\u201c in einer Woche zu\nEnde gebracht. Danach hat er es nicht in einen der B\u00fccherschr\u00e4nke zur\u00fcck\ngestellt. Aus Plastikt\u00fcten hat er einen Schutzumschlag gebastelt und das Buch\nzu seiner Habe gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es begleitet ihn auf all seinen G\u00e4ngen. Er liest so dies und das andere  \u2013 aber immer wieder kehrt er zu den \u201eAras\u201c zur\u00fcck und vertieft sich in die Lekt\u00fcre. Manche Passagen sind ihm so vertraut, dass er sie wohl auswendig kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und jetzt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt hockt er l\u00e4ssig auf einem Baumstamm an der Isar und denkt \u00fcber den\nersten Satz nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder soll er doch lieber erst den Titel machen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kann sich nicht entscheiden. Es ist wie damals, als er noch bildhauerte.\nOft ist es so gewesen, dass der Holzblock vor ihm wuchtete und er keine Ahnung\nhatte, was er draus machen wollte. Seine Kollegen waren da anders: Sie hatten\neine Vorstellung, ein Ziel einen Plan. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte nur das Gef\u00fchl, er m\u00fcsse etwas machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann hat er tagelang mit dem Werkzeug in der Hand vor dem Holz gestanden und keinen Handstreich gewagt. Er hat die Musik laut gemacht oder sich der Stille ausgesetzt. Alois hat getrunken und er ist ratlos auf die Berge gestiegen. Hat von oben ins Tal gesehen und sich vor dem Heimkommen gegruselt. Dann wollte die Frau Antworten von ihm, und in der Werkstatt lachte ihn der Holzklotz aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann \u2013 nie wusste er, wann das sein w\u00fcrde \u2013 war es soweit. Er hieb auf\nden Klotz ein. Er k\u00e4mpfte eine Form aus dem Holz. Seine anf\u00e4ngliche Wut wurde\nweniger. Das grobe Werkzeug legte er aus der Hand und arbeitete ruhig und\nunabl\u00e4ssig. Hohenleitner war jetzt allein mit sich und dem Werk, es wurde\ndeutlicher und klarer, die Frau brachte etwas zum Essen und Bier, es roch in\nder Werkstatt nach Schwei\u00df und Zigaretten und Alkohol und Holz, Alois h\u00f6rte nur\nnoch Musik von Johnny Cash.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis er fertig war. Dann brachte er das Werkzeug an seinen Platz. Er sammelte\nden Abfall in einer blauen T\u00fcte, die er zum M\u00fcll trug. Fegte die Werkstatt, die\nSp\u00e4ne kamen in den Ofen. Alois \u00f6ffnete alle Fenster \u2013 egal, ob es Winter war\noder sommerhei\u00df. Nach dem L\u00fcften fotografierte er das Werk, schloss die\nFenster, stellte den Besen ins Kammerl, verlie\u00df das Atelier, nahm ein Bad,\nsetzte sich zum Saufen in die K\u00fcche. Die Frau brachte ihm Zeitungen, in der\nHoffnung, das w\u00fcrde gegen den Absturz helfen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal schaffte er es ins Schlafzimmer, manchmal lie\u00df er einfach den Kopf\nauf den Tisch fallen. In den Wochen drauf war er zu nichts zu gebrauchen. Die\nFrau verkaufte das Werk meistens sehr schnell f\u00fcr sehr viel Geld, ihm war es\negal. Er wurde krank vom Alkohol \u2013 erst wenn er nicht mehr konnte, h\u00f6rte er mit\ndem Saufen auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entzug. Gesundes Leben. Ein neuer gro\u00dfer Holzklotz in der Werkstatt. Und eines Tages stand Alois Hohenleitner wieder vor dem Trumm und wusste nicht, was er damit anfangen w\u00fcrde. Aber das Werkzeug hatte er schon in der Hand. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann fing alles von vorn an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kennt es also, dieses Gef\u00fchl, dass er keine Ahnung hat, wie es weiter\ngehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun hockt er an der Isar und will ein Buch schreiben. Wor\u00fcber? Warum?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Titel macht er sp\u00e4ter. Er f\u00e4ngt jetzt einmal an. Wie beim Bildhauen: ohne\nR\u00fccksicht. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ENDZEIT 15 Ein guter Stift. Satter schwarzer Strich, das Schreiben geht weich von der Hand. Ein wenig ungewohnt ist es, Hohenleitner hat in den letzten zwei &#8211; nein, es waren drei \u2013 Jahren au\u00dfer ein paar gekrakelten Unterschriften und ein paar aus Langeweile gel\u00f6sten Kreuzwortr\u00e4tseln nicht mehr geschrieben. 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