{"id":3745,"date":"2019-05-27T06:42:55","date_gmt":"2019-05-27T06:42:55","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3745"},"modified":"2019-05-27T06:44:03","modified_gmt":"2019-05-27T06:44:03","slug":"alter-mann-und-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/alter-mann-und-mehr\/","title":{"rendered":"OLD MAN AND MEHR"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\"><strong><em>Startschuss:\n17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen:\n160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In\n\u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und\nendet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sabrina mag sich nicht vorstellen, dass ein Mensch, der solch ein wunderbares Museum eingerichtet hat, der ewige Kunst erkannt und gehortet, der f\u00fcr das Sch\u00f6ne gek\u00e4mpft hat, ein \u201eArschloch\u201c gewesen sein soll. Nachdenklich trappt sie durch den Park \u00fcberm See. Aus einer Manteltasche hat sie eine kunterbunte M\u00fctze gezogen, aus der Handtasche die Sonnenbrille gefischt. Jetzt ist sie gewappnet f\u00fcr outdoor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErz\u00e4hl.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er war unsinnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war streits\u00fcchtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm waren die anderen\nMenschen wurscht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein manisches, verlogenes\nSt\u00fcck in eigener Sache hat Lothar-G\u00fcnther Buchheim aufgef\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Weil die Mutter eine irre\nK\u00fcnstlerin war, ist er als Kind schon verloren gewesen. Ihn streichelte\nniemand, er war zu keinem nett. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Nazis hat er sich\nschadlos gehalten. Verflucht begabt ist er gewesen, und so konnte er sich\ndurchwurschteln mit seinen Reportagen von der Marinefront. Die \u201eKameraden\u201c, zu\ndenen er ins U-Boot stieg, entlarvten Buchheim als Feigling und Speichellecker.\nDie braunen Propagandisten standen tierisch auf seine Bilder und Storys.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg zu Ende\nging, griff sich der Berichterstatter Buchheim noch ein paar Artefakte in der\nNormandie und verzupfte sich nach Bayern. Die \u201eGeliebte\u201c aus Frankreich \u2013 es war\nwohl eher die \u201eGefickte\u201c \u2013 schlug er sich schnell aus dem Hirn, tat weitere\nWeiber auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat eine Frau\ngeheiratet, die seine Gesch\u00e4fte zuverl\u00e4ssig in seinem Sinn besorgte. Sie hat auch\neinen Sohn in die Welt gesetzt. Der war dem Vater nicht willkommen, sp\u00e4ter hat\ner ihn als eine Art Sekret\u00e4r und Geldboten gehalten. Geld gab es immer \u2013 und immer\nmusste man drum raufen, es verstecken, jemanden \u00fcbervorteilen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ja sicher, Buchheim liebte\nSchampus und Kaviar \u2013 aber gezahlt haben das Zeug immer die Anderen. Er hatte\ndas Gef\u00fchl f\u00fcr teure Kunst \u2013 drauf gezahlt haben bei seinen Winkelz\u00fcgen immer\ndie Anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schrieb ein\nordentliches Buch, sein Strich war passabel. Und Buchheim schaffte es, dass\nviele glaubten, er sei ein gro\u00dfes kratives Genie.<\/p>\n\n\n\n<p>War er nicht. Er war ein\nlauter PR-Agent der Buchheim-Legende.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Sohn rebellierte,\nkam es zum Bruch. Der Vater beschimpfte Yves Buchheim als ungewollten \u201eBastard\u201c\nund seine Frau als Hure. