{"id":3763,"date":"2019-06-13T13:15:27","date_gmt":"2019-06-13T13:15:27","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3763"},"modified":"2019-06-13T13:15:29","modified_gmt":"2019-06-13T13:15:29","slug":"erniedrigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/erniedrigung\/","title":{"rendered":"ERNIEDRIGUNG"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\">Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und endet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina in Fahrt: <\/p>\n\n\n\n<p><em>Una scena feroce!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Weil die Arbeit am Holz anstrengend ist,\nschwitzt die K\u00fcnstlerin (obwohl sie unterm Blaumann nichts Nennenswertes\ntr\u00e4gt). In gleichm\u00e4\u00dfigen Schl\u00e4gen bringt sie den Klotz in Form. Das braucht\nGeduld und Energie. Durch die Fenster schickt die Sonne goldene Lichtbahnen in\nden Raum und illuminiert die K\u00fcnstlerin. Lichtkanten auf den Haaren, am\nEllbogen, goldenes Strahlenspiel am Hintern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu Sabrina:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ist doch nicht so, dass ich geil drauf w\u00e4re, jedes Mal in\nden Kampf zu ziehen, wenn es um den Busen geht. Ich bin doch schon so m\u00fcde und\nd\u00fcnnh\u00e4utig, weil es mich erwischt hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das scheint Ewigkeiten her, seit sie mir gesagt haben, es\nist Krebs.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich habe in der Sendlinger Stra\u00dfe die Unterlagen geholt,\nbin zum Arzt. Ich mag den gern, aber er hat mich gleich so zusammen gefaltet,\ndass ich mir wie eine Hauptschuldige vorgekommen bin. Mit diesem Befund darf\nman keinen Tag verlieren, jetzt muss ich alles vergessen, was mir wichtig war.\nEs geht um Leben und Tod. Dazu hat mich der Arzt angesehen wie eine zurecht\nVerurteilte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nach der Operation war es dieses K\u00e4mpfen gegen die Chemo.\nDa haben sie mich alle angesehen wie jemanden, der es sich aus eigener Dummheit\nmit allen und jedem verscherzt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie haben mich f\u00fcr dreiviertel neun am Morgen ins\nKrankenhaus bestellt, aber die \u00c4rztin ist erst um halb zehn gekommen. Beim\nn\u00e4chsten Mal kam die \u00c4rztin um neun, aber ich habe noch eineinhalb Stunden\ngewartet, bis ich dran war. Man hatte viel zu viele Patientinnen bestellt. Ich\nhabe mich beschwert, wir haben vereinbart, dass ich beim n\u00e4chsten Mal die Erste\nbin, die sie dran nehmen. Das war ich auch \u2013 und zu gleicher Zeit wurden f\u00fcnf\nweitere Kabinen besetzt. Da sa\u00dfen dann sechs Frauen und haben gewartet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die \u00c4rztin kommt (es ist jedesmal eine andere, und jede\nf\u00e4ngt mit der Befragung ganz von vorne an, ich muss meine Geschichte erz\u00e4hlen,\ndie doch im Krankenblatt steht, aber ich muss sie erz\u00e4hlen). Ich soll die Brust\nfrei machen\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEinen Augenblick\u201c, sagt die \u00c4rztin, \u201eich bin gleich\nwieder da.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und wieder sitze ich da und warte. Es ist immer ein\nfensterloser, nach Krankenhaus riechender kleiner Raum. Mit Bildern von kranken\nBr\u00fcsten und B\u00fcchern voller Krebs. Ich sitze da, die Brust ist nackt, ich friere\nein bisschen. Ich h\u00f6re die Ger\u00e4usche von drau\u00dfen und aus den Nebenr\u00e4umen, in\ndenen Frauen mit blanken Busen an der Reihe sind.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das ist erniedrigend. Ich verliere in diesem Raum ganz\nrasch die W\u00fcrde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die \u00c4rztin kommt wieder rein (Da gibt es die jungen\nDinger, die alles besser wissen. Und die erfahrenen, die es in der Hierarchie\nnicht weit geschafft haben, sie haben den Frust in den Augen. Da gibt es die\nFrauen, die seit eineinhalb Tagen wach sind und sich durch die letzten Stunden ihrer\nSchicht m\u00fchen. Da gibt es auch die, die einem ganz klar machen, dass man krank\nist und gef\u00e4lligst das Maul halten und die Doktoren ihre Arbeit machen soll.)\nund tastet den Busen ab. Mal ist ein Antibiotikum n\u00f6tig, mal nicht.\nZwischenfragen sind l\u00e4stig. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Weisst Du, Hans, was die beim letzten Mal gesagt hat?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Blutbild ist soweit ganz okay, hat sie gemeint. Zwei\nVirenst\u00e4mme sind noch gefunden worden. Einmal diese F\u00e4kal-Bakterien, und dann\ndas andere Zeug.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie bitte? Ich hatte gedacht, das Blut sei sauber, so\nhatte es die letzte \u00c4rztin erkl\u00e4rt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die neue Doktorin hat mich gemustert und nicht gemocht. Hat\nmit dem Finger auf ihre Unterlagen gedeutet und gemeint, da steht es. F\u00e4kal und\ndas andere.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Was das nun f\u00fcr mich hei\u00dft, wollte ich wissen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDas F\u00e4kal-Bakterium kennen wir gut, daf\u00fcr gibt es ein\nAntibiotikum. Das andere Bakterium, naja, da k\u00f6nnen wir uns noch keinen Reim\nmachen. Wir beobachten das. Ich erkl\u00e4re es ihnen gleich, wie wir weiter machen.\nEinen Moment bitte.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wieder ist sie weg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Erkl\u00e4rt hat sie nicht viel. Ich musste wieder mal in die\nApotheke und ein neues Mittel holen. Die Apothekerin war mitleidig und hat mir\netwas Hom\u00f6opathisches f\u00fcr den Magen eingeredet. Das sind ziemlich viele\nAntibiotika, hat sie gesagt \u2013 nicht dass die den Magen angreifen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und n\u00e4chste Woche bin ich wieder dran. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wahrscheinlich eine neue \u00c4rztin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wahrscheinlich noch ein Befund und noch etwas aus der\nApotheke. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>N\u00e4chste Woche, dreiviertel neun morgens. Ich werde\np\u00fcnktlich sein. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Und in dem Wartezimmer sitzen und in die Gesichter von\nzehn Frauen mit Kopft\u00fcchern gucken. Ich werde in diese Gesichter schauen und\ndenken:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Herrgottnochmal, mir wird die Zeit knapp. Und was\npassiert? Sie stehlen mir hier den kostbaren Rest.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. 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