{"id":3813,"date":"2019-08-07T09:48:56","date_gmt":"2019-08-07T09:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3813"},"modified":"2019-08-08T10:39:06","modified_gmt":"2019-08-08T10:39:06","slug":"the-face","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/the-face\/","title":{"rendered":"THE FACE"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><strong>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Krohn notiert, 7. August<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrina erwischt mich hinten am Gem\u00fcsebeet. Ich betrachte die Zucchini, die sich in diesem Jahr m\u00e4chtig aufgeblasen haben. Als wir operiert wurden, waren sie die \u201eSchl\u00e4fer\u201c des Gartens. Ein paar Bl\u00fcten, zaghaftes Sprie\u00dfen &#8211; nichts, was auf die Explosionen in diesen Tagen hingedeutet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt wachsen sie sich zu Unget\u00fcmen raus. Ich dr\u00fccke sie: richtig stramme Burschen! Dann gucke ich wieder bl\u00f6de aufs Gem\u00fcse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Zustand erwischt mich Sabrina.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas machst Du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch \u00fcberlege, wie wir das alles verarbeiten. Einmachen. Grillen. Lasagne. Irgendwas Neues versuchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMach mir nichts vor. Dar\u00fcber denkst Du nicht nach. Was ist es?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts, erkl\u00e4re ich und hoffe, dass das Thema durch sei. Nichts da. Sabrina will\u2019s wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also gut, wir gehen zum Haus und setzen uns auf die Bank unterm K\u00fcchenfenster. Die Wolken vom fr\u00fchen Vormittag haben sich aufgel\u00f6st, ein paar Flusen treiben sich noch herum &#8211; ansonsten heizt die Sonne das Land auf, es wird ein flirrender Sommertag werden. Sabrina h\u00e4lt das Gesicht ins Licht, die Augen hat sie geschlossen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas ist es, Hans?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mauerlauf spukt mir im Kopf herum.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAngst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, es ist keine Angst. Aber ich werde nerv\u00f6s. \u201eDu wei\u00dft, dass ich sowas oft gemacht habe. Aber so, wie ich diesmal dort antrete, ist es eine Premiere.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie l\u00e4sst mir die Pause, ich rede weiter:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sei nicht vorbereitet. Wie auch? Ein halbes Jahr nicht trainiert, erst seit drei Wochen kann ich wieder joggen. Keiner sollte in diesem Zustand 160 Kilometer am St\u00fcck laufen wollen, das sei unsinnig. \u201eDas ist Realit\u00e4tsverweigerung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ich es dann mache?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch habe mir das vorgenommen. Als es mir ganz beschissen ging, habe ich mir gesagt, dass es da nicht um eine Sportveranstaltung geht, sondern um das Einl\u00f6sen einer Vereinbarung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bl\u00f6dsinn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa, Du hast Recht. Aber ich komme aus der Nummer nicht raus. Ich muss das machen. Und jetzt, wo ich die Tage z\u00e4hlen kann, werde ich nerv\u00f6s. Wenn ich da raus gehe, muss die Einstellung stimmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hei\u00dft?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch werde dort &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; der Letzte von den Letzten sein. Vielleicht wird es anstrengender als alles, was ich bisher gemacht habe. Ich wei\u00df es nicht &#8211; das ist Neuland und k\u00f6nnte einem Sorge machen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sieht mich an, absch\u00e4tzend, absch\u00e4tzig, sp\u00f6ttisch, freundlich. \u201eEs kommt also nicht in Frage, dass Du absagst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas machst Du denn dann mit den komischen Sorgen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich nehme sie an der Hand und gehe mit Sabrina an meinen Computer. Dort habe ich auf der \u201eTranscontinental\u201c-Seite einen Bericht \u00fcber Fiona Kolbinger gefunden. Die kommt aus Heidelberg, ist 24 und hat gerade das h\u00e4rteste Radrennen der Welt gewonnen. 4000 Kilometer in zehn Tagen von Ost nach West durch die Alpen. Kein Begleitfahrzeug, kein Mechaniker; der Athlet ist allein auf sich gestellt. Fiona Kolbinger alle 24 Stunden 400 Kilometer gefahren, hat vier bis sechs Stunden pro Tag geschlafen. Im Stra\u00dfengraben hat sie \u00fcbernachtet, in Heuschobern, in Absteigen. Als erste Frau \u00fcberhaupt hat sie dieses Rennen gewonnen, der Zweite kam zehn Stunden nach ihr ins Ziel. Als sie geduscht und ausgeschlafen war, sind die meisten noch auf der Strecke. Heute gurken gar zwei Nachz\u00fcgler noch in \u00d6sterreich durch die Berge &#8211; da f\u00e4hrt Fiona schon bei der Zielstadt Brest spazieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt viele Renn-Fotos von ihr. Im Anstieg zum Galibier. Beim Reparieren eines Defekts. Beim Essen auf R\u00e4dern. Beim Gespr\u00e4ch mit Zuschauern. Immer lacht sie, immer ist sie freundlich und entspannt. Einmal freilich ist sie die personifizierte Konzentration. Das ist in einem franz\u00f6sischen Hotel, in dem sie sich auf der Durchreise melden muss. Sie hat gefuttert und geduscht, etwas Frisches angezogen, gleich muss sie wieder aufs Rad.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sieht sie ein Piano und und setzt sich dran. Sie spielt Klavier &#8211; dabei m\u00fcsste sie Kilometer machen. Sie ist entr\u00fcckt und verz\u00fcckt. Verliert eine Viertelstunde Rennzeit &#8211; aber sie l\u00e4dt sich auf mit den T\u00f6nen, die sie auf den n\u00e4chsten hunderten Kilometern begleiten werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe, sage ich zu Sabrina, das Gesicht lange angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch will dieses Gesicht auswendig lernen. Da drin steckt das Leben und das \u00dcberleben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrina umarmt mich. Sie wird nicht mehr nachfragen. &nbsp;<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN.&nbsp; Krohn notiert, 7. August Sabrina erwischt mich hinten am Gem\u00fcsebeet. 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