{"id":3739,"date":"2019-05-23T12:10:55","date_gmt":"2019-05-23T12:10:55","guid":{"rendered":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/?p=3739"},"modified":"2019-05-23T12:14:43","modified_gmt":"2019-05-23T12:14:43","slug":"3739-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vettensjournal.de\/klassischer-journalismus\/3739-2\/","title":{"rendered":"WUNDERBARE JAHRE"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><strong><em>Startschuss:\n17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen:\n160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. Das Event hei\u00dft \u201cMauerweglauf\u201d. In\n\u201cVettensjournal\u201d das Protokoll der Vorbereitung. Es beginnt am 9. M\u00e4rz 2019 und\nendet am 17. August: 22 WOCHEN.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es schifft\nin Bayern. Land unter. Muttertag. In den Bergen f\u00e4llt Schnee. Ein junger Mann gurgelt\nmit dem Strohhalm einen Milchshake aus dem Becher, guckt auf den Parkplatz vor\ndem Penzberger McDonalds und sagt zu seinem Freund, eigentlich h\u00e4tte er heute\neine Maschin\u2018 probefahren wollen, aber drauf geschissen bei so einem Wetter.\nDas sei ein echter \u201eGammeltag\u201c. Er schiebt sich die Baseball-Cap in die Stirn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrina\nkichert. Sie nimmt noch ein McNugget, hach, wie ungesund ist das, und f\u00fcr eine\nKrebskranke schickt es sich gleich gar nicht. Aber sie liebt diesen Tag mit den\nPommes und den Apfeltaschen und den S\u00fcnden und dem Dauerregen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sch\u00f6n\nsieht sie aus. Kaschmirmantel. Glitzersakko. Jeans. Teurer Mohair-Schal, auf\nden Sabrina ein bisschen Curryso\u00dfe gekleckert hat, na und?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wischt\ndas Frittenfett von den Fingern und entscheidet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLos.\nGegessen haben wir! Gammeltag ist nicht. Jetzt machen wir Kultur.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie landen\nin Buchheims Museum. Aufs Neue verkirrt sich Sabrina in Kirchner und Nolde, den\nalten Nazi. Den flotten Dreier stockt unvermutet der Heckel auf; den mag\nSabrina ansonsten nicht so doll, aber beim Buchheim h\u00e4ngen Bilder, die sie\nanr\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lang steht\nsie vor einem wandgro\u00dfen Bergbild Kirchners und staunt. Ganz leicht ist ihr.\nSie denkt, was f\u00fcr einen Mut dieser Mann gehabt haben muss, als er seine\nLehmfarben verteilte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Kirchner, K\u00e4mpfer f\u00fcr\nseine Kunst. Irgendwann war er am Ende mit dem Mut zum Weitermachen. An einem\nGartenzaun auf dem Wildboden bei Davos setzte er sich die Browning M 1910 (Kaliber\n7.65) mit der Seriennummer 96151 zweimal auf die\nBrust und dr\u00fcckte ab. Aus war\u2019s mit der\nKunst. Ernst Ludwig Kirchner liegt auf dem Waldfriedhof in Frauenkirch\nbegraben, nur hundert Meter von dem Gartenzaun weg, an dem er sich erschoss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie m\u00f6chte gehen, erkl\u00e4rt Sabrina, nachdem sie sehr lange vor Krichners\nBergbild gestanden hat. Krohn macht sich Sorgen. Ihr Lachen ist verschwunden, in\nsich gekehrt l\u00e4sst Sabrina sich in den Mantel helfen, an der Kasse geht sie\nvorbei, ohne eine Kunstkarte zu kaufen (das tut sie ansonsten immer nach einem\nMuseumsbesuch), wortlos dr\u00fcckt sie sich durch die Dreht\u00fcr hinaus in den Regen.\nEr folgt ihr, den H\u00fcgel hinauf, in Richtung Parkplatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrina stoppt und sagt: \u201eLass uns sitzen und schauen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie deutet auf eine Bank, auf der Wassertropfen spratzeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs regnet:\u201c, meint Hans Krohn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa und? Ist doch sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun denn, sie setzen sich. Blicken \u00fcber die sumpfnasse Wiese, vorbei an\neinem hippiebunt lackierten Helikopter, zum Museum, das sich in den Hang duckt.