{"id":3926,"date":"2020-04-15T13:48:19","date_gmt":"2020-04-15T13:48:19","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3926"},"modified":"2020-04-15T13:48:20","modified_gmt":"2020-04-15T13:48:20","slug":"die-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/die-krise\/","title":{"rendered":"DIE KRISE"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ENDZEIT 12<\/strong>   Ernst ist ein zupackender Mensch. Einsf\u00fcnfundachtzig gro\u00df, breite Schultern, dicke Arme. Der Alkohol hat ihn noch nicht klein gekriegt. Ernst ist viel in der Stadt unterwegs, tags\u00fcber trinkt er nicht, erst abends gibt es Bier. Manchmal Schnaps, manchmal Wein. Manchmal ein paar Halbe zum Einschlafen, manchmal, bis er umf\u00e4llt. Aber selbst wenn es ausartet, ist Ernst am n\u00e4chsten Morgen wieder am Start. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er behandelt Sabine ritterlich. Sie schaffen es sogar, ab und zu Sex zu\nhaben. Ansonsten besch\u00fctzt er seine Freundin. Sie braucht das. Zart ist sie,\nihre H\u00e4nde zittern leicht, einen trockenen Husten wird sie nicht mehr los. Sie\nist mal eine sch\u00f6ne Frau gewesen, mit langen seidigen&nbsp; dunklen Haaren und braunen Augen. Die Haare\nwerden jetzt grau, in den Augen ist Traurigkeit. Sabine hat viel Angst. Vor den\nnormalen Menschen und ihrer Verachtung. Vor den jungen Ausl\u00e4ndern. Vor M\u00e4nnern,\nwenn sie betrunken sind. Vor den Polizisten. Vor dem Krank-Werden und dem\nSterben. Jetzt, in diesen Tagen, wird Sabine schier irre vor Angst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gut, dass der Ernst sie besch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt, wo sie Besuch vom Alois haben, ist es nicht so schlimm mit der Angst.\nMan unterh\u00e4lt sich, wie man das auch fr\u00fcher getan hat. Man redet von fr\u00fcher,\nund das ist&nbsp; tr\u00f6stlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabine war mal mit Alois zusammen. Sie hatten Spa\u00df, aber verlassen konnte\nsie sich nicht auf Alois. Er war nicht der Typ, der sie vor ihrer Angst\nbesch\u00fctzen konnte. Es machte ihn hilflos, wenn sie zusammenbrach. Und wenn er\nhilflos war, soff er Schnaps. Und wenn er am Schnaps hing, kam er morgens nicht\nauf die Beine. Das war dann ein Teufelskreis, aus dem er nicht heraus kam, bis\nsie ihn ins Krankenhaus&nbsp; brachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Passiert alle zwei Monate. In der Klinik kennt man den Alois. Hilft ihm\nwieder auf die Beine \u2013 er ist ein freundlicher, stiller Patient \u2013 und entl\u00e4sst\nihn mit einem netten \u201eBis zum n\u00e4chsten Mal\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist besser geworden, seit Alois und Sabine nicht mehr zusammen sind. Sie\ngehen gut miteinander um. Ernst l\u00e4sst Wein rumgehen, immer wenn er an der Reihe\nist, brummt er als Trinkspruch \u201eAuf die Hygienevorschriften!\u201c, dann grinsen\nSabine und Alois.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erz\u00e4hlt vom munteren Treiben im Olympiapark. \u201eDie Leut\u2018 tun, als ob nix\nw\u00e4r. Nur ein paar Neger haben verr\u00fcckt gespielt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Naja, sagt der Ernst, f\u00fcr viele \u00e4ndert sich doch eigentlich nix. Das waren\nschon immer arme Schweine. Nur gewusst haben sie es nicht. Ob vielleicht einer\nmal Musik machen kann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabine dreht am Transistorradio. Ein Nachrichtensprecher erz\u00e4hlt etwas von\nder Ostansprache des Pr\u00e4sidenten, die man jetzt noch einmal senden werde. Die\nStimme des Pr\u00e4sidenten \u2013 ruhig, friedlich, v\u00e4terlich, ernst \u2013 ist zu h\u00f6ren. Der\nErnst meint, die Musik k\u00f6nne warten. Erstmal soll der Pr\u00e4sident was sagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Es\ntut weh, auf den Besuch bei den Eltern zu verzichten. Gro\u00dfeltern zerrei\u00dft es\ndas Herz, nicht wenigstens an Ostern die Enkel umarmen zu k\u00f6nnen. Und viel mehr\nnoch ist anders in diesem Jahr. Kein buntes Gewimmel in Parks und Stra\u00dfencaf\u00e9s.