{"id":3930,"date":"2020-04-19T12:18:37","date_gmt":"2020-04-19T12:18:37","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3930"},"modified":"2020-04-19T12:18:39","modified_gmt":"2020-04-19T12:18:39","slug":"neue-ufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/neue-ufer\/","title":{"rendered":"NEUE UFER"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>ENDZEIT 14<\/strong>    Er schafft es nicht bis zur \u201eTafel\u201c. Als Alois pfeifend unterm Chinesischen Turm steht, wird er von einem m\u00f6rderischen Durst heimgesucht. Er w\u00fcrde sich jetzt gerne eine Ma\u00df im Baumschatten leisten, aber der Biergarten ist mit rotwei\u00dfem Bandl abgesperrt wie ein Tatort. Alois k\u00fcmmert sich einen Schei\u00df ums Verbot, steigt \u00fcber die Liane und setzt sich auf eine\u00a0 Bank. Er muss nachdenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zur Reichenbachbr\u00fccke, das zieht sich bei der Hitze, da braucht er eine\nknappe Stunde. Dort k\u00f6nnte er sich, wenn er sich hinten anstellt in der langen\nReihe Durstiger, am Kiosk etwas zum Trinken kaufen, danach ist es nicht mehr\nweit zur \u201eTafel\u201c. Freilich, er w\u00fcrde bei der \u201eTafel\u201c schon wieder in der\nSchlange stehen und schon wieder Durst haben. Er m\u00fcsste sich zusammenrei\u00dfen \u2013\nund das wegen ein paar Bananen, einem Kopfsalat und Reis und Nudeln und\nvielleicht einem Mineralwasser.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Er k\u00f6nnte aber auch umdisponieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Er \u00fcberlegt, wo die n\u00e4chsten Tankstellen sind. In Schwabing. Am Ring. In\nSteinhausen. An einer U-Bahn irgendwo. Oder vielleicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, er wird nach Bogenhausen tippeln. Der Rewe am Kufsteiner Platz ist\nohnehin eine seiner Lieblingsadressen. Und der m\u00fcsste offen sein. Ist ja ein\nSupermarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Super.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam \u2013 nur das Herz nicht \u00fcberfordern \u2013 wandert Alois, mit wachsender\nVorfreude, ostw\u00e4rts. Er verl\u00e4sst den Englischen Garten, passiert die \u201eTaverna\ndel Sud\u201c (dort hat er in seiner besseren Zeiten die Damen gern parat gemacht,\ndas ging gut bei Ros\u00e9 und Tintenfisch). \u00dcber die Max-Joseph-Br\u00fccke bis zur\nAmpel am \u201eCatwalk\u201c (da hat er die Damen vor dem Flachlegen noch auf ein Glaserl\nWein eingeladen). Die Mauerkirchner Stra\u00dfe lang bis zu seiner Hausbank (ja,\ndamals hatte er eine Hausbank mit einem netten Angestellten, der ihn pers\u00f6nlich\nbetreut hat), nach links am Blumenladen vorbei (da hat er was Nettes gekauft,\nwenn es mit der Dame nach dem ersten Mal eine Wiederholung geben sollte und er\nsie sich gef\u00fcgig machen wollte, er ist ein spendabler Blumen-Galan gewesen). <\/p>\n\n\n\n<p>Alois betritt den Rewe. Obwohl im vergangenen Jahr renoviert worden ist,\nriecht es im Gesch\u00e4ft wieder wie zu der Zeit, als der Alois in der Pienzenauer\nein Penthouse hatte und beim Rewe seine Eink\u00e4ufe erledigte. Er l\u00e4sst die\nGem\u00fcse- und die Frischmilch-K\u00e4se-Sahne-Abteilung schnell hinter sich, zieht\nrasch an den Waschmitteln und am Tierfutter vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gilt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Bier oder Wein?<\/p>\n\n\n\n<p>Schwere Entscheidung. Alois entschlie\u00dft sich nach demokratischem Abw\u00e4gen f\u00fcr\nAugustiner und Roten aus S\u00fcdtirol. Er pr\u00fcft seine Barschaften, dann l\u00e4dt er den\nWagen voll.<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Bier, dazu zwei eiskalte \u201eElephants\u201c aus dem K\u00fchlregal. Zwei Liter\nEdelvernatsch. Dazu drei Semmeln, eine Packung Mail\u00e4nder Salami, einen Stift\nund ein Schulheft, kariert. Alois l\u00e4chelt froh, er hat eine Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Deswegen das Heft und der Kuli. Wegen der Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein guter Tag ist das. Als Alois den Laden verl\u00e4sst, ist er noch nicht\nv\u00f6llig abgebrannt. Zur Not k\u00f6nnte er noch Nachschub kaufen. Prima.