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Buchheims Bruder\nbeerdigt wurde, stellte er sich ans offene Grab und p\u00f6belte. Ein alter Mann mit\nunordentlich geschnittenem kurzen Haar (er war zu geizig, zum Friseur zu gehen,\ndazu hatte er eine Frau). Langer dunkler Mantel, b\u00f6ser Blick \u00fcber die\nTrauergemeinde. <\/p>\n\n\n\n<p>Buchheim wartete, bis\njeder ganz Ohr war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin ganzes Leben habe\nich mit meinem Bruder geteilt, von der fr\u00fchen Kindheit an, und ich wei\u00df, dass\nwir mit kahl geschorenen K\u00f6pfen von einem Kinderheim ins andere gesto\u00dfen wurden\nund aus der vorgeheuchelten gutb\u00fcrgerlichen Familie kamen, nicht aus einem\nsogenannten geordneten Elternhaus, sondern aus einem wahren Chaos. Es war eine\nverlorene Kindheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein gallbitterer\nMonolog war das auf dem Friedhof von Feldafing. Buchheim kotzte sich aus \u00fcber\nseinen Bruder und dessen Freunde, allesamt \u201eKameradenschweine\u201c, \u201eNazigesindel\u201c,\n\u201ealte Kameraden, Braunhemden und schlimmes Pack\u201c. Man lie\u00df ihn geifern, doch er\nh\u00f6rte nicht auf, nie h\u00f6rte Buchheim auf in seinem J\u00e4hzorn, nie war er zu\nstoppen. Nicht einmal am Grab des Bruders.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann begann einer mit\nden Schuhen im Kies zu scharren, die restlichen Besucher taten es ihm nach. Sie\nwurden mit den F\u00fc\u00dfen lauter, als Buchheim es mit seiner Stimme schaffte. Er\nbr\u00fcllte gegen das Scharren an, eine Tochter des Verstorbenen schob den alten\nMann zu Seite. \u201eH\u00f6r auf, G\u00fcnther, es reicht jetzt! H\u00f6r auf, unsere Freunde zu\nbeleidigen.\u201c Die Trauerg\u00e4ste dr\u00fcckten den alten Mann weiter und weiter an den\nRand.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stapfte er vom\nFriedhof, lie\u00df sich in einer nahen Wirtschaft voll laufen, taumelte sp\u00e4ter zum\nLeichenschmaus, wurde mit Bier versorgt und nicht mehr zur Kenntnis genommen. Man\nbrachte ihn nach Hause, er kam nicht zur Ruhe. Schrieb einen Brief an die\nWitwe. \u201eDieser Mensch, der mein Bruder war, war ein ganz Anderer als der, den\nihr kennt. Ich habe genug gehabt von diesem christlichen Gew\u00e4sch. Ich wollte\n\u00fcber meinen Bruder reden, mit dem ich schlie\u00dflich aus der W\u00e4rme ein und\ndesselben Bauches ans Licht dieser elenden verlogenen Welt bef\u00f6rdert worden\nbin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Buchheim war so furchtbar\ntraurig an diesem Tag. Also w\u00fctete er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas war doch menschlich\u201c,\nsagt Sabrina.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon, schon.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst Du ihm das\nvorwerfen? Dass er es so schwer mit seinen Gef\u00fchlen hatte?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das ist es nicht,\nsagt Krohn. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas dann?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Buchheim war begabt. Ein\nMensch der Kunst. Er hatte Erfolg. Ein G\u00f6tterg\u00fcnstling, k\u00f6nnte man meinen, ist\ner gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nein!<\/p>\n\n\n\n<p>Geiz. Betrogen und\ngelogen. Kunstbetrug. Steuer-Hinterzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Misstrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neid.<\/p>\n\n\n\n<p>Zorn.<\/p>\n\n\n\n<p>Unfreude. Hader.\nB\u00f6swille. Schaden-Lachen. Schatten-Denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Krohn bleibt stehen und\nsieht die Rain-Queen Sabrina an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr hat alles gehabt. Und\ner hat sich nicht daran gefreut. Das verstehe ich nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nimmt seine H\u00e4nde. \u201eDa\nmusst Du nicht weinen. Wie Andere mit sich umgehen, interessiert uns nicht. Mir\nist es egal, ob dieser Buchheim ein Arschloch gewesen ist. Er hat diese Bilder\nzusammengestohlen, und jetzt h\u00e4ngen sie da unten im Museum und wir stehen davor\nund staunen \u00fcber soviel Sch\u00f6nheit. Das z\u00e4hlt f\u00fcr mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, da hat sie wohl\nRecht. Und \u00fcberhaupt: Wer weint denn? Ist nur der Regen. Klar? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In \u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. 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