\nF\u00fcr viele von Ihnen nicht die lang ersehnte Urlaubsreise. F\u00fcr Gastwirte und\nHoteliers kein sonniger Start in die Saison. F\u00fcr die Gl\u00e4ubigen kein gemeinsames\nGebet. Und f\u00fcr uns alle die bohrende Ungewissheit: Wie wird es weitergehen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHa!\u201c, meint der Alois. \u201eDas h\u00e4ttet Ihr Euch auch nicht tr\u00e4umen lassen,\ngell? ,Bohrende Ungewissheit\u2018! So f\u00fchlt sich das an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Vielleicht\nhaben wir zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur\nschneller, h\u00f6her, weiter geht. Das war ein Irrtum.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWisst Ihr, wie das hei\u00dft. Ich hab das in der Schule gelernt. Eine Fallh\u00f6he\nist das. Sowas kann uns nicht mehr passieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Noch\nist die Gefahr nicht gebannt. Nein, die Welt danach wird eine andere sein. Wie\nsie wird? Das liegt an uns! Lernen wir doch aus den Erfahrungen, den guten wie\nden schlechten, die wir alle, jeden Tag, in dieser Krise machen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eH\u00f6rt Ihr\u2019s? Angst haben sie. Die haben so einen Schiss, dass es sie\nzerrei\u00dft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Wir\nstehen jetzt an einer Wegscheide. Entweder jeder f\u00fcr sich, Ellbogen raus,\nhamstern und die eigenen Sch\u00e4fchen ins Trockene bringen? Oder Hilfsbereitschaft?\nBleiben wir mit dem \u00e4lteren Nachbarn, dem wir beim Einkauf geholfen haben, in\nKontakt? Schenken wir der Kassiererin, dem Paketboten auch weiterhin die Wertsch\u00e4tzung,\ndie sie verdienen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie werden sich noch wundern! Glaubt Ihr, dass da eine Hilfsbereitschaft\nbleibt? Ein Schmarrn bleibt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabine und Ernst nicken. Sie suchen einen Musiksender.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Prost! Auf die Hygienvorschriften!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann f\u00e4llt dem Ernst ein wichtiger Gedanke ein. Man m\u00fcsse sich ja nun auf\neiniges gefasst machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie er das meine?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWenn die Krise vorbei ist, m\u00fcssen wir auf unser Sach\u2018 schauen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWeil da eine Menge Neue kommen werden. Die, die die Krise nicht schaffen,\nh\u00e4ngen sich auf, sterben auf Intensiv \u2013 oder sie landen bei uns. Dann kann es\neng werden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ENDZEIT 12 Ernst ist ein zupackender Mensch. Einsf\u00fcnfundachtzig gro\u00df, breite Schultern, dicke Arme. Der Alkohol hat ihn noch nicht klein gekriegt. Ernst ist viel in der Stadt unterwegs, tags\u00fcber trinkt er nicht, erst abends gibt es Bier. Manchmal Schnaps, manchmal Wein. Manchmal ein paar Halbe zum Einschlafen, manchmal, bis er umf\u00e4llt. Aber selbst wenn es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":665,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[929],"tags":[],"class_list":["post-3926","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-endzeit","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3926","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3926"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3926\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3927,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3926\/revisions\/3927"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media\/665"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3926"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3926"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3926"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}