\nKein sch\u00f6nes Geb\u00e4ude ist das an diesem verschifften Nachmittag, ungepflegt\nwirkt es und nicht ganz dicht. Dahinter der See, der sich grau kr\u00e4uselt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Menschen passieren das Paar an der Bank verwundert und ziehen die\nRegenschirme dichter \u00fcber die K\u00f6pfe. Hans Krohn kann das Befremden\nnachvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabrina murmelt (w\u00e4hrend der Regen \u00fcber ihren schwarzen Mantel tr\u00e4nt):<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Diesseitig bin ich gar\nnicht fassbar<\/em><em><br>\nDenn ich wohne grad so gut bei den Toten<br>\nWie bei den Ungeborenen<br>\nEtwas n\u00e4her dem Herzen der Sch\u00f6pfung als \u00fcblich<br>\nUnd noch lange nicht nahe genug.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie war das?\nwill Krohn wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Na, das habe\nsie vor ein paar Tagen bei Klee gelesen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wann das\ngewesen sei?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch habe mir\nein paar von Deinen B\u00fcchern ausgeliehen. So welche, von denen ich gedacht habe,\ndass sie gut zum Wein passen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Achso. Krohn\nschweigt. Denkt nach. Paul Klee \u2013 wo hat er denn den Klee hin gestellt? Achja,\nneben den Wolkenstein. Das ist ein kunterbuntes Regal geworden. Klee neben\nWolkenstein, Klaus Mann an der Seite von Am\u00e9ry. Die Erz\u00e4hlungen Hemingways, ein\nm\u00e4\u00dfig inspiriertes Sachbuch von Birgit Lahann \u00fcber K\u00fcnstler, die Selbstmord\nbegangen haben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seltsame\nAuswahl. Als er die B\u00fccher versammelte, hatte er keine rechte Idee, warum. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, der\nKlee. Dessen Gedichte und Tageb\u00fccher sind auch dabei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDa f\u00e4llt\nmir was ein\u201c, sagt der auf der Bank einn\u00e4ssende Krohn. \u201eZiemlich gute Gedichte.\u201c\nEr bem\u00fcht sich um dramatischen Vortrag:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Einst werd ich liegen im\nNirgend<\/em><em><br>\nbei einem Engel irgend<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sch\u00f6n.\nSabrina hat das Gesicht einer wunderbaren Frau, die in den Sonnuntergang\nblickt, dabei guckt sie ins Mai-Geschn\u00fcrl. Ob Hans sich an mehr erinnere?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, das tut\ner. Weil er die ersten Zeilen des Gedichts in seiner Kladde notiert hatte. Dir\nKraft der W\u00f6rter hatte er festhalten wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Krummfahrer! B\u00f6sharrer!\nSchmutzstarrer!<\/em><em><br>\nPelzl\u00e4user! Wi\u00dfbesser!<br>\nSchmerling!<br>\nDuckm\u00e4userlehrling!!<br>\n<br>\nAlle alle hatt ich gern<br>\nund jetzt bin ich k\u00fchler Stern.<br>\n<br>\nGro\u00dfwendig. Schwerhendig<br>\nanhaltig \u2013 glattfaltig<br>\nvieleinig.<br>\n<br>\nferne Seele bitt um Gnade<br>\nmach mich tief.<br>\n<br>\n<\/em><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soll er erschrecken? Hans Krohn sieht hin\u00fcber zu der Frau, die nur Interesse f\u00fcr den See im Regen zu haben scheint. Nach Z\u00f6gern \u2013 es ist ein Augenblick, in dem er die Wendungen durchspielt, die das Gespr\u00e4ch nehmen k\u00f6nnte \u2013 fragt er, welche B\u00fccher sie denn au\u00dfer dem Klee noch \u201eausgeliehen\u201c habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie antwortet zu schnell. Ach nichts Besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hans Krohn wei\u00df Bescheid. Sabrina und er teilen sich die Lekt\u00fcre. Das ist nicht gut, gar nicht gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eSelbstm\u00f6rder ist man lange\nbevor man sich umbringt\u201c, <\/em>schreibt Jean Am\u00e9ry. W<em>arum begeht man Selbstmord? <\/em>fragt Klaus Mann. \u201e<em>Pl\u00f6tzlich ist man am toten Punkt, am\nTodespunkt. Die Grenze ist erreicht. Kein Schritt weiter! Wo ist der Gashahn?\nHer mit dem Phanodorm! Schmeckt es bitter? Was tut&#8217;s? Das Leben hat nicht eben\ns\u00fc\u00df geschmeckt.