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Alois \u2013 an dieser Stelle zollen wir ihm einmal den geb\u00fchrenden Respekt und\nbringen seinen Nachnamen ein, er nennt sich Hohenleitner \u2013 schnauft zufrieden,\nweil die Tasche schwer ist und klimpert. Er marschiert an der Isar entlang\nstadtausw\u00e4rts, unterquert nach einer \u201eElephants\u201c-Pause in dem kleinen Park den\nMittleren Ring. Nach einem halben Kilometer verl\u00e4sst er den Radweg und klettert\neinen schmalen Steig hinunter zum Ufer.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist ein Stammplatz von Alois Hohenleitner. Ein angeschwemmter Stamm\neiner alten Linde. Knochenbleich, ohne Rinde, glattgeschliffen vom Isarsand.\nDer Stamm hat sich fest ins Ufer vergraben, die ideale Sitzh\u00f6he hat er.<\/p>\n\n\n\n<p>Alois lehnt die Tragetasche an das Holz, trinkt ein schnelles \u201eElephants\u201c\ngegen den Durst, \u00f6ffnet eine Flasche S\u00fcdtiroler. H\u00e4tte er ein Glas, w\u00fcrde er es\nf\u00fcllen und gegen die Sonne halten. Der Edelvernatsch w\u00fcrde in warmem Rostrot\nschimmern, und der Trinker k\u00f6nnte zufrieden nicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gut, er hat kein Glas, also stellt sich Alois das Ritual vor. Er setzt\nan und trinkt aus der Flasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut. Nicht zu k\u00fchl, nicht zu lau. Volles Bouquet. Sonniger Alkohol. Bozen. Kaltern.\nTrient. Vinschgau. Urlaub. Losgel\u00f6st-Sein. Schinkenplatte. Kastelruther Spatzen.\nFrauen mit vollen Br\u00fcsten und H\u00e4nden, die Speckkn\u00f6del rollen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c0 propos Speck. Alois rei\u00dft die Salami-Packung auf, belegt eine Semmel\nreichlich, isst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Isar f\u00fchrt noch Schmelzwasser, es ist milchgr\u00fcn und wellt sich aus der\nStadt. Es rauscht und gurgelt. Die Sonne kommt schr\u00e4g aus S\u00fcden, steht hoch\nzwischen dem Hilton und dem Kufsteiner Platz. Keine Wolken, keine\nKondensstreifen (es gibt ja kaum noch Flieger), der Himmel ist metallicblau\npoliert. Ein bisschen ordin\u00e4r schmeckt die Salami schon, daf\u00fcr h\u00e4lt sich die\nSemmel dezent zur\u00fcck. Alois hat Hunger und Appetit, ihm ist warm, im Gesicht\nf\u00fchlt er den kommenden Sommer.<\/p>\n\n\n\n<p>Aaah!<\/p>\n\n\n\n<p>Er wird sich nicht schnell besaufen. Zelebrieren wird er den Tag. Es gibt zu\nfeiern, und das m\u00f6chte er genie\u00dfen. Die Flasche ist seine Freundin, freundlich besieht\ner das Etikett. Dann ritzt Alois mit dem Daumennagel \u2013 er sollte mal wieder zur\nManik\u00fcre \u2013 im Handkanten-Abstand Striche ins Etikett. Er wird in gesundem Takt\ntrinken \u2013 pro Schluck einen Strich. Dann kommt er mit den zwei Flaschen gut und\nheiter durch den Nachmittag. Das Augustiner ist f\u00fcr den R\u00fcckweg zu Sabine und\nErnst. <\/p>\n\n\n\n<p>(Und falls es doch aus dem Ruder laufen sollte, kann er immer noch zum Rewe)<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wird es Zeit f\u00fcr die Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann auf dem Stamm sucht sich eine bequeme Stellung \u2013 es gibt einen\narmdicken Ast, der schr\u00e4g aus dem Stamm stakt und an den man sich lehnen kann.\nAlois wickelt ein Handtuch \u2013 er sollte mal wieder seine Sachen waschen \u2013 um den\nAst und ruckelt sich zurecht. Zur Rechten hat er den Wein sicher abgestellt,\nauf dem Scho\u00df liegen Block und Stift.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo!\u201c sagt Alois Hohenleitner. \u201eJetzt geht es los.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt \u2013 wo alle die Krise haben \u2013 wird er sich einen Traum erf\u00fcllen. Er wird\nein Buch schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Salute!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein Graf hat mal klein angefangen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Prost!<\/em><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ENDZEIT 14 Er schafft es nicht bis zur \u201eTafel\u201c. Als Alois pfeifend unterm Chinesischen Turm steht, wird er von einem m\u00f6rderischen Durst heimgesucht. Er w\u00fcrde sich jetzt gerne eine Ma\u00df im Baumschatten leisten, aber der Biergarten ist mit rotwei\u00dfem Bandl abgesperrt wie ein Tatort. 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