{"id":3766,"date":"2019-06-14T13:58:07","date_gmt":"2019-06-14T13:58:07","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3766"},"modified":"2019-06-14T13:58:09","modified_gmt":"2019-06-14T13:58:09","slug":"aderlass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/aderlass\/","title":{"rendered":"ADERLASS"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\"><strong>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18.\nAugust 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das\nEvent hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung.\nEs beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kurze\nPause. Sabrina Pedrotti wischt sich die Stirn trocken. Fragt wieviel Uhr es\nist, beschlie\u00dft, es sei an der Zeit, einen Schluck zu nehmen, schenkt sich\neinen Primitivo ein, das erste Glas ist mit Pellegrino gespritzt, das zweite\nauch, die beiden gehen auf Ex, beim dritten Mal wird nicht verd\u00fcnnt. Sabrina nimmt\neinen Schluck, setzt das Glas auf dem Tisch neben den Pinseln ab, geht zu Hans\nKrohn, fasst seinen Kopf in beide H\u00e4nde und k\u00fcsst ihn irgendwo zwischen Schl\u00e4fe\nund Wangenknochen, wobei sie meint \u201eDu Lieber, Du\u201c. Dann l\u00e4sst sie sich auf die\nCouch fallen und sieht ihre Arbeit an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWei\u00dft\nDu jetzt, was es wird?\u201c, fragt Krohn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine\nPiet\u00e0.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie\nbitte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine\nmater dolorosa, eine Schmerzensreiche, eine Herrin des Mitleids.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\nwei\u00df, was eine Piet\u00e0 ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine\nist anders.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHabe\nich mir gedacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie\nist auch eine mater irae, eine mater furoris et versaniae. Wut und Raserei \u2013\ndas will ich zeigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs\ngeht um die Krankheit. Wenn Kranksein mir die W\u00fcrde nimmt, ist Kranksein\nschlimmer als Gestorben-Sein. Das will ich zeigen. Die Mutter, die ihren toten\nSohn beweint, macht ein gutes Bild. Die Mutter, in deren Scho\u00df ein junger Mann\nh\u00e4ngt, der noch lebt, aber kein Mann mehr ist, weil ihm die Krankheit die Kraft\nausgesaugt hat, ist ein Bild der Ohnmacht und Verzweiflung. Schmerzen.\nHoffnungslosigkeit. Vergehen. Geruch nach Verderben. Schei\u00dfe, Pisse, Kotze.\nAderlass und Medizincomputer \u2013 alles eins. Quacksalben oder Heilen \u2013 wo ist die\nGrenze? Das alles will ich zeigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hans\nKrohn nickt, aber geheuer ist ihm das Unterfangen nicht. Nach einer Pause fragt\ner, ob sich Sabrina gut \u00fcberlegt hat, dass sie sich in der Zeit, in der sie\narbeiten kann, auf ein Treffen mit dem Krebs einlassen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja.\nWill sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Glas geleert, mit einem entschiedenen Schluck. Aufgestanden, mit einem trotzigen Ruck. An die Arbeit. Sabrinas Sprache ist klar, die Gedanken bleiben b\u00f6se, der Ahornklotz ist wie ein Feind.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Erinnerst Du Dich, wie Sie mir \u201eOnkotype\u201c verkaufen wollten.\nWenn ich da nicht zugreifen w\u00fcrde, haben sie durchblicken lassen, w\u00e4re ich\nsowieso eine tote Frau. Ohne \u201eOnkotype\u201c ist man heute verloren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zwei M\u00f6glichkeiten habe ich, haben sie gemeint:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich kaufe mich ein \u2013 kostet 4000 Euro, ungef\u00e4hr.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein anderer Doc bietet das ganze Paket zwei Wochen drauf f\u00fcr\n3000 Euro an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Oder ich unterschreibe f\u00fcr eine Studie. Dann zahlt die\nKrankenkasse was, irgendwie, irgendwann. Dann bin ich unter den Nummern eine\nUnternummer. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Aber ich wei\u00df dann \u2013 haben sie gesagt \u2013 genau, was Sache ist.