\u201c <\/em><em>Und S<\/em>tefan Zweig notiert kurz\nvor dem gemeinsamen Suizid mit seiner Frau: \u201e<em>Ich gr\u00fc\u00dfe alle meine Freunde! M\u00f6gen sie die Morgenr\u00f6te noch sehen\nnach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Krohn erinnert sich auch an die Passage aus\ndem Lahann-Buch, die ihn seit dem Lesen besch\u00e4ftigt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Wolfgang Herrndorf ist wohl der erste\nSchriftsteller, der \u00fcber seinen unheilbaren Tumor im Kopf und seinen\nbeschlossenen Suizid \u00f6ffentlich und bis zum Ende in seinem Blog \u201eArbeit und\nStruktur\u201c geschrieben hat. \u00dcber Tr\u00e4nen und Tr\u00e4ume, Chemotherapien und das\nVerl\u00f6schen seiner Energie, \u00fcber Todesangst und gew\u00fcnschte Lebenszeit, und immer\nmit der Frage im Kopf: Wird der Absprung rechtzeitig gelingen? Ich schlafe mit der Waffe in der Faust,\nein sicherer Halt, als habe jemand einen Griff an die Realit\u00e4t geschraubt. Alle\nKoordination kommt aus dem Kopf. Als er merkt, dass er sich nicht mehr auf sie\nverlassen kann, ist es soweit. Liegen\nbis in die Nacht am Ufer unter Sternen. Wenige Tage sp\u00e4ter, am 26.\nAugust 2013, erschie\u00dft er sich kurz vor Mitternacht in Berlin am Ufer des\nHohenzollernkanals.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\"><em>Ein Freitod kann aber auch impulsiv und\neruptiv sein. Am 12. September 2013 springt der Schriftsteller Erich Loest, der\nmit dem Roman \u201eNikolaikirche\u201c ber\u00fchmt geworden war, mit 87 Jahren aus dem\nzweiten Stock des Universit\u00e4tsklinikums Leipzig. Als man der herbeigerufenen\nLebensgef\u00e4hrtin sagt, dass ihr Mann sich kurz vor 18 Uhr aus dem Fenster\ngest\u00fcrzt habe, ist Linde Rotta fassungslos. Um 17 Uhr hat sie ihm doch noch\neine Scheibe Brot in kleine St\u00fccke geschnitten. Aufstehen wollte er nicht, zu\nschwach. Und nun soll er aus dem Fenster gesprungen sein? Ihr Mann, schreibt\nLinde Rotta im Nachtrag seines posthum erschienenen Tagebuchs \u201eGelindes\nGrausen\u201c, litt an hysterischer H\u00f6henangst. Doch dann sieht sie seine letzte\nErz\u00e4hlung auf dem Nachttisch. Sie ist sicher, dass sie dort vorhin noch nicht\ngelegen hat. Nun ahnt sie, schl\u00e4gt das Buch auf und liest die Abschiedszeilen\nf\u00fcr sie mit \u201eDank f\u00fcr wunderbare Jahre\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohne End\u2018 kommt der\nRegen. Sabrina h\u00e4lt ihr Gesicht heiter nach oben. Hans Krohn sieht ihr beim\nGenie\u00dfen des Wetters und des Tages zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, das war sch\u00f6n\nbeim McDonalds. Ja, das sind Farben f\u00fcr die Ewigkeit, die der Kirchner da auf\ndie Leinwand gebracht hat. Ja, das ist das pralle Leben, im Regen zu sitzen und\nzu wissen, dass man Gleiches denkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist was Anderes\nals die Welt dieses Buchheim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHast Du was\ngesagt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie meinst Du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu hast irgendwas\ngesagt \u00fcber Buchheim, glaube ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEhrlich? Na, da\nhabe ich laut gedacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas hast Du denn\ngedacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDass der Buchheim\nein Arschloch gewesen ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie meinst Du das?\nSoviel Kunst \u2013 und ein Arschloch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKennst Du seine\nGeschichte?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht besonders,\nsagt Sabrina. Er solle erz\u00e4hlen, das f\u00e4nde sie schick. Und vielleicht sollte\nman weiter gehen. Es regne. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie steht auf. Begossenes\nPudel-M\u00e4dchen. Er lacht. Und beginnt zu reden. Von diesem Buchheim und seinen <em>Wunderbaren\nJahren<\/em> mit sich selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Startschuss: 17. August 2019, 6.00 Uhr. Zielschluss: 18. August 2019, 12.00 Uhr. Dazwischen: 160 Kilometer zu Fu\u00df rund um Berlin. 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