{"id":3923,"date":"2020-04-14T16:15:17","date_gmt":"2020-04-14T16:15:17","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3923"},"modified":"2020-04-14T16:15:19","modified_gmt":"2020-04-14T16:15:19","slug":"nachtlager","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/nachtlager\/","title":{"rendered":"NACHTLAGER"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ENDZEIT 11<\/strong>    Die Sonne ist weg, die Flasche leer, der Olympiapark wird ungem\u00fctlich. Alois packt das Leergut ein, schultert die Ikea-Tasche und wandert vom Berg zur U-Bahn. Er sieht niemanden an, keiner registriert ihn. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ist ein gebeugter Mann mit schlurfenden Schritten. Die Laufschuhe werden es nicht mehr lange machen, die Hose wird durch den G\u00fcrtel am K\u00f6rper gehalten, der Parka riecht nach Alkoholiker-Schwei\u00df. Alois hat eine Matrosenm\u00fctze tief in die Stirn gezogen, seit Tagen hat er sich nicht rasiert, die Augen sind stumpf, mit geplatzten \u00c4derchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt, auf dem Weg zur U-Bahn, unterh\u00e4lt sich Alois mit sich selbst. Er nennt die Stationen, die er anfahren k\u00f6nnte. Marienplatz (da stehen die Chancen, von der Bullerei aufgegriffen zu werden, nicht schlecht, so w\u00fcrde er f\u00fcr die Nacht im Warmen eingekastelt). Kolumbusplatz (da ist die Pilgersheimer nicht weit; man k\u00f6nnte zumindest mal beim M\u00e4nnerwohnheim vobeischauen, ob was frei ist; die Chance ist wohl eins zu tausend). Garching (ungest\u00f6rter U-Bahnhof, relativ warm, selten Bullerei). Dietlindenstra\u00dfe (von dort sind es dreihundert Meter zur &#8220;Platte&#8221; am Mittleren Ring; da logiert Sabine). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Sabine findet Alois immer ein Platzerl. Obwohl er sonst nicht mehr bei ihr landen kann. Sabine ist neuerdings andersweitig vergeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ernst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um sieben Uhr abends kommen Ernst und Sabine auf dem  U-Bahn-L\u00fcftungsschacht am M\u00fcnchner Isarring zusammen. Sie haben ihre Wege in der Stadt abgeschlossen. Sabine hat sich aufs Containern spezialisiert &#8211; da schaut sie an den Feiertagen ganz sch\u00f6n in die R\u00f6hre. Ernst ist ein Meister der Jagd nach Flaschenpfand  \u2013 der Erl\u00f6s reicht locker f\u00fcr die Getr\u00e4nke einer fr\u00f6hlichen Nacht, und zu Ostern ist die Stadt voll mit Dosen und leeren Pullen. Die Leute d\u00fcrfen zwar nicht hinaus, wegen der Quarant\u00e4ne, aber trotzdem kommen sie in Massen aus den H\u00e4usern und saufen beim &#8220;Spazierengehen&#8221; die Brauereien reich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Das ist gut f\u00fcr die Leutl vom L\u00fcftungsschacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabine und Ernst checken, ob die Schlafs\u00e4cke und die Besitzt\u00fcmer unter den Plastikplanen komplett sind. Alles paletti. Sie setzen sich aufs Gitter und genie\u00dfen die warme Luft, die von unten kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSaubl\u00f6d, dass es nachts noch so kalt wird\u201d, sagt er. Sie nickt. Aber man kann es nicht \u00e4ndern. Die beiden ziehen die Kapuzen in die Stirn und trinken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabine und Ernst haben vor Kurzem drei Mitbewohner von der Platte  gejagt. Die haben sich einfach nicht an ungeschriebene Regeln halten  wollen. Sind abends ohne Beute aus der Stadt zur\u00fcck gekommen \u2013 aber beim Saufen und beim Fressen waren sie die Ersten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie haben sich auch am Gep\u00e4ck von Sabine und Ernst bedient. Obwohl  die immer die Planen \u00fcber ihre Sachen decken, bevor sie los tippeln. Die  Planen haben sie eigens bei einem Reifenh\u00e4ndler in Milbertshofen  organisiert \u2013 die sind besonders haltbar, blick- und absolut wasserdicht. Eins-A-Folien sind das. Und die Anderen haben sie einfach runtergerissen und sich an den Sachen vom Ernst und der Sabine zu schaffen gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDa hab\u2019 ich sie naus gehaut\u201d, sagt der Ernst. Musste sein. Weil: Wenn sich einer hier auf \u201cPlatte\u201d nicht zu wehren wei\u00df, dann geht er unter. Das hier drau\u00dfen ist echt kein Spa\u00df in der heutigen Zeit.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, sagt Ernst, man kann das alles nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen.  Die Gesellschaft kann mit ihm nichts mehr anfangen, er ist auf diesem  Luftschacht gelandet, nichts zu \u00e4ndern. Klar, oft denken die Sabine und  er, es w\u00e4re schon super, abends in ein gemachtes Bett zu steigen, ein Dach \u00fcber dem Kopf zu haben, sich nicht mit dem Nacht-Gefr\u00f6stel herum schlagen zu m\u00fcssen. Klar w\u00e4re es sch\u00f6n, nicht so arg zu stinken und noch alle Z\u00e4hne zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber Hauptsache&#8221;, sagt der Ernst und prostet dem Alois, der in einer gespenstisch leeren U-Bahn auf Besuch gekommen ist. &#8220;Aber Hauptsache, mir san gsund.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ENDZEIT 11 Die Sonne ist weg, die Flasche leer, der Olympiapark wird ungem\u00fctlich. 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