\nOb ich den Krebs habe, wann ich den Krebs bekomme, wenn ich ihn nicht habe.\nDann kann ich mir sicher sein \u2013 haben sie gesagt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Erst haben sie alles aus der Brust raus geschnitten. Alles\nbestens, &nbsp;haben sie nach der Operation\ngemeint &#8211; und im n\u00e4chsten Satz gesagt, wenn ich ganz sicher gehen will, kann\nich wohl auf dieses \u201eOnko-Dingsbums\u201c nicht verzichten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Da rufen dann Menschen an, die mir unbekannt sind, und setzen\nvoraus, dass ich mit einer Studie einverstanden bin, von der ich gar nichts\nwei\u00df. Sie wollen mich \u00fcberfahren \u2013 bei alten Menschen nennt man das den \u201eEnkel-Trick\u201c\n\u2013 und mir die Unterschrift abluchsen, bevor ich \u00fcberhaupt zum Nachdenken komme.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich bin noch gar nicht verheilt \u2013 da bekomme ich schon Post,\ndass ich bis jetzt 15000 Euro gekostet habe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich wei\u00df schon: Jetzt soll ich mich schei\u00dfe f\u00fchlen und\ndenken, Gott bin ich teuer, jetzt nur nicht zus\u00e4tzlich das Maul aufrei\u00dfen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann verschreiben sie mir Mepilex. Nun muss ich aber wirklich\nein schlechtes Gewissen haben:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Was f\u00fcr eine undankbare Patientin!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Macht Probleme!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Heilt nicht sauber ab!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>L\u00e4sst sich operieren und eitert vor sich hin!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Also Mepilex. Kommt aus Schweden, die Fabriken stehen in\nM\u00f6lnlycke bei G\u00f6teborg, da stehen sie seit 1849. Textilien wurden in den von\nWasser umgebenen Hallen hergestellt, sp\u00e4ter spezialisierte sich das Unternehmen\nauf Verb\u00e4nde, der Mull wurde erfunden. Verb\u00e4nde brauchen die Menschen immer, im\nKrieg und im Frieden. Ich habe das im Netz recherchiert, da wird einem\nschlecht, wenn man sieht, wie die M\u00f6lnlycke-Leute sich dick tun, weil sie die\nWelt verbinden. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dabei saugen sie erst einmal die Arbeiter aus. Es gibt Bilder\nvon Patienten, die sich ihre Verb\u00e4nde selbst rollen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und heute sind sie immer noch die Gr\u00f6\u00dften. Ich kriege das\nnoch hin, was sie im Netz schreiben:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jede Minute fabrizieren sie 400 Paar Einweg-Handschuhe. Jeden\nTag hauen sie 800000 Produkte raus. Alle drei Sekunden wird in irgendeinem\nOP-Saal auf dem Globus ein Patient mit einem M\u00f6lnlycke-Tuch abgedeckt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und sie haben Mepilex. Grau. Schlicht wie Schaumstoff. Wunder\nbei der Wundheilung. Schweineteuer.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ist mir verschrieben worden \u2013 mit dem Hinweis, dass das eine\nF\u00fcnf-Sterne-Behandlung ist. 240 \u00d6cken das Twelfe-Pack. Da bin ich erschrocken.\nAls ich im Netz nachgeschaut habe, gab es die Packung f\u00fcr 150. Ich spreche beim\nn\u00e4chsten Mal den Apotheker drauf an, da isser beleidigt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein, kritisch darfst Du nicht sein, wenn Du Patient bist.\nDann st\u00f6rste Du das Ganze.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Oder nehmen wir Heidelberg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Hans\nw\u00fcrde gern Wein trinken \u2013 die Suada der Pedrotti strengt ihn an. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber\ner ist ein braver Patient. Kein Alkohol. <\/p>\n\n\n\n<p>Krohn\nfragt, was sie damit meine:<\/p>\n\n\n\n<p>Heidelberg?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas\nkann ich Dir sagen. Angefangen hat es mit der ,Bild\u2018. Als die von einer\n,Sensation\u2018 schrieben, haben sie mich gehabt. Tage hat es gedauert, bis ich\nmerkte: Schon wieder verarscht.\u201c <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN. Kurze Pause. Sabrina Pedrotti wischt sich die Stirn trocken. 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